Die Kinos des Grütli verzeichneten 2025 ausserhalb von Festivals mehr als 100'000 Eintritte und damit mehr als doppelt so viele wie im Jahresdurchschnitt von 2017 bis 2019. Dennoch schlägt die Stadt Genf in ihrem Budgetentwurf 2027 vor, die Subvention für die Kinos um 100'000 Franken zu kürzen – eine Reduktion um knapp 15 Prozent. Das Budget muss noch vom Gemeinderat verabschiedet werden. Eine Petition gegen diese Kürzung hat die Unterstützung des Publikums sowie von Persönlichkeiten aus dem Schweizer und internationalen Filmwesen erhalten.
Neben der Meinungsverschiedenheit über die für den Betrieb im Jahr 2027 erforderlichen finanziellen Mittel stellt sich auch die Frage nach der Zukunft: Der derzeitige Organisations- und Führungsrahmen der Kinos des Grütli muss bis Ende 2027 neu festgelegt werden. Was wird ab 2028 aus den Kinosälen, dem Filmprogramm und dem Team? Für Paolo Moretti ist die Verteidigung der Subvention inzwischen untrennbar mit der Forderung nach Klarheit über die Zukunft des Grütli verbunden.
Wie erleben Sie diese Zeit?
Nicht gut. Das ist paradox, denn der Institution geht es sehr gut, sogar besser als je zuvor, was die Entwicklung des Projekts und die Wertschätzung durch das Publikum betrifft. Seit vier Jahren verzeichnen wir einen Besucherrekord nach dem anderen. Vor zwei Wochen haben wir bereits die Zahl der Eintritte erreicht, die wir im gleichen Zeitraum 2025 verzeichnet hatten. Unser Projekt findet in der Bevölkerung immer mehr Anklang. Gleichzeitig haben wir den Eindruck, dass eine Institution bestraft wird, die gut funktioniert und ihre Aufgaben sehr gut erfüllt. Wir sind fassungslos. Dabei spreche ich nicht für mich persönlich: Diese Erfolge beruhen auf gemeinschaftlicher Arbeit und dem Einsatz des gesamten Teams.
Welche Gespräche haben Sie seit der Ankündigung der geplanten Kürzung mit der Stadt geführt?
Ich persönlich [Stand: 22. Oktober, Anm. d. Red.] bin seit der Ernennung der zuständigen Verwaltungsrätin noch nie von ihr zu einem Gespräch eingeladen worden. Es hat keinerlei Treffen gegeben. Der Präsident des Stiftungsrats hat erst einen Tag vor der öffentlichen Ankündigung von der Kürzung erfahren. Und zwar lediglich zu Informationszwecken und nicht einmal direkt von der zuständigen Verwaltungsrätin. Das zeigt das Niveau des Dialogs, der dieser Entscheidung vorausging. Was wir aus den Medien erfahren und als Information erhalten haben, ist, dass die Kürzung damit begründet werde, dass die Institution über ein «Kapital» verfüge.
Warum stellen Sie diese Argumentation infrage?
Als ich am 1. März 2020 meine Tätigkeit aufnahm, wies die Institution ein Defizit von 27'000 Franken auf. In sechs Jahren haben wir dank einer sorgfältigen Geschäftsführung und des Erfolgs beim Publikum eine Reserve von 105'000 Franken aufgebaut. Das entspricht weniger als einem Monat der laufenden Betriebskosten für zwanzig Mitarbeitende beziehungsweise 9,6 Vollzeitstellen. Das wird als «Kapital» bezeichnet, als würden wir Dividenden ausschütten. Dabei handelt es sich um ein Sicherheitsnetz, mit dem wir beispielsweise im Notfall eine Maschine ersetzen oder eine längere Abwesenheit überbrücken können. Das ist schlicht verantwortungsbewusstes Wirtschaften. Bei einer praktisch unveränderten Subvention hat sich unser Publikum verdoppelt. Diese Reserve ermöglicht es uns ausserdem, Neues auszuprobieren. In einem Unternehmen würde man das Forschung und Entwicklung nennen. Das ist nicht möglich, wenn man sich ständig am Rande des finanziellen Abgrunds bewegt. Am schwersten wiegt für mich die Botschaft, die damit an die Kulturinstitutionen vermittelt wird: Führt euren Betrieb sorgfältig, bildet Rücklagen – und wir kürzen eure Subvention. Damit wird eine Institution bestraft, die dank umsichtiger Geschäftsführung jeden Franken im Sinne des öffentlichen Auftrags wirksam eingesetzt hat.
