Eine Million für Filme von Frauen

Eine Million für Filme von Frauen

Pascaline Sordet 18. März 2018

Von den Initiativen der bewegten Neunzigerjahre bis zum «Wettbewerb für Filme von Regisseurinnen» des Kulturfonds
Suissimage: Die Einstellung gegenüber Frauenförderung im Film hat sich verändert. Zum Glück.

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Alle Fördergelder für die Frauen reservieren,
zwei Jahre lang. So lautete im Sommer 1993
die Forderung von fünf Regisseurinnen der
Ateliergemeinschaft Akazienstrasse an die
Adresse der Kuko, der Kulturkommission von
Suissimage. «Sie hatten keine Chance damit»,
erinnert sich Corinne Frei, seit 1991 verantwortlich für den Kulturfonds von Suissimage.
Jetzt, 25 Jahre später, lanciert die Kuko einen
mit einer Million Franken dotierten Wettbewerb nur für Frauen, ohne dass sich irgend jemand daran stört. Ein langer Weg bis hierhin.
Die Forderung nach einer frauenspezifischen
Unterstützung vergleicht die Juristin mit einer
«Loch-Ness-Seeschlange» der Filmpolitik, die
immer wieder auftauchte, sich aber sehr lang-
sam vorwärtsbewegte.

Der 1989 gegründete Kulturfonds von
Suissimage setzte in den ersten beiden Jahren
seines Bestehens einen Grossteil seiner Gel-
der für das Drehbuch ein – zeitgleich entstand
Focal, die Organisation für Weiterbildung. Die
Anfänge waren turbulent: Man musste sich auf
ein Programm und auf eine intelligente Strategie zur Unterstützung des Schweizer Films in
Ergänzung zu den bestehenden Förderungssystemen einigen. Die Programme waren zeitlich befristet, was die Kommission zwang, die-
Förderkonzepte regelmässig zu revidieren. Das
Förderinstrument ist flexibel, führt aber auch
zu Spannungen.

Ein erstes Happening

An der Generalversammlung vom April
1993 mussten die Stiftungsmitglieder wieder-
gewählt werden. Die Kommission wurde stark
angegriffen und es wurde mit einem Moratorium gedroht, sodass sie auf die Präsentation
eines neuen Unterstützungsprogramms verzichtete und nun niemand wusste, was mit
den verfügbaren Geldern geschehen würde. An
jener Versammlung fand ein erstes Happening
statt, ein Vorbote der Forderungen, die im
Laufe des Sommers folgen würden. Eine kleine
Gruppe von Frauen spielte einen Text auf Ton-
band ab, der die Umkehrung des Verhältnisses
bei der Subventionsaufteilung – 90% für Männer, 10% für Frauen – forderte. «Ich verfasste
das Sitzungsprotokoll», erinnert sich Corinne
Frei beim Durchblättern alter Dokumente.
«Ich glaube, die Leute verstanden damals
nicht, worum es ging, und niemand wusste
wie reagieren. Der Präsident dankte den
Frauen und ging zum nächsten Punkt über».
Die Sache war erledigt.

Die Mobilisierung in der Filmbranche
hängt mit dem bewegten Klima von damals
zusammen. Anfang der 90er-Jahre, mit dem
Streik vom 14. Juni 1991, gewann die feministische Bewegung wieder an Dynamik,
nachdem sie im Jahrzehnt zuvor wenig zu
reden gab. 500ʼ000 Frauen im ganzen Land
legten ihre Berufs- und Hausarbeit nieder
und forderten Chancen- und Lohngleichheit.
Damals kam das Gleichstellungsgesetz erst
in die Vernehmlassung, obwohl der Grund-
satz schon seit zehn Jahren in der Bundesverfassung verankert war. 1996 trat das
Gesetz, nicht zuletzt auch dank der Mobilisierung, endlich in Kraft; der Streik hatte
neue Energien freigelegt.

Der Brief von Isolde Marxer

«In den Monaten nach der Generalversammlung traf sich die Kommission sehr oft»,
sagt Corinne Frei. «Die einzelnen Mitglieder
präsentierten verschiedene Unterstützungsbe-
reiche: Verleihförderung, Bankgarantie, Dreh-
buchförderung und so weiter.». In einem Brief
an die Kuko, deren Mitglied sie war, propagiert
die Regisseurin Isolde Marxer ein Förderungs-
programm für Frauen. Im Brief heisst es: «Es ist
kein Zufall, wenn Jane Campion in Cannes die Goldene Palme in Cannes gewinnt. In einem
Interview in der Weltwoche weist sie explizit
auf die Frauenfilmförderung in Australien hin.
Es ist kein Zufall, dass in jenem Jahr in Locarno
eine Frauengala stattfindet, in deren Umfeld
verschiedene Aktivitäten zur Vernetzung von
Frauen geplant sind.» Und Marxer schlägt vor,
«das Filmschaffen von Frauen in seiner ganzen
Vielfalt und Breite zu fördern, d.h. vom Dreh-
buch bis zur Auswertung.»

Die Ateliergemeinschaft Akazienstrasse, zu
der Franziska Reck, Isabella Huser, Tula Roy,
Gitta Gsell und Valérie Fischer gehörten, zog
vier Tage später nach und forderte ein Finanz-
instrument, das den Frauen Kontinuität in
ihrer Karriere ermöglichen sollte, ungeach-
tet der Mehrfachbelastung als Partnerinnen,
Hausfrauen oder Mütter. Der Vorschlag wurde
mit den altbekannten Argumenten abgelehnt:
Eine Begünstigung der Frauen käme einer
Ghettoisierung gleich, Quoten würden das Pro-
blem nicht lösen, Filmwelt und Talente seien
geschlechtlos.

