Drei Stunden wurden für das Treffen mit Kelly Reichardt in Nyon im Théâtre Marens eingeplant. Die US-amerikanische Filmemacherin war Gast des Festivals Visions du Réel. Das Format der «Masterclass» ist viel verbreitet, das Publikum erhält in der Regel die Gelegenheit selbst mit den Anwesenden zu interagieren. Alles steht und fällt mit der Eloquenz der Moderation und der oder des Befragten. Im Fall der Begegnung mit Reichardt erwies sich dieser Rahmen als etwas starr, fehlte es doch insgesamt dem Gespräch an einer gewissen Lebendigkeit.
Die Kompetenz, das Selbstbewusstsein und die Beliebtheit Reichardts kamen dennoch vollkommen zur Geltung. Gesprochen wurde beispielsweise Reichardts Verhältnis zum Dokumentarfilm. Für sie selbst seien die beiden Filmgattungen zwei gänzlich verschiedene Welten. «Ich wundere mich immer, wie Dokumentarfilmemacher das gelingt», meinte sie. Ihre Filme seien bis ins Detail komponiert und damit völlig fern von den Prämissen eines Dokumentarfilms. Das ist insofern bemerkenswert, als ihre Filme allerdings Handlungen und Situationen wahrlich realitätsgenau beschreiben. Dafür lernten ihre Darsteller und Darstellerinnen das Handwerk ihrer Figuren, so wie das Zubereiten alter Rezepte wie es für den Film «First Cow» notwendig war oder das einfache Feuermachen oder das Bedienen eines Gewehrs wie in «Meek’s Cutoff».
Akkurate Recherchen für die historischen Geschichten und die genaue Suche nach geeigneten Schauplätzen sprechen ebenfalls dafür, dass Reichardt grossen Wert auf eine wiedererkennbare Realität legt. «Um Geschichte neu zu schreiben, bin ich nicht qualifiziert», sagt sie, «doch es ist mir ein Anliegen, andere Perspektiven auf festgelegte Geschichtsinterpretationen aufzuzeigen». Das zeigt sich konkret zum Beispiel dann, wenn sie in ihren «Western»-Filmen wie «First Cow» und «Meek’s Cutoff» Gewaltdarstellungen mehrheitlich meidet, Frauen Handlungen ausführen lässt, die sonst Männerrollen zugeschrieben werden oder wenn sie sich bewusst ist, dass Kameraperspektiven das Machtverhältnis zwischen Gesellschaftsgruppen und Ethnien mitprägen.
Eindrücklich erzählte Reichardt, welches Gewicht das Finden eines Drehortes in ihren Projekten einnehmen kann. «Ich reise während meiner Suche durch fast alle US-amerikanischen Staaten», erklärt sie, manchmal nimmt diese Suche eine obsessive Note an, so wie bei ihrem Film «Wendy und Lucy»: «Ich suchte nach einer geeigneten Filiale von Walgreens. Die sind aber überall gleich, das war deprimierend.» Eine Zufallsbegegnung verzögerte den Prozess, doch schliesslich führte sie zu einen entscheidenden Fortschritt für das Filmprojekt. «Ich merkte durch diese Erfahrung, worum es in meinem Film überhaupt ging. Die Essenz der Geschichte und die Dringlichkeit, diese zu erzählen, erschlossen sich mir plötzlich.»
Für Reichardt ist das Filmemachen per se ein kollektiver Prozess und dabei ein sehr langer. Sie sei sich immer klar, dass sie mit einem beschränkten Budget auskommen werden müsse, da sei Gelassenheit, aber auch präzise Vorbereitung gefragt. Immer wieder müsse sich die Produktion auf das anpassen, was vor Ort vorhanden sei. Diese Anpassungsfähigkeit bewahre sie sich. Zudem setzt die Filmemacherin auf langjährige Zusammenarbeiten vor und hinter der Kamera - so wie mit ihrem Drehbuchautor Jonathan Raymond und ihrem Kameramann Christopher Blauvelt oder auch mit der Schauspielerin Michelle Williams.