Auf Zukunftskurs
Nadia Dresti. © Locarno Film Festival / Marco Abram

Auf Zukunftskurs

Alexandre Ducommun 29. Juli 2024

Infolge eines Strategiewechsels führt das Tessiner Festival ein «Industry Advisory Board» unter der Leitung von Nadia Dresti ein.

copy linkshare facebookshare linkedinshare instagram

Als Marco Solari nach über 20 Jahren als Präsident des Locarno Film Festival vergangenen Sommer seinen Rücktritt bekannt gab, musste der Verwaltungsrat eine Entscheidung treffen: Eine Nachfolge zu finden, die so stark in der Schweiz verankert ist wie der abtretende Präsident, war praktisch unmöglich. «Doch meine Ära ist vorbei, damit wird sich das Festival abfinden müssen», scherzte Marco Solari gegenüber RTS im Juli 2023. Mit ihm verliessen mehrere langjährige Mitglieder den Verwaltungsrat, der damals aus 28 Personen bestand.

Diese Veränderung bewog den Verwaltungsrat zur Gründung einer Arbeitsgruppe, um die Leitungsstruktur des Festivals und die Statuten zu überdenken. Die Bedürfnisse des Festivals wurden neu eingeschätzt, ein Profil der künftigen Leitung erstellt und Maja Hoffmann kurz vor Beginn der 76. Ausgabe des Locarno Film Festivals zur Präsidentin ernannt. Die Arbeitsgruppe war der Meinung, es brauche eine international ausgerichtete Person, um die Entwicklung des Festivals weiter voranzutreiben. Zudem wurde der Verwaltungsrat umstrukturiert und auf fünf bis sieben Mitglieder reduziert, die vermehrt operativ und nicht nur beratend tätig sein sollten.

Nadia Dresti, Gründerin und von 2000 bis 2020 Leiterin des Programms Locarno Pro, bringt als eines von derzeit fünf Mitgliedern des Verwaltungsrats ihr filmisches Fachwissen ein. Sie spielte während des gesamten Prozesses eine aktive Rolle: «Nach der Genehmigung der neuen Statuten durch den bisherigen Verwaltungsrat machten wir uns Gedanken zur Umsetzung der neuen Leitungsstruktur des Festivals. Die Mitglieder des neuen Verwaltungsrats wurden aufgrund ihrer Kompetenzen in den Schlüsselbereichen des Festivals ausgewählt. Sie allein konnten jedoch nicht die Arbeit der 28 abtretenden Persönlichkeiten und eines Präsidenten wie Marco Solari ersetzen.» Zur Unterstützung sahen die Statuten deshalb die Schaffung zweier Beratungsgremien vor: das «Industry Advisory Board (IAB)» sowie das «Policy Advisory Board», das anlässlich der Generalversammlung im Oktober ins Leben gerufen wird und die Position des Festivals auf politischer Ebene stärken soll.

“Aktuell muss sich das Festival in erster Linie verstärkt auf internationaler Ebene positionieren.”
Nadia Dresti
Die Sichtbarkeit erhöhen

Das im Februar gegründete IAB wird von Dresti geleitet und pflegt die Beziehungen des Festivals mit der übrigen Filmindustrie, auf nationaler wie internationaler Ebene. Seine sieben weiteren Mitglieder wurden aufgrund ihrer Fachkenntnisse in den verschiedenen Bereichen der Branche ausgewählt. Neben Dresti besteht das IAB aus Emmanuel Cuénod, Direktor des Zentrums für digitale Kreation; Kinobetreiberin Edna Epelbaum; Marion Klotz, Leiterin der Locarno Industry Academy International; Beki Probst, Gründerin des European Film Market in Berlin; Gerardo Michelin, Gründer von LatAm Cinema; Bobby Allen, Senior Vice President der Plattform Mubi; und Produzent Ted Hope.

Wie positioniert sich das Locarno Film Festival in der schweizerischen und internationalen Festivallandschaft? Wie können mehr Filmschaffende aus dem Ausland nach Locarno gelockt werden? Welche Art von Filmen passt auf die Piazza Grande? Dies sind nur einige Beispiele der Themen, die das IAB an seinen kommenden Sitzungen behandeln könnte. «Ich würde mir wünschen, dass die Themenvorschläge nicht nur von mir, sondern auch von den anderen Mitgliedern des IAB kommen, die das Festival von aussen sehen und es als Teilnehmende erlebt haben», so Dresti. Zu diesem Zweck treffen sich die Mitglieder des ehrenamtlichen Beratungsgremiums anlässlich der wichtigsten internationalen Veranstaltungen der Filmbranche, um sich über ihre Ideen für das Tessiner Festival auszutauschen.

«Aktuell muss sich das Festival in erster Linie verstärkt auf internationaler Ebene positionieren. Alle grossen Festivals bieten Autorenfilme und Filmmärkte an. Um konkurrenzfähig zu bleiben, müssen wir sicherstellen, dass die gesamte Autorenfilm-Branche in Locarno zusammenkommt», erklärt Dresti. Angesichts der wachsenden Zahl von Filmfestivals und ihrer raschen Weiterentwicklung hofft sie, dass die Mitglieder des IAB ein präzises Bild der Bedürfnisse der Filmschaffenden sowie Perspektiven zur Steigerung der Attraktivität des Festivals einbringen werden.

Es braucht noch etwas Geduld, bevor die ersten Ergebnisse des IAB sichtbar werden. In Anbetracht der Verabschiedung der neuen Statuten, der Erneuerung des Verwaltungsrats und der Einarbeitungszeit des Beratungsgremiums geht Dresti davon aus, dass die ersten konkreten Ziele des IAB frühestens im Herbst 2024 zu erwarten sind.

Lesen Sie auch