Sie haben über zehn Jahre in den USA im Dokumentarfilmbereich gearbeitet, bei Chicken & Egg Films. Wie bringt Sie diese Erfahrung zur Leitung von VdR–Industry?
Der wichtigste Gewinn meiner Tätigkeit bei Chicken & Egg, einer gemeinnützigen Organisation, die Frauen und Filmschaffenden aus verschiedenen Geschlechteridentitäten durch Stipendien und Mentoring unterstützt, liegt in dieser Aufmerksamkeit für die Künstler und Künstlerinnen. Meine gesamte Arbeit dort war auf die Filmschaffenden ausgerichtet: zu verstehen, was sie brauchen, um ihre Filme zu verwirklichen, ohne mich dabei auf die Finanzierung zu beschränken, sondern auch immaterielle Formen der Unterstützung einzubeziehen. Heute bedeutet das für mich ein sehr konkretes Verständnis der notwendigen Voraussetzungen für das Schaffen: Welches Umfeld ermöglicht es, zu arbeiten, sich weiterzuentwickeln, sich zu entfalten und in einem so anspruchsvollen Prozess wie dem Filmemachen begleitet zu werden? Wir sehen die fertigen Filme, aber wir sind uns nicht immer bewusst, was nötig ist, um dorthin zu gelangen.
Wann haben Sie sich entschieden, hier zu arbeiten?
Ich habe neun Jahre lang bei Chicken & Egg gearbeitet. Meine Position hat sich stark weiterentwickelt, bis ich schliesslich stellvertretende Programmdirektorin wurde. Ich hatte nicht aktiv vor, zu gehen, aber diese Gelegenheit bot sich mir ganz von selbst an. Ich kannte das Festival bereits, da ich an den Industry-Tagen teilgenommen hatte, und empfand es als einen ganz besonderen und einzigartigen Ort in unserer Branche. Ohne diese Verbindung hätte ich mich nicht dazu entschlossen, mit meiner ganzen Familie New York zu verlassen. Diese Entscheidung hängt wirklich mit dieser Stelle und mit Visions du Réel zusammen.
Welche Rolle spielt für Sie VdR–Industry auf internationaler Ebene?
Visions du Réel hat international bereits eine sehr starke Position und geniesst beispielsweise in meinem beruflichen Umfeld in den Vereinigten Staaten hohes Ansehen. Ganz allgemein kennen alle Liebhaber des Dokumentarfilms Visions du Réel und möchten gerne hierherkommen. Meine Aufgabe ist es, diese internationale Dimension zu bewahren, die Entwicklungen in der Branche aufmerksam zu verfolgen und dafür zu sorgen, dass diese Dimension offen und aufgeschlossen bleibt, sich anpassen kann, aber auch eine gut durchdachte nationale Positionierung ermöglicht und eine inspirierende Plattform für Schweizer Talente bleibt.
Es geht also darum, auch diese lokale Verankerung zu festigen?
Ja, indem wir weiterhin Beziehungen zu Produzenten und Produzentinnen, Filmschaffenden sowie Institutionen in der Schweiz aufbauen. Dies geschieht durch Partnerschaften wie den RTS-Preis zur Förderung des Dokumentarfilms, aber auch durch die Fortsetzung unserer Zusammenarbeit mit Swiss Films. Und dieses Jahr haben wir zum ersten Mal eine Pilotinitiative mit dem Migros-Kulturprozent Story Lab gestartet, die eine Pitching-Runde umfasste. Wir möchten zudem, wo immer möglich, unsere Vertretung von Talenten und unsere Verbindungen zur Deutschschweiz weiter stärken. Auf institutioneller Ebene haben wir beispielsweise einen neuen Präsidenten, Philippe Bischof, der aus der Deutschschweiz stammt.
Sie haben Soziologie und visuelle Anthropologie studiert. Hat das einen Einfluss auf die Beurteilung eines Films?
Ja, auf jeden Fall. Ich glaube nicht, dass man diese Fachrichtungen studiert haben muss, um einen solchen Blickwinkel zu entwickeln, aber sie haben mich gelehrt, den Standpunkt zu hinterfragen. Wer erzählt die Geschichte? Warum? Wie? Es geht darum, die Position der Filmemacher zu verstehen, wenn sie ein Projekt in Angriff nehmen, ihre Beziehung zum Thema sowie die Art und Weise, wie sie mit den Protagonisten und ihrem Team zusammenarbeiten.
