Unfallautos, fotografiert von einem Polizisten aus dem Kanton Nidwalden: Die Bilder des Polizisten und Fotografen Arnold Odermatt inspirierten die Regisseurin und Drehbuchautorin Ursula Meier zu ihrem nächsten Spielfilm «Quiet Land», den sie zurzeit vorbereitet. In den Szenen, die sie faszinieren, erkennt sie zugleich die Tragik der Unfälle und die Komik von Situationen, deren Hergang man sich nur schwer erklären kann. Ihre Geschichte spielt jedoch in Montana, und ihre Hauptfigur ist ein siebzigjähriger US-amerikanischer Polizist, der unerklärliche Unfälle untersucht. «Mir gefällt die Idee, dass sie ihren Ursprung in der Schweiz hat und dann übertragen wird», so Meier.
Ist Englisch die neue Sprache des Schweizer Films? Swiss Films stellte diese Frage an der Podiumsdiskussion «Beyond Borders: English as the New Language in Swiss Cinema?». Das Gespräch fand im Rahmen der letzten Venice Production Bridge statt, dem Branchenprogramm der Mostra. Moderiert wurde es von Nick Vivarelli, Journalist bei Variety. Geht es um künstlerische Öffnung? Oder vielmehr um Finanzierung?
Der Preis des Marktes
Der Wunsch nach einem grösseren Publikum allein rechtfertigt noch nicht die Sprachwahl. Diese Erfahrung machte der Regisseur und Drehbuchautor Tim Fehlbaum mit seinem zweiten Spielfilm «Tides» (2021). «Rückblickend denke ich, das war keine gute Idee, da es nicht aus der Geschichte hervorging», bekennt er. Bei «September 5», der 2024 in Venedig vorgestellt wurde, war Englisch aufgrund des Blickwinkels die natürliche Wahl.
Eine erste Version des Drehbuchs über die Geiselnahme israelischer Athleten an den Olympischen Spielen 1972 in München war gemäss dem Filmemacher 180 Seiten lang und grösstenteils auf Deutsch. Die Ereignisse wurden abwechselnd aus den Blickwinkeln von Polizisten, politischen Verantwortlichen und Journalisten erzählt. Aufgrund der Vorbehalte der Produktion und seiner eigenen Unschlüssigkeit schrieb Fehlbaum das Drehbuch mit seinem Co-Autor um und nahm die Perspektive des US-amerikanischen TV-Teams ein, das über die Spiele berichtete. Die Handlung konzentrierte sich folglich auf die Lokalitäten des TV-Senders. Finanzielle Zwänge trugen hier zur Wahl der Form bei. «Wir wählten nicht einfach Englisch um des Englischen Willen.»
Auch ein internationaler Star kann die Finanzierung erleichtern, doch die Gesamtrechnung wird dadurch nicht unbedingt einfacher. Der Regisseur und Drehbuchautor Michael Koch stellte dies beim 2025 gedrehten «Erosion» fest, der aktuell in Postproduktion ist. Die Hauptrolle spielt der US-amerikanische Schauspieler Peter Sarsgaard. Die Finanzierung sei rasch aufgestellt gewesen, so Koch, doch die benötigten Summen waren auch höher. Er betont, das Projekt sei vor allem möglich gewesen, weil es Sarsgaard sehr am Herzen lag.
Der Blickwinkel ist entscheidend
Was macht diese Öffnung mit der Schweizer Identität? Bei «Erosion» dient die englische Sprache genau dazu, einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Sarsgaard spielt einen Neurochirurgen, der in Basel arbeitet und durch seine Arbeit eine Bergbauernfamilie kennenlernt – die von Laiendarstellern gespielt wird. Nach «Drii Winter» (2022) wechselt Koch die Perspektive: «Dieses Mal wollte ich diese Welt mit den Augen eines Ausländers betrachten.»
Meier hingegen verlegt die Handlung. Die Zusammenarbeit mit der Schauspielerin Gillian Anderson für «Sister» (2012) machte ihr Lust, mit US-amerikanischen Darstellenden zu arbeiten. «Ich mag ihre physische Art, Figuren zu verkörpern.» Für «Quiet Land», dessen Finanzierung sie in Venedig abschliessen konnte, wird nächstes Jahr in Kanada und der Schweiz gedreht. Die weite Landschaft soll auch ihre erzählerischen Möglichkeiten erweitern. «Ich fühle mich vielleicht freier in meiner Vorstellung.»
Würden sie auch einen US-amerikanischen Auftragsfilm annehmen? Vivarellis Frage zeigt eine Grenze auf. Meier wäre offen, wenn es eine enge Verbindung zu ihrem Filmschaffen gibt. Koch zeigt sich zurückhaltender: «Ich brauche eine persönliche Beziehung zur Geschichte und zu meinem Umfeld, um nicht in Klischees zu verfallen.»
So besteht denn auch die Gefahr, ein Amerika zu filmen, das man nur aus Filmen kennt. Fehlbaum bekennt, er habe deshalb Drehbücher abgelehnt. Zu «September 5» trug der US-amerikanische Übersetzer mehr bei als nur die richtigen Worte; dank seiner Erfahrung konnten gewisse Klischees korrigiert werden. Bei Meier wurden die Dialoge von «Quiet Land» auf Französisch geschrieben, übersetzt und danach mehrere Tage lang mit dem Hauptdarsteller überarbeitet. Auch Sarsgaard wirkte an der Geschichte von «Erosion» mit. «Er beeinflusste das Drehbuch ziemlich stark», so Koch. Um den Blickwinkel zu bewahren, muss man nicht unbedingt allein arbeiten.