Die Begegnung mit der Realität ist nicht immer eine sichere Reise. Als Dokumentarfilmer oder -filmerin in die Intimität der Protagonisten einzutauchen, bedeutet, selbst einen Schritt zur Seite zu machen und - zumindest für einen Moment - die eigenen Emotionen zu ignorieren. Diese Ansicht vertrat der Dokumentarfilmer Juri Rechinsky und die anderen Podiumsmitglieder, der Kritiker Alan Mattli und die Regisseurin Susanne Regina Meures, waren sich mit ihm einig. «Kein anderer Beruf lässt einen das Leben so hautnah spüren», erklärt Letztere. Diese Arbeit, die ein «Schwamm für Emotionen» sei, so wichtig sie auch sein möge, bringe auch eine Menge Druck für Dokumentarfilmer mit sich, sowohl während als auch nach den Dreharbeiten. Wie geht man mit der Realität um, die gefilmt wird? Wie viel Distanz sollte man während der Dreharbeiten wahren? Wird der Schnitt den von den Protagonisten erzählten Geschichten gerecht?
Diese Belastungen kommen zu den traumatischen Erlebnissen hinzu, die die Filmteams bei bestimmten, sehr realen Szenen miterleben müssen. Es mag oberflächlich erscheinen, die psychischen Gesundheit der am Set beteiligten Personen mit der Realität zu vergleichen, die sie umgibt; dennoch ist es nicht harmloser, seine geistige Gesundheit als seine körperliche Gesundheit zu gefährden. Und wenn Rechinsky über die Traumata spricht, die er durch seine Tage im Hinterland des Krieges in der Ukraine erlitten hat, scheint eine Diskussion über die Zukunft der Berücksichtigung der psychischen Gesundheit in den Produktionen unerlässlich.
Monika Schärer, die die Diskussion moderierte, stellte die Möglichkeit in Frage, Therapiekosten direkt in die Produktionsbudgets einzuplanen oder gar eine/n Spezialisten/in für die Dreharbeiten zu engagieren. Die beiden Dokumentarfilmer in der Runde zeigten sich skeptisch. Abgesehen von der wirtschaftlichen Realität, die den Produktionen nicht viel Spielraum für diese Art von Zusatzkosten biete, verändere die Anwesenheit eines Therapeuten/einer Therapeutin bei den Dreharbeiten auch die dokumentarische Filmpraxis. Rechinsky ist der Ansicht, dass psychologische Nachwirkungen ein notwendiges Übel seien, um «an der Realität teilzuhaben»: «Man muss sich auf das einlassen, was um einen herum passiert, was die Leute erleben, und man muss den Preis dafür zahlen».
So gibt es also noch keinen Konsens darüber, wie Produktionen die psychische Gesundheit ihrer Teams schützen können. Die derzeitige Sensibilisierung für die Risiken, denen Dokumentarfilmer ausgesetzt sind, eröffnet aber eine Debatte darüber und fördert den Austausch zwischen den Fachleuten.
«Mental Health in Documentary Filmmaking»
Moderiert von Monika Schärer, Journalistin
Gäste:
Alan Mattli, Filmkritiker
Susanne Regina Meures, Regisseurin («Girl Gang», 2022; «Saudi Runaway», 2020; «Raving Iran», 2016)
Juri Rechinsky, Regisseur («Dear Beautiful Beloved», 2024; «Signs of War», 2022)