Dieses Jahr wurden 31 Projekt aus mehr als 600 Bewerbungen ausgewählt. Welche sind die entscheidendsten Kriterien?
Wir bevorzugen Projekte, die von einer starken künstlerischen Vision getragen werden. Wir richten uns aber auch an ein ganz bestimmtes Publikum, nämlich die Branche, mit vielfältigen Erwartungen. Es geht also darum, eine Auswahl an Projekten zusammenzustellen, die mit verschiedenen Gesprächspartner und -innen in einen Dialog treten können. Über die Themen hinaus zählt vor allem die Art und Weise, wie sie behandelt werden. Das ist es, was ein Projekt einzigartig, anregend und neu macht. Wir streben zudem eine stimmige Auswahl an, in der die Filme miteinander in Resonanz treten.
Die Plattform begleitet Filme in verschiedenen Stadien: Entwicklung, Rohschnitt oder Postproduktion. Ist es schwierig, zu entscheiden, zu welchem Zeitpunkt ein Projekt für die Auswahl bereit ist?
Nicht wirklich, auch wenn es Bereiche gibt, in denen sich Überschneidungen ergeben, insbesondere zwischen dem VdR–Rough Cut Lab und dem VdR–Work in Progress. Manche Projekte sind weiter fortgeschritten, als sie denken, andere benötigen noch etwas mehr Zeit. Wir lassen uns daher einen gewissen Spielraum, um sie bestmöglich zu begleiten. Die Projekte des Rough Cut Lab verfügen bereits über einen ersten Schnitt und suchen nach Feedback, um ihren Film zu verfeinern, der noch von einer vertieften Arbeit an Struktur oder Schnitt profitieren könnte. Im Gegensatz dazu sind die im Work in Progress vorgestellten Projekte weiter fortgeschritten und bereit für die Vorführung. Manchmal reichen Teams ihr Projekt beim Rough Cut Lab ein, und wir sehen einen bereits fertigen Film, der von Feedback und Kontakten zu Programmgestalter und Programmgestalteriinnen, Commissioning Editors oder Vertriebsagenten und -innen profitieren würde.
Wie möchten Sie Projekte langfristig auch ausserhalb des Festivals begleiten?
Wir sind eine Matchmaking-Plattform, und Beziehungen brauchen Zeit. Es geht nicht darum, sofort Vereinbarungen zu treffen, sondern Verbindungen aufzubauen. Deshalb begleiten wir die Prozesse weiter, insbesondere in den folgenden Monaten, um zu sehen, was sich daraus entwickelt hat und wo wir noch eingreifen können. Einige Initiativen, wie das VdR–Development Lab, integrieren diese langfristige Begleitung bereits. Bei anderen bleiben wir auf flexiblere, aber dennoch kontinuierliche Weise in Kontakt, um die Auswirkungen ihrer Teilnahme am VdR–Industry fortlaufend zu beobachten.
Die Auswahl beinhaltet auch «A Season in Europe» von Jean-Stéphane Bron, der sich für europäische Institutionen interessier, oder «La Linda», über die Wirtschaftskrise in Argentinien. Was sagen diese Filme über die Art wie der Dokumentarfilm von heutigen politischen und wirtschaftlichen Strukturen sprechen?
Sie spiegeln das Bedürfnis wider, diese Realitäten von innen heraus zu betrachten. «A Season in Europe» zeigt die Entscheidungsmechanismen anhand alltäglicher Interaktionen hinter verschlossenen Türen. «La Linda» hingegen beleuchtet die Wirtschaftskrise anhand einer intimen Familiengeschichte. In beiden Fällen geht es darum, übergreifende Strukturen anhand gelebter Erfahrungen zu verstehen.
In der Dokumentation ist oft von einem «Labor-Kreislauf» die Rede, in dem Projekte von Programm zu Programm wandern, noch bevor sie überhaupt gedreht werden. Sehen Sie darin auch die Gefahr einer Standardisierung?
Das hängt davon ab, wie diese Labore konzipiert sind. Wenn sie sich auf die Filmschaffenden und ihre Vision konzentrieren, sind sie eine echte Unterstützung. Bei Visions arbeiten wir mit Fachleuten zusammen, die sich an jedes Projekt anpassen können. Das Risiko besteht zwar, aber es liegt nicht in den Labors selbst begründet.
