Gewisse intime Szenen werden nach wie vor direkt am Filmset gestaltet. «Manchmal schreibt man nur: Dann lieben sie sich. Das lässt vieles offen», so Jasmin Gordon, Filmemacherin und eine der Autorinnen des neuen Schweizer Leitfadens für das Drehen von intimen Szenen. «Mit einer Intimitätskoordinatorin muss man über jede Bewegung, jede Handlung nachdenken und alles vorbereiten.»
Der Anfang Mai bei Fonction:Cinéma in Genf vorgestellte Leitfaden behandelt Fragen rund um Einvernehmlichkeit, Dreharbeiten und Postproduktion. Er wurde von den Regisseurinnen Jasmin Gordon und Katalin Gödrös in Zusammenarbeit mit der Intimitätskoordinatorin Nathalie Egea erarbeitet und soll einen Rahmen für die häufig noch informellen Prozesse am Filmset festlegen. Empfohlen wird unter anderem, jede Änderung einer intimen Szene im Voraus anzukündigen, die Zahl der am Set anwesenden Personen zu begrenzen und jede Geste vor dem Dreh genau zu planen. Gordon stellten sich diese Fragen während der Dreharbeiten zu ihrem ersten Langfilm «Les Courageux», wo eine Nacktszene vor Kindern gedreht werden musste. «Damals war die Idee eines geschlossenen Drehs für diese Art von Szene noch eher ungewöhnlich», berichtet sie. «Als Regisseurin musste ich eh schon an tausend Dinge denken, und all das kam noch hinzu.» Der Leitfaden behandelt auch simulierte sexuelle Gewalt, gewisse medizinische Szenen sowie andere Situationen körperlicher oder psychischer Verletzlichkeit.
Das Projekt entstand während eines von Gödrös organisierten Seminars für Intimitätskoordinatoren und -koordinatorinnen bei Focal. «Sie fragte, wer an der Erstellung eines Schweizer Leitfadens mitwirken möchte, und nur drei von uns hoben die Hand», so Gordon. Während zwei Jahren tauschte die Gruppe sich mit Fachleuten aus und passte ausländische Leitfäden an die Schweizer Verhältnisse an. Finanziert wurde das Projekt hauptsächlich vom ARF/FDS, mit der Unterstützung von SSFV, GARP, SFP, IG, der Ticino Film Commission und der Schweizer Kulturstiftung für Audiovision.
«Ein zusätzlicher Ausgabenposten»
In der Branche wird Intimitätskoordination teilweise immer noch als ein aus dem Ausland importierter Luxus wahrgenommen, oder als zusätzliche Erschwernis bei an sich schon komplizierten Dreharbeiten. «Einige fanden die Idee etwas lächerlich, zu politisch korrekt», so die Regisseurin, «und gewisse verdrehten die Augen, weil sie darin einen zusätzlichen Ausgabenposten sehen».
Für Flavia Zanon, Produzentin und Präsidentin von AROPA, ist der Leitfaden, der keine Vorschriften macht, sondern vielmehr auf Empfehlungen setzt, auf alle Schweizer Produktionen anwendbar. «Je nach Grösse des Projekts können die Mittel variieren, nicht aber die Notwendigkeit, sich diese Fragen zu stellen», so Zanon. Im Zentrum stehen für sie Vorausplanung und Vorbeugung. Indem man sensible Szenen bereits beim Lesen des Drehbuchs identifiziert, Proben einplant oder frühzeitig einen Intimitätskoordinator oder eine -koordinatorin mit einbezieht, könne man gewisse «blinde Flecken» während der Dreharbeiten vermeiden. Die Produzentin räumt ein, dass dies Zusatzkosten generieren kann, denen jedoch sehr konkrete juristische Risiken gegenüberstehen, welche die Verwertung gefährden und so noch viel kostspieliger sein können.
Auch beim SSFV hat man sich des Themas angenommen. So hat das Syndikat im vergangenen Jahr in Locarno eine Podiumsdiskussion rund um Intimitätskoordination organisiert, eine entsprechende Fachgruppe gegründet und Intimitätskoordinatoren und -koordinatorinnen in den Verband aufgenommen. Es geht dabei nicht nur um den Schutz der Darstellenden, sondern auch um die künstlerische Dimension: «Man denkt immer, Intimitätskoordinatorinnen seinen eine Art Polizei», so Gordon. «Doch sie sind in erster Linie Fachpersonen, die uns helfen, das Beste aus jeder Szene zu machen.»
Eine heikle Frage bleibt offen: Sollte es diesbezüglich zwingende Vorschriften geben? Die Autorinnen des Leitfadens zeigen sich zurückhaltend, insbesondere um kleine Produktionen nicht zu benachteiligen. «Wenn man keine Fachperson engagieren kann, hilft der Leitfaden den Teams, sich besser vorzubereiten», erklärt Gordon.
Cinéforom stellte letztes Jahr in Locarno Massnahmen zur Verhinderung von Persönlichkeitsverletzungen vor (CB 553) und lässt die Thematik auch in den Förderprozess einfliessen: Produktionen müssen neu die Intimitätskoordination, bzw. den Verzicht darauf, in ihrem Schutzkonzept darlegen. «Die Präsenz eines Intimitätskoordinators oder einer -koordinatorin am Set ist nicht zwingend, doch wir verlangen von den Produktionsfirmen eine klare und fundierte Stellungnahme», erklärt der Generalsekretär der Stiftung Stéphane Morey.
Seit der Veröffentlichung des Leitfadens wurden auch spezifische Empfehlungen für die verschiedenen Departements am Filmset herausgegeben, um die Grundsätze der Intimitätskoordination konkret umzusetzen.