Warum reichen Ihre Reserven nicht aus, um diese Kürzung aufzufangen?
Das ist, als würde man jemandem, der seine Arbeit gut macht, den Lohn kürzen, nur weil es ihm gelungen ist, etwas Geld auf die Seite zu legen. Ich werde die Institution mit einer finanziellen Reserve anders programmieren und führen als ohne eine solche Reserve. Zu behaupten, dass wir 2027 dieselben Leistungen erbringen können, bedeutet, den strategischen Entscheidungen des Stiftungsrats vorzugreifen. Man kann nicht einfach eine einmalig gebildete Reserve nehmen, sie für die laufenden Betriebskosten einsetzen und so tun, als würde sich dadurch nichts verändern. Wir sind eine gemeinnützige Stiftung. Diese Mittel dienen dem Publikum. Wir haben unser Filmangebot, die Anzahl Vorstellungen, die Kommunikation und die erreichten Publikumsgruppen ausgebaut, ohne dafür von der Stadt auch nur einen zusätzlichen Franken zu verlangen. Wir sind bereit, uns an gemeinsamen Sparanstrengungen zu beteiligen. Aber warum eine derart erhebliche Kürzung? Und warum wird sie mit den Reserven begründet, die wir dank einer sorgfältigen Geschäftsführung aufgebaut haben?
Welche konkreten Folgen hätte die Kürzung um 100'000 Franken?
Konkrete Entscheidungen gibt es noch nicht. Diese strategischen Fragen werden gemeinsam mit dem Stiftungsrat diskutiert werden. Das gesamte Modell müsste jedoch überprüft werden: die Anzahl der Filme, die Zahl der Vorstellungen, die Kommunikation, der Eintrittspreis und die Tarifbedingungen. Es ist völlig unrealistisch zu behaupten, dass wir mit 100'000 Franken weniger Subvention genau dasselbe Angebot aufrechterhalten könnten. Wir nehmen auch wenig bekannte Filme ins Programm auf, deren Bekanntheit wir häufig selbst erst aufbauen müssen. Ein experimentierfreudiges Filmprogramm lässt sich gut mit niedrigen Eintrittspreisen verbinden, weil diese das Publikum dazu ermutigen, auch einmal ein Risiko einzugehen. Im Sinne des öffentlichen Auftrags ist es viel interessanter, wenn hundert Personen acht Franken bezahlen, als wenn fünfzig Personen sechzehn Franken bezahlen. Innerhalb von sechs Jahren haben wir unser Angebot von weniger als 400 Filmen pro Jahr auf fast 800 Filme gesteigert. Man muss sich vorstellen, was das in administrativer, technischer und kommunikativer Hinsicht bedeutet. Diese Vielfalt ermöglicht es uns, unterschiedliche Publikumsgruppen anzusprechen und miteinander in Kontakt zu bringen. Für mich ist das Schönste und zugleich am schwierigsten zu Erreichende, wenn ich einen Kinosaal betrete und nicht bestimmen kann, wer das Publikum ist: 70-jährige Pensionierte, 18-jährige Jugendliche, Studierende oder Menschen, die gerade von der Arbeit kommen. Das ist ein Kinosaal, der sich an die ganze Stadt richtet.
Über die für 2027 vorgesehene Subventionskürzung hinaus muss auch der derzeitige Organisations- und Führungsrahmen der Kinos des Grütli bis Ende desselben Jahres neu festgelegt werden. Was wissen Sie über die weitere Entwicklung?
Die Formulierungen, die in der Presse zu lesen waren, lassen hinsichtlich der Absichten der Stadt für die Zeit nach 2027 völlige Ungewissheit bestehen. Die Institution erlebt gerade eine der erfolgreichsten Phasen ihrer Geschichte. Welches Projekt sollte es rechtfertigen, diesen Kurs infrage zu stellen? Welche Vision steckt dahinter? Uns wird gesagt, dass vor dem Vorliegen der Ergebnisse der Untersuchung zur Genfer Kinolandschaft, die für Oktober 2027 erwartet werden, keine Entscheidung getroffen werde. Gleichzeitig wurde aber bereits eine Subventionskürzung für 2027 angekündigt. Und für die Zeit nach Ablauf der bisherigen Vereinbarung ist noch kein Gesprächstermin vorgesehen. Was soll ich meinem Team erzählen? Dass wir bis November 2027 warten müssen, um zu erfahren, was im Januar 2028 mit uns geschieht? Über eine Verlängerung beziehungsweise Neuregelung müsste mindestens ein Jahr im Voraus gesprochen werden, nicht erst innerhalb von zwei Wochen. Es geht hier um zwanzig Mitarbeitende. Dieser Zeitplan ist nicht tragbar. Ich halte ihn gegenüber dem Team und seiner Zukunft sogar für verantwortungslos.
