Die SRG ist vor allem als Vertreiberin und Koproduzentin von Serien bekannt, doch über ihre regionalen Fiktionsredaktionen SRF, RTS, RSI und RTR wirkt sie bereits in der Drehbuchphase mit. Gemäss Sven Wälti, Leiter Film bei der SRG, ist es «unerlässlich, von Anfang an dabei zu sein. Einerseits weil die Inhalte auf unseren Sendern ausgestrahlt werden, und andererseits weil sie unser Programm stark aufwerten.»
Baptiste Planche, Leiter Fiktion bei SRF, leitet ein Team von zehn Personen mit unterschiedlichem Hintergrund: Literatur, Dramaturgie, Produktion, Inszenierung. Ihre Aufgabe besteht darin, die Projekte zu begleiten, ohne sich in die Arbeit der Drehbuch- und Produktionsteams einzumischen. «Wir sind nicht da, um an ihrer Stelle zu schreiben», so Planche, «sondern um den Rahmen abzustecken, die Ausrichtung zu verfeinern, das Projekt voranzutreiben.» Ein engagierter, aber distanzierter Blick, der konstruktive Kritik liefern soll.
Hinter den Kulissen der Schreibwerkstatt
Der Prozess läuft in mehreren Schritten ab. Die Entwicklungsphase konzentriert sich auf das Konzept, die Serien-Bibel und das Pilot-Drehbuch und kostet zwischen 80'000 und 150'000 Franken. Wenn das Projekt weitergeführt wird, geht es in die nächste Phase, in der das Drehbuch für die komplette Staffel geschrieben wird. Die Kosten dafür belaufen sich je nach Umfang auf 250'000 bis 450'000 Franken.
Das Modell hat sich bewährt. Zu den jüngsten Erfolgen zählt «Blind», eine Adaptation der Romane von Christine Brand. «Zodiac Pictures kam mit einem fortgeschrittenen Konzept auf uns zu. Wir erkannten sofort das Potenzial und finanzierten die Entwicklung», berichtet Planche. Diese verlief jedoch nicht geradlinig: «Wir mussten die Erzählstruktur überarbeiten, unter drei starken Rollen eine Hauptfigur auswählen und die streckenweise zu düstere Stimmung auflockern». Ein zusätzlicher Drehbuchautor unterstützte das Team kurzzeitig, um das Ganze zu verfeinern. Jessica Hefti, Produzentin bei Zodiac, bestätigt den konstruktiven Ansatz: «SRF hatte klare Erwartungen in Bezug auf den Inhalt, hat uns aber nie starre Richtlinien aufgezwungen. Es war eine grosse Kooperationsbereitschaft vorhanden.»
Ein weiteres Beispiel ist die Sitcom «Unsere kleine Botschaft», die im Rahmen einer SRF-internen Ausschreibung entstand und derzeit in Postproduktion ist. «Die Idee entstand bei uns intern und wurde dann einer externen Produktionsfirma übergeben», so Planche. «Das ist ein anderes Modell, doch unser Engagement ist genauso stark.»
Das Gleichgewicht halten
Die SRG bringt sich nicht nur auf künstlerischer Ebene ein. Ihre Fiktionsredaktionen unterstützen die Projekte auch bei der Finanzierungssuche, internationalen Koproduktionen oder der Zusammenarbeit mit Streaming-Anbietern. «Wir hoffen, dass andere Partner wie Onlineplattformen oder ausländische TV-Sender sowie das Bundesamt für Kultur und regionale Förderinstitutionen, sich vermehrt auch von Beginn an finanziell beteiligen», so Planche. Derzeit leistet die SRG noch den weitaus grössten Beitrag.
SRF ist sich des Spannungsfelds zwischen künstlerischem Anspruch und Zugänglichkeit bewusst. «Wir produzieren für ein möglichst breites Publikum. Dazu müssen wir zuweilen die Erzählstruktur anpassen oder die Figuren nahbarer machen». Das kommt einem Balanceakt gleich: «Wir vertreten nicht unsere Interessen, sondern die des Projekts, und wir denken dabei immer auch an das Publikum.» Hefti ergänzt: «Die Art der Zusammenarbeit ist mit früheren Projekten vergleichbar. Was hier anders war, ist der Fokus auf das Publikum, von Fernsehzuschauenden reiferen Alters bis zur streaming-gewöhnten Generation, die sich mit internationalen Erzählmuster auskennt».
Drohende Budgetkürzungen
Dieses Modell könnte durch den aktuellen Budgetdruck gefährdet werden. Der Gegenvorschlag des Bundesrats zur Initiative «200 Franken sind genug» sieht bis 2029 eine schrittweise Senkung der Radio- und Fernsehgebühren auf 300 Franken vor. Gemäss der SRG würde dies eine nachhaltige Budgetkürzung von rund 270 Millionen Franken bedeuten. «Solche Summen lassen sich nur über umfangreiche Veränderungen einsparen. Entsprechend wird es Konsequenzen in allen Bereichen geben – auch bei Schweizer Serien und Filmen», warnt Planche.
Dabei steht weit mehr auf dem Spiel als nur Unterhaltung. Hefti betont: «Eine Serienproduktion beschäftigt über 100 Personen und generiert Umsätze für Hotellerie, Gastronomie und Logistik. Vor allem aber geht es um unsere Art, Geschichten zu erzählen – in unserem Rhythmus und mit unserer Identität.»
«Die Projektvorschläge sind heute viel professioneller und überzeugender als noch vor fünf oder zehn Jahren», so Planche. «Das ist auch unserem grossen Einsatz in der Nachwuchsförderung zu verdanken». Doch die Zukunft ist ungewiss: «Das Publikum gewöhnt sich daran, einheimische Geschichten im Fernsehen zu sehen. Wir haben Jahre gebraucht, um das aufzubauen, aber ohne Kontinuität könnte alles zusammenbrechen.»
«Zusammenbruch der Urheberrechte»
Bisher garantiert die SRG den Produktionen, die im Rahmen des Pacte entstehen, noch eine lineare Ausstrahlung. Künftig könnte der Druck (und Wunsch) wachsen, einzelne Inhalte nur noch online auszuwerten. Das hat einen Einfluss auf die Erträge, die Autoren und Autorinnen für ihre Urheberrechte zukommen. Die Erlöse aus dem linearen Senderecht machten bisher einen substantiellen und existenziellen Anteil der Einkünfte eines Autors aus, erklärt Filmemacher und Mitglied von ARF/FDS Daniel Howald. Das neu in Kraft getretene Gesetz GT 14, das Plattformen zu einer Vergütung von Urheberrechten bei Online-Nutzung der Inhalte verpflichtet, bedeute einen Zusammenbruch der Einnahmen von 99 Prozent. Das zeigten die ersten Auszahlungen deutlich. Howald ist Teil der Arbeitsgruppe, die mit der SRG nach einem Kompromiss sucht, um diese Diskrepanz zu kompensieren. Eine Lösung wurde bereits um acht Jahre hinausgezögert, sie soll für den nächsten Pacte-Abschluss aber nun gefunden werden.
Teresa Vena