Seit der 2019 von der EU eingeführten AVMD-Richtlinie, die Quoten für die Vertretung von europäischen Inhalten auf Onlineplattformen und im Programm von Fernsehsendern vorgibt, haben verschiedene europäische Länder entsprechend neue Regelungen umgesetzt. Dies setzte auch die Dynamik in Gang, Investitionspflichten in die einheimische Filmproduktion auszuarbeiten. Die Schweizer «Lex Netflix» ist auf diesem Nährboden entstanden.
An der Berlinale haben sich im Rahmen des Podiumsgesprächs «Direct Investment Obligations - Impacts for Independent Producers» nun Produzenten und Produzentinnen verschiedener Länder - die Schweiz war nicht vertreten - zu einer ersten Bilanz bezüglich ihrer Investitionspflichtmassnahmen zusammengefunden. Mittlerweile verfügen 16 europäische Länder über solche Initiativen. Die Prozentsätze unterscheiden sich dabei und auch die genauen Verpflichtungen der Onlineplattformen und Fernsehsender variieren.
Verschiedene Modelle
Grundsätzlich gibt es fünf Modelle: 1. Die Unternehmen zahlen ihren Beitrag an eine staatliche Filmförderung, 2. Die Unternehmen müssen direkt in die lokale Filmproduktion investieren, 2. Die Unternehmen müssen einer Mischung der beiden ersten Verpflichtungen nachkommen, 4. Sie können zwischen den beiden Arten wählen und 5. Sie müssen beides tun, also sowohl direkt in die Filmproduktion investieren als auch in die nationale Filmförderstelle einzahlen.
Die Prozentsätze variieren zwischen 1,5 Prozent in Polen bis mindestens 20 Prozent in Frankreich. Einen ähnlichen Prozentsatz wie die Schweiz haben zurzeit die Tschechische Republik, deren Regelung erst gerade Anfang 2025 in Kraft getreten ist und bei 3,5 Prozent liegt. In Norwegen hat das Parlament sich für eine Investitionspflicht von 4 Prozent ausgesprochen, als nächstes muss eine Regelung ausgearbeitet werden.
In Portugal liegt der Prozentsatz bei 5, wobei 4 Prozent in den staatlichen Fond gehen und 1 Prozent direkt investiert werden müssen. Portugal habe gute Erfahrungen gemacht, erklärt Pandora Telles: «Netflix investiert über die ihre Verpflichtung hinaus. Sie haben gemerkt, dass es sich lohnt». Die gleiche Erfahrung macht auch Spanien. Dort beträgt der Prozentsatz 6 Prozent. Mariela Besulevsky erläutert: «Durch die Investitionspflicht ist die Anzahl der produzierten Projekte massiv gestiegen. Die Gesamtbudgets sind allerdings gesunken und die Lebensdauer der Werke ist sehr kurz».
Höheres Produktionsvolumen
Auch in Polen hat sich die Investitionspflicht auf das nationale Produktionsvolumen ausgewirkt. Zurzeit liegt der Prozentsatz bei 1,5 Prozent, doch 2023 konnte man sich mit der neuen Regierungsbildung darauf einigen, diesen auf 10 Prozent zu erhöhen und zusätzlich progressiv im Laufe der nächsten drei Jahre auf maximal 20 Prozent zu bringen. «Bereits jetzt können dank diesem Geld 80 Filme und 24 Serien im Jahr produziert werden», sagt Dariusz Jablonski.
Die grösste Erfolgsgeschichte kann Frankreich beitragen. Marc Missonnier erntet Anerkennung ab der beeindruckenden Zahlen: «Innerhalb von drei Jahren kamen durch die Investitionspflicht 163 Millionen für Kinofilme und weitere 703 Millionen Euro für audiovisuelle Produktionen zusammen». Die Unternehmen sind verpflichtet 20 bis 25 Prozent, je nach Umsatz, zu investieren. Faktisch sind es aber mehr. Übrigens profitieren Autorenfilme massiv, ihre Anzahl ist um über 38 Prozent gestiegen. Anders als in Spanien sind die Budgets der Projekte nicht gesunken: «Ein Projekt, das durch die Investitionspflicht finanziert wird, hat im Durchschnitt ein um 44 Prozent höheres Budget als ein durchschnittlicher französischer Film».
Die Veranstaltung hat gezeigt, dass die Investitionspflicht als grundsätzlich positiv beurteilt wird von Seiten der Produzenten und Produzentinnen aus Europa. Die unabhängige Produktion kommt zudem nicht zu kurz. Weitere Länder sind dabei ähnliche Massnahmen umzusetzen, so wie Deutschland. Hier ist ein Projekt bereits vorhanden. Der Sturz der letzten Regierung brachte es aber zum Stillstand, die Hoffnungen sind auf die nächste Regierung gelegt. Die an der Veranstaltung vertretenen Länder haben auch gezeigt, wie unterschiedlich langwierig diese politischen Verhandlungen ausfallen können.
Die Widerstände der Onlineplattformen und Fernsehsender könnten sich wieder und weiter regen, sagten die Anwesenden noch zum Schluss. Es sei aber die Pflicht «von uns Europäern, für die Vielfalt der europäischen Kreativwirtschaft weiter einzustehen».