Nach fast 25 Jahren will der deutsche Filmemacher Michael «Bully» Herbig an den aussergewöhnlichen Erfolg (12 Millionen Kinoeintritte) seiner Western- und Karl May-Parodie «Der Schuh des Manitu» anknüpfen und präsentiert «Das Kanu des Manitu».
Damit hätte man eigentlich nicht rechnen können. Denn schon nach Erscheinen geriet der erste Film ins Visier der Karl May-Traditionalisten. Der französische Schauspieler Pierre Brice, der in der Verfilmungsreihe der Sechziger- und Siebzigerjahre die Rolle des fiktiven Ureinwohners Winnetou übernommen hatte, traf 2001 bei «Wetten dass...» auf Herbig. Er sei entsetzt, denn für Herbigs Film habe er ein Wort übrig: Respektlosigkeit.
In der Zwischenzeit sehen viele den Stoff an sich, also auch die Karl May-Romane und ihre Verfilmungen, als «kulturelle Aneignung», also als abwertende Instrumentalisierung. Dazu kommt dass sich geändert hat, wie Humor in der Gesellschaft wahrgenommen wird. Satire ist zu einem Fettnäpfchen-Parcours geworden, tatsächliche oder vermeintliche Fehltritte schlagen insbesondere in den sozialen Medien hohe Wellen und können ihre Autoren mitunter in existenzielle Nöte bringen.
Dem Risiko stellt sich Herbig, indem er den amerikanischen Ureinwohner Abahachi und dessen homosexuellen Bruder Winnetouch wieder zum Leben erweckt. Genauso wie der Vorlage von Karl May wird auch Herbig vorgeworfen, ein irreführendes, wenn nicht rassistisches Bild der amerikanischen indigenen Völker zu zeichnen. Ebenfalls kritisiert wird, dass der als effeminiert dargestellte Winnetouch eine homophobe Sichtweise Herbigs widerspiegle. Das sind die zwei gröbsten Vorwürfe gegenüber dem Stoff. An diese Grundkonstellation hält sich nun auch der Folgefilm.
Erwachsener geworden
«Das Kanu des Manitu» ist aber trotzdem anders. Man hat fast komplett auf sexuell motivierte Anzüglichkeiten verzichtet, die Frauenfiguren im weiterhin dominant männlichen Ensemble haben mehr Raum bekommen. Winnetouch hat sich ebenfalls emanzipiert, er weiss jetzt zu kämpfen, seine Präsenzzeit hat sich allerdings radikal verkürzt. Insgesamt ist der Film also «erwachsener» geworden. Er enthält viele Querbezüge nicht nur zu dem Vorgängerfilm, sondern auch zu anderen Figuren aus dem Herbig-Universum und zitiert kulturhistorische Referenzen, die für nostalgische Identifikation sorgen.
Entstanden ist erneut eine dichte Komödie, mit viel Klamauk und noch mehr Wortwitz. Die passiv-aggressive Stimmung zwischen Abahachi und seinem weissen Blutsbruder-Siedler Ranger steht im Vordergrund und wiederholt einige Kultmomente: Die beiden hängen am Galgen, Ranger fragt, wieso Abahachi schlechte Laune habe: «Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden», antwortet dieser.
Dass der Film viel Stoff für Diskussionen bieten würde, hat sich bewahrheitet, und die Kontroversen begannen noch vor dem Kinostart. In Kommentaren und Analysen auf seriöseren wie den sozialen Medien vergaloppiert man sich. Die einen finden, der Film sei nur noch ein «Eiertanz» flacher, möglichst konfliktscheuer Witze, die anderen machen ihn zur Galionsfigur gegen eine Bewegung, die nur absolut politisch korrekten Humor akzeptiert. Von beiden Seiten wird er instrumentalisiert: Die ersten sind enttäuscht, dass der Film nicht mehr Material für Polemik bietet, die anderen wollen ihn als Trotzobjekt nutzen, um eine an sich sinnvolle gesellschaftliche Debatte lächerlich zu machen.
Herbig, der das Drehbuch gemeinsam mit Christian Tramitz und Rick Kavanian geschrieben hat, sagt: «Ich bin kein politischer Regisseur. Der Film soll Spass machen, damit Menschen entspannen und ins Gleichgewicht kommen.» Den gesellschaftlichen Druck hat er natürlich nicht völlig ignoriert, doch «Zeitgeist verändert sich schnell». «Das bedeutet aber nicht, dass unser eigener Humorkompass sich nicht verändert hätte in den Jahren», erklärt er. Diesem ist das Trio gefolgt: «Wir haben alles aufgeschrieben, was wir lustig finden», ergänzt Christian Tramitz.
«Das Kanu des Manitu» ist vielleicht sogar besser als sein Vorgänger. Der Film hat sich einiger Peinlichkeiten entledigt, er ist auch tiefgründiger geworden, ohne moralisierend zu sein. Sicher, noch immer bleibt die Grundkritik am ausgewählten Stoff. Darf man als Europäer ein Volk satirisch darstellen, das von Europa aus kolonialisiert wurde? Gedreht wurde übrigens in Spanien und in den USA, mit Einbezug amerikanischer Ureinwohner.