Beliebigkeit der Presse
In seinem neuesten Film zeichnet Hong Sang-soo ein düsteres Bild vom Zustand der Filmkritik und der Medienkrise insgesamt.
Teresa Vena 4. Juni 2026
Während der Berlinale fand ein Kongress statt, der sich mit Fragen der Chancengleichheit in der deutschen Filmindustrie beschäftigte. Das Produzentenpaar Esra und Patrick Phul setzte starke Akzente für eine teilhabende Arbeitsweise.
Die gemeinsame Veranstaltung der Verbände Pro Quote e.V. und Cast Me In stand im Zeichen von «Dialoge auf Augenhöhe». Pro Quote setzt sich für die Gleichstellung von Frauen in der deutschen Film- und Medienlandschaft ein, Cast Me In für die Interessen von Menschen mit Behinderung. Während der Berlinale luden die beiden Organisationen zu einem Kongress ein, der sich mit Fragen von Vielfalt und Chancengleichheit im deutschen audiovisuellen Sektor beschäftigte.
Beim Thema Vielfalt werde zuerst gespart, eröffneten die zwei Moderatorinnen. Rund 40 Prozent der Bevölkerung in Deutschland haben laut aktuellen Erhebungen einen Migrationshintergrund. Gleichzeitig nehme die Akzeptanz einer mehrkulturellen Gesellschaft ab, so ihre Einschätzung. Das zeige sich in Umfragen, Debatten in den sozialen Medien sowie offen im politischen Diskurs, sichtbar sei es auch bei der Besetzung strategischer Entscheidungspositionen. Trump hat implementierte Vielfaltsprogramme in Unternehmen sogar als illegal qualifiziert und damit entsprechende Haltungen legitimiert. Einige Firmen führten ihre Massnahmen alsbald, vermeintlich unter Druck, zurück.
Unter den Gästen des Kongresses waren unter anderem auch Esra und Patrick Phul. Das Paar hat in den letzten Jahren von sich reden machen. Nachdem sie mit Videos experimentiert haben, die sie vor allem in den sozialen Medien und Online auf verschiedenen Plattformen veröffentlichten, erschien ihre Serie «Hype». Dieses Rap-Musical, wie sie es nennen, wurde von der ARD, dem öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehsender mitproduziert, fand sein Publikum und erhielt auch gute Resonanz bei der Kritik. Darin spielen Figuren – und Darsteller - mit Migrationshintergrund die Hauptrolle. Für die beiden Produzenten kommt dies einem wichtigen Meilenstein gleich: «Wir können unsere Perspektive zeigen. Wir können die Menschen mit Migrationshintergrund so zeigen, wie sie sind.»
Der Erfolg der Serie hat Wellen geschlagen, und Esra und Patrick Phul, beide selbst Deutsche mit ausländischen Wurzeln, produzieren gerade eine neue Serie. «All Heroes are Bastards» spielt ebenfalls in Köln, wo die beiden beheimatet sind. In «All Heroes» entwickeln die Figuren Superkräfte, mit denen sie sich gemeinsam gegen eine, bisher noch nicht genauer bekannte, Bedrohung zur Wehr setzen. «Superhelden mit Migrationshintergrund», davon hört man nicht oft, noch weniger sieht man es. «Stattdessen bekommen wir immer wieder dieselben Bilder serviert. Wie viele kriminelle arabische Familiengeschichten aus Berlin will Deutschland denn noch produzieren?», sagen die Phuls.
Unterstützung haben sie auch für diese Serie von der ARD, aber auch von der regionalen Film- und Medienstiftung Nordrhein- Westfalen, unter der neuen Leitung durch Walid Nakschbandi (afghanisch-deutscher Herkunft), bekommen. Für die Phuls hängt diese Offenheit entschieden mit der Besetzung der Entscheidungspositionen zusammen: «Ein paar Menschen können Veränderung schaffen.»
«Wir sitzen seit Jahren mit am Tisch, aber haben nichts zu sagen», wirft Esra Phul während des Kongresses ein. Wenn die Redaktionen nicht markant neu gestaltet werden, werde sich auch daran nichts ändern. Dass diese Aussage keine einfache Behauptung ist, bestätigte Frank Rusko, Verantwortlicher für DEI («Diversity, Equality, Inclusion») beim ZDF, dem zweiten öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehsender. In den Redaktionen des ZDF sässen alteingesessene Beamte, die erst langsam ins Rentenalter kommen, und bis dahin liegt Ruskos Aufgabe darin, «Akzeptanz für Toleranz und Vielfalt» innerhalb des Mitarbeiterstabs zu fördern. Das deutet nicht auf grundlegende strukturelle Veränderungen hin.
«Im Moment müssen wir uns selber stark machen, damit wir nicht abhängig von anderen sind.», so Phul weiter. Sie und ihr Mann machen es vor, indem sie sich mit den entsprechenden Personen umgeben. «Wir wollen ein Set, an dem wir uns wohlfühlen und das die deutsche Gesellschaft widerspiegelt.» Migrationshintergründe sehe man sonst allenfalls bei Fahrern oder Sicherheitspersonen. Esra und Patrick Phul organisieren sich, schaffen sich selbst ihre Chancen. Sie haben unter anderem mit «Talent over Privilege» einen Preis und eine Konferenz gegründet, die helfen soll, «die Sichtbarkeit von Filmschaffenden mit Migrationsgeschichte zu stärken und den Zugang zur Filmbranche für all diejenigen zu erleichtern, die aufgrund struktureller Hürden bisher benachteiligt wurden».