Wie konnten Sie bei einer so grossen Vielfalt der Schweizer Filmproduktion eine Kohärenz für die 60. Ausgabe des Festivals schaffen?
Es ist nie einfach, eine Auswahl zu treffen, wenn eine grosse Anzahl von Filmen eingereicht wird. Man muss auch sagen, dass wir in erster Linie ein Schaufenster sind. Das bedeutet, dass wir kein thematisches Festival sind oder von einer einzigen künstlerischen Vision geleitet werden, die von einem künstlerischen Leiter nach seinem eigenen Geschmack diktiert wird. Unser Ziel ist es, die Leitlinien und Tendenzen zu identifizieren, die sich im Schweizer Film in den letzten zwölf Monaten herauskristallisiert haben. Unsere Aufgabe ist es, dem Publikum einen Kompass anzubieten. Es geht nicht darum, alle Filme aufzunehmen oder eine willkürliche Auswahl zu treffen, sondern darum, zu strukturieren und eine Ordnung zu schaffen. Und genau darin liegt die Herausforderung unseres Berufs. Das Beste für die Filme zu tun, bedeutet auch, zum Wohlergehen des Schweizer Films als Ganzes beizutragen.
Wie entwickelt sich die Kommunikation rund um die Filme?
Natürlich ständig, wenn auch ohne radikale Änderung der Strategie. Wir arbeiten immer enger mit den Verleihern zusammen, um die beste Kommunikation für jeden Film festzulegen. Wir legen auch mehr Wert auf die Verbindungen zwischen den Filmen, indem wir sie in soziale, politische oder generationsspezifische Kontexte einbetten. Angesichts der Übersättigung mit Inhalten wird es notwendig, genau zu erklären, warum ein Film ausgewählt wurde, für wen er relevant ist und was ihn einzigartig macht. Dieser Ansatz spiegelt sich im Programm wider, das den Raum und die Zeit wertschätzt, die nötig sind, um die Werke zu verdauen, zu diskutieren und zu geniessen, und kulturelles «Binge-Watching» vermeidet. Beispielsweise überschneiden sich Diskussionen, Podiumsgespräche und Fallstudien so gut wie nie mit anderen Veranstaltungen. Wir wollen vermeiden, dass sich die Teilnehmer gestresst fühlen oder unter dem Zwang stehen, schnell zu konsumieren. So können sie die Filme und den Austausch darüber in ihrer Umgebung geniessen. Meiner Meinung nach leisten wir auf diese Weise der Schweizer Filmindustrie einen echten Dienst.
Viele Filme beschäftigen sich dieses Jahr mit Erbe. Handelt es sich um eine Tendenz?
Ja, dieses Thema ist allgegenwärtig und spiegelt einen Moment der kollektiven Reflexion wider. Die Filme stellen die Frage, was uns die vergangenen Generationen hinterlassen haben und was wir weitergeben wollen. Beispielsweise fragt «Die Hinterlassenschaft des Bruno Stefanini» nach dem materiellen und moralischen Erbe einer Generation, die in einer sich verändernden Welt Reichtümer angehäuft hat. Andere Werke verwenden starke Metaphern, wie Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg oder die Rückkehr nach Srebrenica, um die Auswirkungen vergangener Konflikte zu erforschen. Diese Filme begnügen sich nicht mit einer Nostalgie der Vergangenheit, sondern versuchen, dem Erbe einen Sinn zu verleihen, um die Zukunft besser in den Blick nehmen zu können. Dieser Trend, der in seiner Vielfalt faszinierend ist, zieht sich durch viele Werke in diesem Jahr.
Und die familiären Spannungen rund um den Nachlass?
Dieses Thema ist auch sehr aktuell. Es geht über den finanziellen Aspekt hinaus und stellt die Frage, was wir weitergeben wollen. Zum Beispiel folgt «Bagger Drama» von Piet Baumgartner einer Familie, in der der Sohn nach dem Tod der Tochter vor der Entscheidung steht, ob er das Familienunternehmen übernehmen oder ins Ausland gehen soll. Der Film thematisiert auch das «Coming-out», die Selbstakzeptanz und die familiären Schwächen hinter einer stabilen Fassade. Er stellt die Frage: Was ist wirklich erreicht und was wollen wir für die Zukunft bewahren oder ändern? In einem anderen Register erforscht «Immortals» von Maja Tschumi die Jugend von Bagdad, die mit einem Erbe der Freiheitsberaubung konfrontiert ist. Die Jugendlichen müssen sich entscheiden, ob sie den Erwartungen ihrer Familien folgen oder einen neuen Weg suchen.