Forderung nach Quoten

In 25 Jahren haben «positive Diskriminierung» und der Gedanke, dass es spezifische
Förderinstrumente für Frauen braucht, an
Boden gewonnen. 2008 antwortete Jacqueline Veuve auf den Fragebogen von Cinébulletin zur Stellung der Frauen in der Schweizer
Filmbranche: «Es müssten Quoten eingeführt
werden, denn es gibt keine. Frauen und junge
Mädchen sollten schon in der Schule mehr
Selbstvertrauen entwickeln und sich bewusst
sein, dass sie zweimal härter kämpfen müssen,
um sich durchzusetzen, und dass sie Gefahr
laufen, vergessen und links liegen gelassen zu
werden. Was mögliche Massnahmen betrifft,
wiederhole ich: Es braucht Quoten, die respektiert werden; die Situation ist und bleibt fragil.»

Weitere zehn Jahre später beruhigte sich
die Diskussion in dieser Frage, was hauptsächlich auf die zahlengestützten Untersuchungen
zurückzuführen war: Der Bericht von Focal,
ARF/FDS und Cinésuisse zur Geschlechterfrage
zeigte auf, dass das behauptete Ungleichge-
wicht zwischen Männern und Frauen hinsicht-
lich der zugesprochenen Fördergelder keine
Fiktion war. Als Reaktion darauf liess das BAK
eine Bestimmung in seine letzte Kulturbot-
schaft einfliessen, wonach – bei gleicher Qualität – die Projekte von Autorinnen und Regis-
seurinnen zu bevorzugen und das Verhältnis
zwischen positiven Antworten und der Anzahl
Gesuche zu respektieren seien. Die Regisseurin
Eva Vitija, ein Mitglied der Kuko, freut sich über
diese Entwicklung. Es sei schön, dass das BAK
so rasch auf den Bericht zur kulturellen Viel-
falt reagiert habe und nun genaue statistische Angaben auch in Bezug auf die Regionalfonds
zusammentragen will. Das biete eine gute Dis-
kussionsgrundlage. Von der Chancengleichheit
sei man zur Ergebnisgleichheit übergegangen.
Allerdings fände Eva Vitija eine Studie über die
Ungleichheit der Löhne in der Filmbranche nötig,
umso mehr, als alle Angaben in den Budgets der
unterstützten Filme bereits vorhanden sind.

Von der Frauengala bis zu SWAN

Die in Isolde Marxers Brief erwähnte Frauen-
gala hat die heftigen feministischen Impulse
der Frauen vom Frühjahr 1993 am Filmfestival
Locarno umgesetzt. Filmemacherinnen, Aka-
demikerinnen, Journalistinnen und engagierte
Feministinnen besuchten die Veranstaltung.
Die Ateliergemeinschaft Akazienstrasse liess
ihre Petition zirkulieren; sie forderte, die Gelder
der Kuko während zweier Jahre nur an Frauen
auszubezahlen. Die Kommission antwortete, sie
habe die Petition zur Kenntnis genommen und
sei sich der Situation der Frauen in der Filmland-
schaft Schweiz bewusst. Doch es folgten keine
Taten. Corinne Frei erinnert sich, dass damals
eine andere Stimmung herrschte. Sogar sie sei
nicht für das Projekt gewesen. Dasselbe galt für
die Gala: «Es gab ein Fest auf der Terrasse, die
Frauen befanden sich im Untergeschoss. Ich
ging zu ihnen und blieb fünf Minuten. Eigentlich
wollten wir lieber ein Bier mit unseren Kollegen
trinken als unter uns bleiben.»

Ein Sprung in die 2010er Jahre: Das Netz-
werk SWAN, seine Facebook-Gruppe und
Apéros haben den Platz der Frauengala ein-
genommen. Petra Volpe und Lisa Brühlmann
kassieren dieses und letztes Jahr insgesamt vierzehn Nominationen für den Schweizer
Filmpreis und Suissimage erwartet Dutzende
von Produktionsdossiers für den «Wettbewerb
für Filme von Regisseurinnen». Eva Vitija, die
das Projekt mit Carola Stern lancierte, gibt zu,
sich als Frau nie benachteiligt gefühlt zu haben,
bis sie später die Zahlen sah: «Die Frauen erhalten weniger Geld, und wir haben gemerkt, dass
wir etwas tun können und ein positives Signal
aussenden müssen.»

Der Kuko-Wettbewerb wird einen bis
drei Filme unterstützen und deren Finanzierung zu einem grossen Teil sicherstellen.
Laut der Regisseurin bedeutet dieses Instrument keine Zusatzfinanzierung, sondern
eine substanzielle Unterstützung respektive
eine Initialunterstützung für ein Projekt, das
noch keine Finanzierung hat. Die Frauen reichen im Allgemeinen immer noch weniger
Dossiers ein, deshalb soll sie der Wettbewerb
dazu ermuntern. Anne Delseth, ebenfalls ein
Mitglied der Kuko, sagt, seine Entwicklung
sei sehr harmonisch verlaufen. «Die Frauen
haben die Mehrheit in der Kommission, doch
bei den Männer gab es keinen Widerstand.»
Eva Vitija stimmt ihr zu und erwähnt die sehr
positiven Reaktionen, unter den Frauen natürlich, aber auch in der restlichen Branche,
als der Wettbewerb 2017 in Locarno angekündigt wurde. Dieser soll grundsätzlich nur
einmal durchgeführt werden, doch «wenn er
sehr erfolgreich ist, schauen wir weiter», sagt
Eva Vitija und schmunzelt. Jetzt gilt es nur
noch, Suissimage mit Dossiers zu überfluten!

▶ Originaltext: Französisch

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