«Chess Behind Bars»: beim Schreiben an den «Impact» denken
Adrien Kuenzy 17. April 2025
Regisseur Ivo Zen und Produzent Kaleo La Belle entwickeln ein Projekt, das schon bei der Konzeption hinterfragt, wie ein Film über die Leinwand hinaus wirken kann. Sie berichteten beim letzten FIFDH von ihrem Ansatz.
Der im März am Internationalen Filmfestival und Forum über Menschenrechte (FIFDH) vorgestellte Film «Chess Behind Bars» war Teil des «Swiss Focus», eines neuen Programms, das im Rahmen der «Impact Days» lanciert wurde, um den Austausch zwischen Schweizer Filmschaffenden und «Impact»-Fachleuten aus allen Sprachregionen des Landes und aus dem Ausland zu fördern.
Über das Schachspiel will der Dokumentarfilm Zugang zur Realität von Häftlingen und Gefängnissen auf der ganzen Welt schaffen, die an Turnieren teilnehmen. Obwohl sich der Film noch in der Entwicklungsphase befindet, haben Regisseur Ivo Zen und Produzent Kaleo La Belle bereits eine internationale Wirkungsstrategie konzipiert. Ihr Projekt gehört auch zu den drei ausgewählten Projekten des «Impact Accelerators», einer neuen Partnerschaft zwischen Swiss Films und der philanthropischen Organisation The StoryBoard Collective, die finanzielle Unterstützung bietet, um die Existenz des Films über die Kinos hinaus im Voraus zu denken.
La Belle erklärt: «Dieser Spielfilm hat uns schon sehr früh dazu gebracht, über eine «Impact»-Kampagne nachzudenken. Keiner von uns hatte je zuvor auf diese Weise gearbeitet. Es begann fast natürlich: Ivo wollte, dass der Film einen konkreten Nutzen für die Protagonisten und Protagonistinnen hat. Das hat uns auf die Idee einer Kampagne gebracht».
Ein internationales Netzwerk im Aufbau
Die «Impact Days» konnten in dieser ersten Reifungsphase eine Rolle spielen. Die Veranstaltung bot dem Duo nicht nur einen Raum für Sichtbarkeit, sondern auch die Möglichkeit, mit Produzenten, Strategen, Fernsehsendern und institutionellen Akteuren zu sprechen. «Wir haben noch kein Produkt, das wir verkaufen können, also befinden wir uns in einem Moment, in dem die Rückmeldungen den Film nähren können. Es war wertvoll, unsere Intuitionen bestätigt zu sehen, insbesondere was die Identitätsfragen im Gefängnis betrifft«, sagt Zen. Für La Belle hat dieser Austausch auch neue konkrete Wege eröffnet: «Bei einem Gespräch am runden Tisch war zum Beispiel eine Sozialarbeiterin des Schweizer Gefängnissystems anwesend, die eine Partnerin der nationalen Kampagne werden könnte. Über das Festival hinaus fand auch ein Austausch mit Gesprächspartnern in Frankreich, Norwegen oder Grossbritannien statt. Diese Art von internationaler Plattform ermöglicht es, frühzeitig mit dem Knüpfen von Kontakten zu beginnen».
Zirkulation, Formate und künstlerische Voreingenommenheit
Auch wenn die Kampagne noch in den Kinderschuhen steckt, liegen ihr bereits klare Absichten zugrunde: «Wir möchten den Film in den verschiedenen Gefängnissen und Einrichtungen, in denen wir gedreht haben, vorführen», sagt La Belle. «Die Idee ist auch, Schach an Orten einzuführen, an denen es noch nicht existiert. Das Spiel fungiert in diesem Zusammenhang als Kontaktpunkt». Zen fügt hinzu: «Man kommt nicht mit einem militanten Diskurs. Wir kommen mit einer Aktivität, mit Interesse an den Menschen. Das ist es, was uns die Türen öffnet».
“Wir würden den Film gerne in den verschiedenen Gefängnissen und Einrichtungen, in denen wir gedreht haben, vorführen. Die Idee wäre auch, Schach dort einzuführen, wo es noch nicht existiert.” Kaleo La Belle, Produzent des Films
Das Team plant auch, neben dem Spielfilm kürzere Formate zu produzieren: Porträts von Häftlingen, Themenkapseln, Inhalte, die für Vereine oder pädagogische Zwecke verwendet werden können. «Wir müssen vielleicht zusätzliche Drehtage einplanen, um dieses Material zu sammeln», sagt Zen. «Es ist nicht direkt für den Film, aber es kann der Kampagne dienen». «Chess Behind Bars» wurde bereits in mehreren Ländern - Norwegen, Philippinen, Armenien, USA - gedreht und ist mit sehr unterschiedlichen Gefängniskontexten konfrontiert, die ebenso viele auf lokale Verhältnisse angepasste Strategien erfordern.
Keine Kompromisse
Dennoch wollen weder Zen noch La Belle Kompromisse in Bezug auf die Natur ihres Projekts eingehen. «Wir wollen in erster Linie einen Film machen, keine Kampagne», sagt La Belle. «Wenn der Dokumentarfilm etwas auswirken kann, umso besser. Aber er muss seine eigene Stimme behalten». Ihrer Meinung nach bleibt die Unterscheidung grundlegend, insbesondere in einer Landschaft, in der die «Impact»-Produktion manchmal dazu neigt, vereinfachte Erzählungen oder messbare Ziele durchzusetzen. La Belle stellt fest: «Das Künstlerische ist in der Welt der 'Impact»-Produktion' nicht sehr präsent. Die Geldgeber erwarten, dass der Film gut ist, aber sie stellen keine Fragen zum Stil oder zur Form».
Für «Chess Behind Bars» wird die Form zum entscheidenden Element: Das Schachspiel wird zur visuellen Metapher, zur gemeinsamen Sprache und zum Aufzeigen von Lebenswegen. Einige Protagonisten und Protagonistinnen erzählen ihre Geschichte, indem sie sich auf das Brett stützen. Einer von ihnen spricht über seine Inhaftierung als schlechte Eröffnung in einem Spiel gegen das Schicksal. Der Film setzt auf diese Kippmomente, in denen das Spiel es ermöglicht, anders über sich selbst zu sprechen. «Wenn man mit jemandem Zeit verbringt und mit ihm Schach spielt, kann man eine echte Beziehung aufbauen», gesteht Zen. «Und dann erfährt man, was er getan hat».
Das Duo hofft, noch vor Ende des Jahres mit der Produktion beginnen zu können. Koproduktionen mit Deutschland, den Niederlanden und Norwegen sind im Gespräch, während andere Länder wie Indien, Mexiko oder Malawi noch dazukommen könnten. Ein internationales Schachturnier zwischen Gefängnissen, das es bereits gibt, wird als Erzählstrang dienen. Und während die Ausstrahlung in Kinos weiterhin in Betracht gezogen wird, zählen die Macher auch auf die Schachwelt, um die Verbreitung des Films zu unterstützen.
«Was zählt», schliesst La Belle, «ist, dass die Leute den Film sehen. Manchmal werden sie zuerst einen Ausschnitt sehen. Manchmal werden sie einen Artikel lesen. Der Zugang ist egal, solange es einen Dialog gibt».