Neuer Wind für den Dokumentarfilm in der Schweiz
© Ciné-Doc

Neuer Wind für den Dokumentarfilm in der Schweiz

Adrien Kuenzy 12. November 2024

Für die zweite Ausgabe von «Let's Doc!» weitet Gwennaël Bolomey, Gründer von Ciné-Doc, die Verbreitung des Programms auf über 140 Orte in der ganzen Schweiz aus. Unser Interview.

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Welche Mission verfolgt «Let's Doc!» und wie unterstützt dieses Projekt den Schweizer Dokumentarfilm?

Mit «Let's Doc!» und anderen Ciné-Doc-Initiativen haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, die Verbreitung und Sichtbarkeit des Dokumentarfilms in der Schweiz zu erhöhen, insbesondere in Regionen, die weit von den grossen Städten entfernt sind, und bei einem Publikum, das weniger Zugang zu kulturellen Angeboten hat. Für die zweite Ausgabe im November 2024 wird «Let's Doc!» auf über 140 Partnerorte im ganzen Land ausgeweitet, mit mehr als 300 geplanten Vorführungen. Dies bietet Verleihern, Produzenten und Filmemachern eine wertvolle Gelegenheit, ihre Werke zu präsentieren und mit dem Publikum in Kontakt zu treten. Die Originalität des Projekts liegt in der Vielfalt der Veranstaltungsorte: Neben Kinos arbeiten wir mit Bibliotheken, Gemeindehäusern, Museen, Kirchen, sozialen Einrichtungen, Gesundheitszentren und sogar Gefängnissen zusammen. Es ist ein einzigartiges Netz, das wir Jahr für Jahr weben, um den Dokumentarfilm in der Schweiz zu unterstützen und zu fördern.

Die Auswahl der Orte und Partnerinstitutionen für die Filmvorführungen ist sehr vielfältig. Nach welchen Kriterien findet diese statt?

«Let's Doc!» ist ein gemeinschaftliches und inklusives Projekt: Jeder Ort oder jede Gruppe kann eine Vorführung organisieren. Für die ersten beiden Ausgaben hat unser Team zahlreiche Orte und Institutionen angesprochen, um ein neuartiges nationales Netzwerk aufzubauen. Während wir uns von unserem Fachwissen leiten liessen, entwickelte sich die Auswahl der Partner auf empirische Weise. Das erste Jahr war von einem breiten Ansatz geprägt, den wir in diesem Jahr auf der Grundlage der Rückmeldungen und der Ergebnisse des Pilotprojekts verfeinerten. So hatten wir beispielsweise hohe Erwartungen an die Museen mit einer Auswahl an Filmen über Kunst, doch das Interesse von dieser Seite war gering. Dagegen zeigten Bibliotheken, soziokulturelle Einrichtungen und sogar einige Gefängnisse echten Enthusiasmus - wobei die letztgenannten Vorstellungen natürlich für die Öffentlichkeit geschlossen waren.

Die Diskussionen nach den Vorstellungen bilden einen zentralen Aspekt von «Let’s Doc!». Welche Wirkung hat dieser Austausch auf das Publikum?

Der Dokumentarfilm verbindet kreativen Elan mit einem Blick auf die Welt und ermöglicht es dem Publikum, eine Realität emotional zu erleben, bevor es sich mit den Filmemachern oder Gästen, die mit dem Thema des Films in Verbindung stehen, austauscht. Die eindrücklichsten Begegnungen sind jene, in denen der Dialog über ein einfaches Q&A hinausgeht und zu einem echten Austausch wird, der von den Aussagen des Publikums genährt wird. Die Emotionen stehen im Mittelpunkt dieser Begegnungen, insbesondere im Gefängnis, wo die Idee von Offenheit und Freiheit eine einzigartige Bedeutung erhält. Das Verlassen des Geländes, das Schliessen der Tür und das Zurücklassen der Insassen in den vier Wänden bleibt eine besondere Erfahrung.

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Gwennaël Bolomey, Gründer und Verantwortlicherdes Verbands Ciné-Doc. © Ciné-Doc

Welche sind die grössten Herausforderungen bei der Organisation einer solch dezentralisierten Veranstaltung auf Bundesebene?