Ihre Petition hat die Unterstützung des Publikums sowie von Persönlichkeiten aus dem Schweizer und internationalen Filmwesen erhalten. Was bedeutet diese Mobilisierung für Sie und welche nächsten Schritte planen Sie?
Das gibt uns Sicherheit und berührt uns sehr. Diese Unterstützung macht die Arbeit sichtbar, die wir das ganze Jahr über leisten – sowohl für das Publikum als auch für die Filmschaffenden. Die Petition wurde mit Zustimmung des Stiftungsrats lanciert. Innerhalb von zwei Wochen 9'000 Unterschriften zu sammeln, ist ein deutliches Signal, das die Mitglieder des Gemeinderats, die die Bevölkerung vertreten, ernst nehmen sollten. Vor der Budgetabstimmung im Dezember werden wir ihnen Informationen über die aktuelle Situation und die Folgen der Kürzung zukommen lassen. Ausserdem müssen wir auf die Gerüchte über unsere Löhne und Neueinstellungen reagieren. Wir haben praktisch denselben Personalbestand wie 2017, 2018 oder 2019, und unsere Löhne bewegen sich im Rahmen dessen, was in Kulturinstitutionen üblich ist. Es gibt keine Verschwendung öffentlicher Gelder. Die nächsten Schritte kann ich noch nicht im Detail erläutern. Sie werden gemeinsam mit dem Stiftungsrat beschlossen. Wir werden jedenfalls nicht einfach untätig auf die Budgetabstimmung warten.
Stellungnahme der Stadt Genf
Nach der Kenntnisnahme des Cinébulletin-Interviews mit Paolo Moretti beantwortete Joëlle Bertossa, Verwaltungsrätin und Vorsteherin des Kulturdepartements, ebenfalls auf unsere Fragen. Sie antwortete schriftlich.
Warum wird die Subvention für das Grütli um 100'000 Franken gekürzt? Inwiefern ist die Stadt der Ansicht, dass die Reserven der Institution ausreichen, um diese Kürzung aufzufangen, ohne dass das Programmangebot und die Eintrittspreise beeinträchtigt werden?
Zunächst möchte ich betonen, dass die Kürzung der Subvention die hervorragende Arbeit des gesamten Teams der Kinos des Grütli in keiner Weise infrage stellt. Im Laufe der Zeit ist es dem Team gelungen, sein Publikum erheblich zu erweitern und sich für ein anspruchsvolles, vielfältiges und mutiges Kino einzusetzen. Das Departement für Kultur und digitalen Wandel musste eine Kürzung der Gesamtsumme der Subventionen um 2 Prozent vornehmen, was einem Betrag von insgesamt 1,5 Millionen Franken entspricht. Die entsprechenden Budgetentscheidungen stützten sich über sämtliche künstlerischen Bereiche hinweg auf mehrere objektive Kriterien: die Höhe der bisherigen Subventionierung, die Eigenmittel, die verfügbaren Reserven, die Häufigkeit der Aktivitäten sowie die Auswirkungen auf das Personal und das Publikum.
Die Reduktion unserer Unterstützung für die Kinos des Grütli ist vor diesem schwierigen und von finanziellen Zwängen geprägten Hintergrund zu sehen. Da die Zahlen eine wichtige Rolle spielen, sei zudem präzisiert, dass bei der Berechnung der Kürzung um 15 Prozent die Bereitstellung der Infrastruktur im Wert von 70'332 Franken sowie zweckgebundene Mittel anderer Departemente der Stadt Genf nicht berücksichtigt werden. Was das Leistungsangebot betrifft, können wir den Entscheidungen des Stiftungsrats nicht vorgreifen. Wir sind jedoch der Ansicht, dass die Kürzung keine Auswirkungen auf das Filmprogramm und das kulturelle Angebot haben wird, da das Eigenkapital höher ist als die vorgesehene Kürzung von 100'000 Franken.
Paolo Moretti beklagt einen mangelnden Dialog mit der Stadt. Er erklärt, dass er Sie bis zum 22. Oktober noch nie getroffen habe und dass der Präsident des Stiftungsrats erst am Vortag der öffentlichen Bekanntgabe über die Kürzung informiert worden sei. Was entgegnen Sie ihm?
