Das Schweizer Kulturerbe bewahren
Cécile Vilas leitet Mémoriav seit 2018. © zvg

Das Schweizer Kulturerbe bewahren

Adrien Kuenzy 1. November 2024

Das Kompetenzzentrum für die Erhaltung des audiovisuellen Kulturerbes Memoriav organisiert zurzeit seinen ersten Kongress. Wir haben uns zu dieser Gelegenheit mit der Direktorin Cécile Vilas unterhalten.

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Familien scharen sich rund um eine startbereite Lokomotive. Dann setzt sich der Zug in Bewegung und wird auf seiner Fahrt durch die Landschaft an jeder Haltestelle von Frauen, Männern und Kindern begrüsst. Die Bilder der Eröffnung der Furka-Bahnstrecke im Wallis gleichen einer Zeitreise ins Jahr 1914. Stumm und dennoch vielsagend enthüllen sie ein wertvolles Stück unserer Geschichte.

Der von Lichtspiel/Kinemathek Bern digitalisierte Kurzfilm wurde per Zufall in einem Privathaushalt entdeckt, von einem «Späher», der von Memoriav im Rahmen des Projekts zur Erfassung des audiovisuellen Kulturerbes in den Kantonen beauftragt wurde. Mitten in den Vorbereitungen zum ersten Kongress von Memoriav am 26. November spricht Direktorin Cécile Vilas mit spürbarer Rührung über dieses Fundstück: «Man sieht darin auch den Rhonegletscher, der damals noch viel gewaltiger war. Mich berührt vor allem die bescheidene Bevölkerung in ihren traditionellen Trachten, die diese Neuheit mit so viel Neugier und Hoffnung begrüsst».

Eine «Schweizer Lösung»

Der 1995 gegründete Verein Memoriav ist gemeinschaftlich organisiert. «Ich bezeichne das immer als eine Schweizer Lösung», erklärt Vilas. «In den 1980er und 1990er Jahren entstand ein politisches und öffentliches Bewusstsein dafür, dass unser audiovisuelles Kulturerbe bedroht ist. Die Träger waren noch analog, und ohne schnelles Handeln liefen wir Gefahr, einen beträchtlichen Teil davon zu verlieren».

«Natürlich erwogen wir, eine grosse Institution für audiovisuelle Inhalte zu gründen, eine Art Nationalbibliothek des audiovisuellen Kulturguts. Doch das Projekt war zu zeit- und kostenintensiv», berichtet Vilas. «So entstand unser Verein Memoriav dank der ersten Gründungsmitglieder wie Cinémathèque suisse, Nationalbibliothek, Nationalphonothek, Bundesarchiv, BAKOM und SRG.

Heute zählt der Verein rund 300 Mitglieder aus dem öffentlichen und privaten Sektor und funktioniert als Netzwerk. Dank der Unterstützung insbesondere durch den Bund konnten bereits gegen 500 Erhaltungs- und Erschliessungsprojekte in diversen Bereichen durchgeführt werden, von Filmen bis hin zu Wirtschaftsarchiven, wie dem Schweizerischen Wirtschaftsarchiv in Basel.

Kantonsübergreifende Zusammenarbeit

Die Bewahrung des audiovisuellen Kulturerbes in der Schweiz basiert auf einer aktiven Zusammenarbeit mit den Kantonen. Vilas betont, wie wichtig dieser Ansatz sei: «Zurzeit beteiligen sich 17 Kantone an unserem Inventar- und Sensibilisierungsprojekt der audiovisuellen Archive. In Genf zum Beispiel wird in Kürze ein Fragebogen an mehrere hundert Adressen verschickt, darunter Unternehmen, religiöse Gemeinschaften und Kulturverbände».

Das langfristige Ziel: Den Zustand der Archive in der ganzen Schweiz einschätzen und vor Ort handeln, um das Kulturerbe zu bewahren. Eine weitere Aufgabe ist die Sensibilisierung der Öffentlichkeit. Um seine Inventarprojekte voranzutreiben und vergessene Sammlungen zutage zu fördern, wendet sich der Verein mittels Seminaren und praktischen Anleitungen sowohl an Private als auch an Institutionen. Im Jura gaben kürzlich zahlreiche Privatpersonen Schachteln mit Super-8-Filmen ab, die vom lokalen Leben in früheren Zeiten zeugen. «Ein Grossteil der Bevölkerung besitzt kulturhistorische Dokumente», so Vilas, «doch deren Wert wird oft nicht erkannt».

Digitale Zukunft

Mit der zunehmenden Digitalisierung erweitert Memoriav seinen Tätigkeitsbereich und trägt auch zur Bewahrung neuer Kulturformate wie Videospiele bei. Seine 2001 lancierte und 2020 aktualisierte Plattform Memobase dient zudem als wichtigstes Instrument, um auf audiovisuelle Archive mit über 968.000 verfügbaren Dokumenten zuzugreifen. «Alle Institutionen können ihre Archive auf diesem Portal hinterlegen», erklärt Vilas und unterstreicht die Wichtigkeit von Metadaten, um die Dokumente in einen Zusammenhang zu stellen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Für die Direktorin ist der Schutz des audiovisuellen Kulturerbes klar eine kollektive Verantwortung. Der Verein Memoriav trägt dazu bei, indem er die Zusammenarbeit zwischen den Institutionen fördert, insbesondere durch Fachtreffen wie diesen ersten Kongress, der kulturelle Akteure und politische Entscheidungsträger zusammenbringt. «Wir können die Zusammenarbeit nicht institutionalisieren, doch wir können sie fördern», so Vilas, und betont, wie wichtig ein gemeinsames Vorgehen ist, um das Fortdauern unserer Archive sicherzustellen. Um die Synergien zu stärken und mehr Kräfte für diese wichtige Mission zu mobilisieren, bleibt jedoch noch einiges zu tun.

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