Die Dezentralisierung macht die Organisation viel komplexer. «Let's Doc!» ist kein Festival, das sich auf einen einzigen Ort konzentriert, sondern eine Veranstaltung, die über die ganze Schweiz verteilt ist, oft in kleinen Städten und Dörfern. Von einer Vorführung in Lavin, Graubünden, zu einer anderen in Genf zu gelangen, dauert mehr als nur 15 Minuten! Wir haben also ein kleines Team, das über die verschiedenen Regionen verteilt ist, um diese Veranstaltung zu koordinieren. Unsere grösste Schwierigkeit bleibt jedoch das Budget. Mit etwas mehr als 100.000 Franken für über 140 Partnerorte scheint dieses Projekt auf dem Papier unmöglich. Und doch haben wir die Herausforderung dank des Engagements der Veranstaltungsorte und unseres Teams gemeistert. Trotz der Unterstützung von Transformationsprojekten bremst uns die fehlende Finanzierung durch das Bundesamt für Kultur. Um auf die neuen Verbreitungsarten zu reagieren und die Vermittlung und Zugänglichkeit zu fördern, ist es unerlässlich, die Finanzierungsmodelle zu überdenken. Eine strategische Überlegung zu diesem Thema wird unerlässlich.

Wie suchen Sie die Filme im Programm aus und stellen Sie dieses Jahr bestimmte Themen hervor?

Wir haben keine strikte thematische Linie: Unser Katalog umfasst etwa 30 Filme, die die Vielfalt des Dokumentarfilmschaffens und die aktuellen Anliegen der Filmemacher widerspiegeln, darunter auch neuere Veröffentlichungen und einige Wiederaufführungen. Dieser Katalog wird den Partnerorten angeboten, die auch die Freiheit haben, Filme ausserhalb des Katalogs auszuwählen. So haben wir schliesslich über 100 Filme im Programm, von denen einige nur einmal gezeigt werden.

Das Programm zur Filmvermittlung richtet sich an verschiedene Zielgruppen, unter anderem an den schulischen Bereich und an Gefängniseinrichtungen. Wie sind die Reaktionen?

Die Strafvollzugsanstalten schätzen unsere schlüsselfertige Formel - Film, Gast und Moderation -, die den Insassen einen seltenen Zugang zu Kultur und externen Begegnungen ermöglicht. Für Schulklassen arbeiten wir mit Cinéculture, La Lanterne Magique und anderen Partnern zusammen, um bestehende Initiativen nicht zu konkurrenzieren. Wir entwickeln auch Angebote für Senioren in Tagesstätten und für Asylsuchende in Heimen und Französischkursen, obwohl das Budget diese Initiativen einschränkt.

Wieso haben Sie sich gegen einen Wettbewerb und Preisverleihung entschieden?

«Let's Doc!» ist kein Festival und basiert nicht auf Wettbewerb. Unsere Aufgabe ist es, alle Filme im Programm zu verteidigen, ohne sie gegeneinander auszuspielen. Die Filmemacher erhalten hier eine andere Sichtbarkeit, die nicht von Auszeichnungen abhängt.

Welche Ambitionen haben Sie für «Let's Doc!»? Haben Sie Bedenken wegen der Konkurrenz im Kulturveranstaltungskalender?

Die Zunahme von Veranstaltungen betrifft vor allem die grossen Städte, wo wir mit anderen Festivals zusammenarbeiten, um die bestehenden Angebote aufzuwerten. In kleinen Städten und Dörfern hingegen ist die Nachfrage nach wie vor gross. Abgesehen von Budgetfragen, die das Projekt schwächen und eine ständige Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten erfordern, machen wir uns keine Sorgen um die Zukunft. Das Entwicklungspotenzial ist immens: Mit 105 Partnerorten während des ersten Pilotprojekts und 140 bis 150 in diesem Jahr sprechen die Zahlen für sich. Die Verbreitung von Dokumentarfilmen hat eine große Zukunft, und wir sind motivierter denn je!

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