Welche sind die Stärken und Schwächen der Schweizer Filmförderung? Diese Frage, die in der Branche seit langem diskutiert wird, erreichte am Locarno Film Festival eine neue Stufe. Die ersten Ergebnisse der Studie «Entwicklung der Filmförderung», die das Bundesamt für Kultur (BAK) bei der deutschen Firma Goldmedia in Auftrag gegeben hatte, wurden vorgestellt und ergänzten die ersten Daten, die im Januar an den Solothurner Filmtagen veröffentlicht worden waren. Ende Oktober 2024 veröffentlichte das Bundesamt für Kultur (BAK) schliesslich die vollständige Studie, die hier auf unserer Internetseite eingesehen werden kann.
Carine Bachmann, Direktorin des BAK, betonte, wie wichtig es sei, die Filmförderung an die Entwicklungen des Filmschaffens und der Sehgewohnheiten anzupassen. Sie wies darauf hin, dass das Ziel dieser Studie darin bestehe, Anhaltspunkte für zukünftige Entscheidungen zu liefern. «Es handelt sich um eine Bestandsaufnahme», bekräftigte sie. Die Studie wurde mit einem Beratungsausschuss aus Vertretern und Vertreterinnen des Sektors durchgeführt.
Methodik und erste Schlussfolgerungen
Juliane Müller, Geschäftsführerin von Goldmedia, erklärte, dass sich ihre Präsentation auf Handlungsempfehlungen konzentriere, die auf einer vergleichenden Analyse der audiovisuellen Landschaft der Schweiz im Vergleich zu Ländern wie Belgien, Dänemark, Deutschland und Österreich basierten. Die Zahlen für 2022 sind aufschlussreich: Die Schweiz gibt pro Film deutlich weniger aus als zum Beispiel Belgien (0,88 Millionen Euro gegenüber 1,55 Millionen Euro). Ausserdem liegt der Marktanteil von Schweizer Filmen in der Schweiz bei 5 Prozent, während er in Belgien bei 14 Prozent und in Dänemark bei 30 Prozent liegt. Auch die Anzahl der Kinostarts von Schweizer Filmen bleibt in der Schweiz, die nach Deutschland an zweiter Stelle steht, sehr hoch: 2022 waren es 97 Filme (davon 66 Prozent Dokumentarfilme) gegenüber 49 in Belgien und 32 in Dänemark. «Das ist viel», betonte Müller, «es bedeutet, dass es für einen einzelnen Schweizer Film schwieriger ist, sein Publikum zu finden.»
Stärken und Schwächen
Die Studie hat die Stärken des Schweizer Systems hervorgehoben. Dazu gehört die hohe Wertstellung, jedem Projekt einen unabhängigen Produktionsrahmen geben zu wollen. Dazu gehören auch die Finanzierungsmodelle FiSS und Succès cinéma, die als effizient angesehen werden. Die als stabil wahrgenommene Stellung des Bundes und die regionale Unterstützung, wie die von Cinéforom, werden ebenfalls als Stärken angesehen.
Es wurden auch erhebliche Schwächen festgestellt: Das zu kleine Zielpublikum rechtfertigt die hohe Produktion nicht. Das hohe Produktionsvolumen verwässert zudem die verfügbaren Mittel. Auf der Ebene der Organisation und der Projektauswahl bemängelt man die bisherige mangelnde Transparenz bei gewissen Ablehnungen und befürchtet, dass persönliche Beziehungen zwischen den Akteuren und Akteurinnen der Szene die Entscheidungen beeinflussen. Müller erklärte: «Die Arbeit in den Ausschüssen ist zeitaufwendig und schwierig, was die Verfügbarkeit der Fachleute für solche Termine einschränkt. Eine Umstrukturierung des Prozesses würde es ermöglichen, das Fachwissen besser zu bündeln und gleichzeitig genauere Elemente einzuführen, die für mehr Objektivität stehen, eventuell unter Beteiligung ausländischer Experten.»