In der Präsentation der Auswahl erwähnen Sie mehrere Filme, die historische Entscheidungen hinterfragen, deren Auswirkungen bis heute nachwirken – von Kolonialexpeditionen bis hin zur Migrationspolitik. Warum scheint Ihnen dieser Blick auf die Vergangenheit in den aktuellen Projekten besonders präsent zu sein?
Denn die Vergangenheit liegt nicht hinter uns. Sie wirkt weiterhin in unseren politischen Strukturen, in unseren Regierungen und in den Konflikten, die andauern oder wieder aufflammen. Der Dokumentarfilm hat schon immer versucht, die Gegenwart durch die Vergangenheit zu verstehen, doch dieses Bedürfnis scheint mir heute besonders dringlich zu sein. Darin liegt eine Möglichkeit, der Welt, in der wir leben, einen Sinn zu geben.
Glauben Sie, dass eine neue Form entstand, um diese Vergangenheit zu repräsentieren?
Ich glaube, dass manche Filme heutzutage komplexere, differenziertere und zugleich spannende Ansätze entwickeln, um die Vergangenheit darzustellen. Ich denke dabei insbesondere an einen Film, «Uganda» von Daniel Mann, eine Geschichte, die überrascht und eine ganz eigene visuelle Sprache entwickelt, um politische Entscheidungen und die beteiligten Akteure zu hinterfragen. Durch die Überlagerung verschiedener visueller und narrativer Ebenen erneuert er die Art und Weise, wie die Vergangenheit behandelt wird, indem er verschiedene Texturen erkundet, die unter anderem zwischen physischen Archiven, Schauspielern, Proben und Adaptionen wechseln.
Ungefähr die Hälfte der ausgewählten Projekte sind Langfilmdebüts. Welchen Einfluss hat das auf das Konzept der Plattform des VdR-Industry?
Ich würde nicht sagen, dass dies unseren Ansatz grundlegend verändert, denn die Förderung sowohl von Nachwuchstalenten als auch von etablierteren Filmschaffenden ist Teil der DNA von VdR–Industry, ebenso wie die des Festivals. Es erinnert uns jedoch an unsere Verantwortung, junge Regisseur und Regisseurinnen mit einem geeigneten, besser strukturierten Rahmen zu begleiten, der es ihnen ermöglicht, schrittweise in die Branche einzusteigen und gleichzeitig mit erfahreneren Persönlichkeiten im Dialog zu stehen.
Visions du Réel ist heute eines der wichtigsten Festival, die sich dem Dokumentarfilm widmen. Wie unterscheidet sich der Industrieteil von denen anderer Festivals wie IDFA oder CPH:DOX?
Das Format. Die ganz klaren räumlichen Grenzen von Nyon zwingen uns dazu, bei dem von uns vorgeschlagenen Format äusserst präzise zu sein. Abgesehen von den räumlichen Einschränkungen und unter Berücksichtigung der grossen Dimension und des hohen Anspruchs unserer Plattform bietet uns Nyon zudem einen intimeren Rahmen, der einen echten Austausch fördert. Der Austausch kann vertieft werden. Bei den «Pitches» sind die Fachleute zunächst dazu eingeladen, zuzuhören. Anschliessend ermöglichen die Podiumsdiskussionen einen echten Dialog zwischen Filmschaffenden und Fachleuten. Diese Kombination macht meiner Meinung nach die Einzigartigkeit von VdR–Industry aus.
Wenn Sie ein Projekt entdecken, was macht es zu einem möglichen wichtigen Film und nicht nur einem vielversprechenden Projekt?
Man spürt es. Manche Projekte ziehen sofort die Aufmerksamkeit auf sich, wie «Hello?!» von Sophie Benoot, ein Projekt, das die zerbrechlichen Verbindungen zwischen Mensch und Natur erforscht. Man weiss noch nicht genau, wohin sie führen, aber man kann den Blick nicht abwenden. Es ist dieser Wunsch, weiterzuschauen, beim Film zu bleiben, der für mich den Unterschied ausmacht.
Und was freut Sie heute am meisten?
Zu sehen, wie der gesamte Prozess Gestalt annimmt, von der Ausschreibung bis zur Auswahl. Vor allem aber der Moment, in dem sich die Menschen begegnen. Wenn der Austausch beginnt, Beziehungen entstehen und Kooperationen möglich werden. Dann macht alles Sinn.