Was kennzeichnet die junge Generation, die dieses Jahr vertreten ist?
Eine erhöhte Sensibilität für Themen wie die psychische Gesundheit, die in diesem Jahr sehr präsent war. Im Gegensatz zum militanten Kino von früher, das Antworten lieferte, stellt das aktuelle Kino Fragen und lädt zum Nachdenken ein, indem es die Nuancen und die Stille erkundet. Zum Beispiel behandelt Eleonora Camizzis «Bilder im Kopf» die Bipolarität ihres Vaters mit Tiefe und Grosszügigkeit und öffnet sich damit universellen Fragen. Dieser Kontrast zu manchmal allzu selbstreflexiven Werken unterstreicht das Engagement und die Reife der jungen Filmemacher angesichts einer komplexen Welt.
Wieso wollten Sie die Landschaften des Juras in den Vordergrund stellen? Ist es ein Weg, um die visuelle Identität des Schweizer Kinos neu zu definieren?
Zum Teil, ja. Die Idee entstand bei einem Spaziergang, als wir über eine Retrospektive zum 60-jährigen Jubiläum der Solothurner Filmtage nachdachten. Der Jura hat den schweizerischen und französischsprachigen Film in verschiedenen Genres wie Western, Thriller oder Science-Fiction geprägt. Heute werden die Orte zu zentralen Protagonisten, wie in zahlreichen Serien. Den Jura ins Rampenlicht zu stellen bedeutet nicht nur, eine Kulisse aufzuwerten, sondern seine Rolle in der Atmosphäre und Identität des Schweizer Films zu feiern.
Welchen Austausch oder welche Zusammenarbeiten erhoffen Sie sich zwischen den Onlineplattformen und Fachleuten, die während des Festivals zusammenkommen?
Diese Treffen sind so konzipiert, dass sie einen konkreten und gezielten Austausch fördern. Die Plattformen, die angesichts ihrer neuen Investitionsverpflichtungen noch vorsichtig sind, ziehen es vor, allgemeine Diskussionen zu vermeiden, bei denen sie mit Vorschlägen überschwemmt werden könnten. Aus diesem Grund haben wir uns für ein Format von 1:1-Treffen entschieden. Nach einer allgemeinen Einführung wird eine Reihe von Treffen zwischen den registrierten Produktionsfirmen und den Plattformen organisiert, bei denen ausführliche 1:1-Gespräche stattfinden. Ziel ist es, einen strukturierten und produktiven Rahmen zu schaffen, der den Produzenten eine echte Gelegenheit zum Dialog und zur strategischen Zusammenarbeit mit den Plattformen bietet. Dieses Format bringt die Bedürfnisse beider Seiten näher zusammen und stärkt die Rolle der Solothurner Filmtage als Ort der Kontaktvermittlung.
Die Promotion des Schweizer Films in der Schweiz ist ein wichtiges aktuelles Thema, gerade wegen der Mittel, die Swiss Films zugehalten werden. Wieso ist Ihrer Meinung nach so schwierig, ein breites Publikum mit der nationalen Produktion anzusprechen?
Ich denke, dass es noch viele Klischees rund um den Schweizer Film gibt: Dass er langweilig, schwierig oder sogar elitär sei. Diese Vorurteile halten sich konstant. Man muss die Zusammenarbeit zwischen den Sprachregionen fördern und Brücken zwischen den Kulturen bauen. Es ist nicht einfach, einen französisch- oder italienischsprachigen Film in der Deutschschweiz zirkulieren zu lassen oder umgekehrt, aber wenn es funktioniert, zeigt es den ganzen Reichtum unserer Vielfalt. Dies erfordert eine koordinierte Anstrengung mit der Unterstützung von Medien, Institutionen und Verbänden. Die Filme müssen in einen breiteren gesellschaftlichen Kontext eingebettet sein, Debatten und Austausch anregen. Der Schweizer Film hat diese Fähigkeit, über unsere komplexe Identität als Eidgenossenschaft zu sprechen. Diese Arbeit ist immens, aber ich bleibe optimistisch, was die möglichen Fortschritte betrifft.