Auch die Möglichkeit, einen Antrag zweimal einzureichen, wird nicht immer positiv gesehen. Schliesslich werden die Budgets für FiSS und Succès Cinéma an sich als unzureichend angesehen. Laut der Studie wäre es sinnvoll, die Mittel für FiSS zu erhöhen, entweder in seiner jetzigen Form oder über das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO), wie es die anderen untersuchten Länder getan haben.
Empfehlungen
Goldmedia brachte mehrere Empfehlungen vor. Laut dem Gutachten von Müller wäre es gewinnbringend, die Subventionen zu konzentrieren, um ihre Wirkung zu maximieren, die Sichtbarkeit von Schweizer Filmen zu erhöhen und die nationale Produktion stärker zu unterstützen. «Wir haben beobachtet, dass die Schweiz die gleich hohen Mittel für Promotion im Ausland wie für den heimischen Markt aufwendet», sagt die Expertin. Um die Präsenz von Schweizer Filmen im Inland zu verbessern, wäre es vorteilhaft, die Promotionsförderung entsprechend zu erhöhen.» Gleichzeitig könnte sich auch die Einführung von Anreizen für Kinos als Ausgleich für das mit der Ausstrahlung von Schweizer Filmen verbundene Risiko als vorteilhaft erweisen.
Es wurden drei Szenarien für die Zukunft in Betracht gezogen: Beibehaltung des derzeitigen Systems mit geringfügigen Anpassungen, Umsetzung schrittweiser Reformen, die mehr Zeit und Aufwand erfordern, oder die Entscheidung für eine radikale Umgestaltung des bestehenden Systems. Die künftigen Diskussionen zwischen den Institutionen und dem Sektor sowie die für diesen Herbst erwarteten vollständigen Ergebnisse der Studie sollten - hoffentlich! - den weiteren Weg aufzeigen...
Die Analyse läuft
Als Anregung für die ersten Diskussionen wurde bereits eine Tabelle präsentiert, die bestimmte Massnahmen zusammenfasst und kategorisiert. Eine der Herausforderungen betrifft Grossproduktionen. Dabei könntetdie Einführung von Mindestproduktionskosten pro Projekt, um den Wettbewerb zwischen verschiedenen Arten von Filmen zu minimieren, ein Ansatz sein. «Parallel dazu könnten wir verhindern, dass Nachwuchsproduktionen in direkter Konkurrenz zu Werken etablierter Filmschaffender stehen. Dazu würde auch ein System mit speialisierten Vermittlern beitragen, die den Nachwuchs gesondert betreuen», fügte Müller hinzu.
Derzeit mangelt es Schweizer Filmen trotz einer hohen Gesamtanzahl an Produktionen an Sichtbarkeit. Es wäre daher relevant, das Zielpublikum bereits beim Schreiben des Drehbuchs klar zu definieren, um nicht nur die Herstellung, sondern auch die effektive Verwertung der Werke zu gewährleisten. «Wir könnten die Filmbranche durch die Ausrichtung auf bestimmte Kategorien wie Nachwuchs und Produktionen für das breite Publikum lenken», so die Expertin. Um für diese Förderung in Frage zu kommen, müssten die Filme bestimmte Kriterien erfüllen.
Ein langer Prozess...
Wie geht es jetzt weiter? Die vollständige Studie wurde im Oktober 2024 veröffentlicht. Das BAK wird die Empfehlungen anschliessend mit den Akteuren und Akteurinnen des Sektors diskutieren, um die Referenzwerte für die Filmförderungskonzepte 2026-2028 vorzubereiten. Die neuen Leitlinien werden im Januar 2025 an den Solothurner Filmtagen vorgestellt, bevor sie 2025 vom Eidgenössischen Departement des Innern endgültig bestätigt werden. Wie Carine Bachmann jedoch in Erinnerung rief, müssen neue Finanzierungsquellen gefunden werden, da es illusorisch sei zu glauben, dass die dem Film gewidmeten Budgets im aktuellen Kontext massiv steigen würden: «Trotz der Herausforderungen bleibt das BAK entschlossen, die Unterstützung des Schweizer Films zu verbessern.»