Ich persönlich habe Herrn Moretti am 27. Oktober getroffen. Bei dieser Gelegenheit konnten wir uns über die Situation austauschen. Was die Ankündigung der Kürzung betrifft, wurden alle subventionierten Institutionen gleich behandelt. Sie wurden vom Kulturamt persönlich und zum selben Zeitpunkt informiert, und zwar noch vor der Pressekonferenz des Verwaltungsrats.
Welche Absichten verfolgt die Stadt im Hinblick auf die Kinos des Grütli nach 2027? Paolo Moretti weist darauf hin, dass bislang keine Gespräche über die Zukunft vorgesehen seien und dass Entscheidungen erst nach Vorliegen der Ergebnisse der für Oktober 2027 angekündigten Untersuchung zur Genfer Kinolandschaft getroffen würden. Ist das richtig? Welche Perspektiven können den zwanzig Mitarbeitenden für das Jahr 2028 geboten werden?
Die Stiftung der Kinos des Grütli, bei der Herr Moretti und sämtliche Mitarbeitenden der Institution angestellt sind, wird das Jahr 2027 als letztes Geschäftsjahr in der derzeitigen partnerschaftlichen Organisationsform erleben. Tatsächlich besteht derzeit keine Subventionsvereinbarung zwischen der Stadt Genf und der Stiftung der Kinos des Grütli, da Letztere sich seit 2020 weigert, eine solche Vereinbarung zu unterzeichnen. Die Stadt und die Stiftung sind lediglich durch ein jährlich erneuerbares Zusageschreiben mit entsprechenden Bedingungen verbunden. Angesichts dieser Situation habe ich dem Stiftungsrat im September 2025 unmissverständlich mitgeteilt, dass wir innerhalb der kommenden zwei Jahre, also bis Ende 2027, eine Lösung finden müssen. Bis heute hat die Stiftung unseren Vorschlag für eine Subventionsvereinbarung noch immer nicht unterzeichnet. Für genauere Auskünfte über die Zukunft der Mitarbeitenden und der bestehenden Organisationsstruktur verweise ich deshalb an den Stiftungsrat. Seitens der Stadt Genf wünschen wir weder eine Schliessung noch eine Zerschlagung der Kinos des Grütli. Im Gegenteil: Wir hoffen, den Rahmen für deren Betrieb erneuern zu können, indem wir die erwarteten Aufgaben im Bereich des öffentlichen Dienstes klar definieren. Um diese Aufgaben festzulegen und den Erwartungen und Bedürfnissen des Publikums sowie der gesamten Filmbranche gerecht zu werden – einschliesslich Produktions- und Verleihfirmen, Filmschaffenden und unabhängigen Kinobetreibern –, haben wir diesen Herbst eine Untersuchung zur Genfer Kinolandschaft lanciert. Deren Ergebnisse werden als Grundlage für die künftige Ausrichtung unserer allgemeinen Filmpolitik dienen und auch die Rolle der Kinos des Grütli innerhalb dieses Umfelds beleuchten.
Kann diese Kürzung schliesslich vor der Budgetabstimmung noch einmal überprüft werden, insbesondere angesichts der Mobilisierung des Publikums und der Filmbranche?
Ich freue mich sehr über die Verbundenheit des Publikums mit den Kinos des Grütli. Sie zeigt, dass die öffentliche Kulturförderung Früchte trägt und den Erwartungen des Genfer Publikums entspricht. Die Budgetentscheidungen sind noch nicht abgeschlossen und betreffen weit mehr als den Einzelfall einer bestimmten Institution. Der gesetzliche Rahmen verpflichtet die Stadt Genf dazu, bis 2033 wieder einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen. Gleichzeitig nehmen die gebundenen Ausgaben sowie die anstehenden Infrastruktur- und Entwicklungsprojekte kontinuierlich zu. Im Kulturbereich sollen in den kommenden Jahren bedeutende Projekte realisiert werden, und dem gesamten Kulturbereich werden zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt.
Abschliessend möchte ich daran erinnern, dass sich die Stadt Genf mit grossem Engagement für die Filmförderung einsetzt. Sie stellt dem Filmsektor jährlich rund 3,3 Millionen Franken zur Verfügung. Hinzu kommen neue Initiativen wie die 200'000 Franken für den kantonalen Förderfonds, rund 9'000 finanzierte Kinobesuche im Rahmen des Hitzeschutzplans für ältere Menschen, punktuelle Unterstützungen für Filme, die ausgewählt wurden, um die Schweiz bei den Oscars zu vertreten, sowie nicht zu vergessen die 1,5 Millionen Franken für Cinéforom, die über den Regulierungsfonds bereitgestellt werden.