Was genau ist die Aufgabe eines «Kindercoachs»?
Für uns ist der Begriff nicht wirklich zutreffend, denn wir arbeiten auch mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Wir bezeichnen uns deshalb als Schauspielcoaches für junge Menschen. In enger Zusammenarbeit mit den Filmschaffenden begleiten wir die jungen Schauspielenden während der Vorproduktion und am Set. In der Vorbereitungsphase geht es nicht nur darum, die Rollen und Szenen zu entwickeln. Wir müssen auch die Wahrnehmung schärfen, Präsenz und Authentizität aufbauen und einen individuellen emotionalen Ansatz finden. Das Ziel ist, die Kinder in unterschiedlichsten Situationen und Umgebungen kennenzulernen, um sie bestmöglich unterstützen zu können. In dieser Phase bringen wir ihnen auch die notwendigen technischen Aspekte für das Spiel vor der Kamera und auf einem Filmset bei. In Absprache mit den Filmschaffenden begleiten wir die jungen Schauspielenden auch während der Dreharbeiten. Als Ansprechpersonen für die Kinder helfen wir den Filmschaffenden, sicherzustellen dass alles, was vorgängig entwickelt wurde, am Filmset angewandt werden kann. Im Rahmen der Produktion fungieren wir auch als Bindeglied zwischen den jungen Schauspielenden, ihren Eltern, den Filmschaffenden und den Produzenten und Produzentinnen.
Woher kommt das Interesse für diesen Beruf, und wie erlernt man ihn in der Schweiz? Welche Fähigkeiten braucht man dazu?
Wir haben beide eine Schauspielausbildung absolviert und sind durch die Schauspieltätigkeit zu Coaches geworden. Unsere Arbeit basiert auf unserer Erfahrung als Schauspieler. Christof war 2005 erstmals als Coach tätig, für «Mein Name ist Eugen» von Michael Steiner. Mathias startete 2019 mit «Spagat» von Christian Johannes Koch. Zu den wichtigsten Fähigkeiten zählt das Interesse an der Arbeit mit jungen Leuten; man muss ausserdem spielen, lehren und Schauspielende führen können sowie ein Gespür dafür haben, wer welche Unterstützung braucht, um sich wohl zu fühlen und frei spielen zu können.
Gibt es in diesem Bereich allgemeine Regeln, oder hängt das vom jeweiligen Coach ab?
Es gibt in der Schweiz Richtlinien für die Beschäftigung von Kindern und Jugendlichen auf dem Filmset, aber nicht für die Arbeit der Coaches.
Was sind die grössten Herausforderungen in Ihrem Beruf?
Jeder Mensch, mit dem wir arbeiten, ist einzigartig. Als Coaches müssen wir jede Person individuell mit den nötigen Mitteln unterstützen, damit sie ihre Stärken beim Spiel voll entwickeln kann. Am Filmset wird gemäss klaren Regeln und Abläufen gearbeitet. Für die meisten jungen Schauspielenden ist dieses System neu und unbekannt. Wir müssen ihnen helfen, sich darin zu orientieren, damit sie ihre Rollen trotz der Produktionsanforderungen mit Wohlbehagen und Freude spielen können.
Gab es bei so ambitionierten Dreharbeiten wie «Mein Freund Barry» besondere Schwierigkeiten?
Es gab einige Herausforderungen, darunter die Drehbedingungen in den Bergen, im Schnee, und die Arbeit mit Tieren. Zudem wurden alle Hauptrollen von Kindern und Jugendlichen gespielt. Aufgrund der verschiedenen Drehorte in der Schweiz und in Deutschland waren sie lange von zu Hause weg. Und da es sich um einen historischen Film handelt, mussten sie sich eine andere Zeit vorstellen, mit eigenen Sozialstrukturen und Geschlechternormen.
Waren Sie an der Auswahl der Kinder beteiligt?
Wir waren ab der zweiten Runde des Vorsprechens als Berater in das Projekt involviert.
Wie viel Zeit hatten Sie, um die Kinder vor Beginn der Dreharbeiten kennenzulernen?
Die Vorbereitungen begannen zwei Monate vor den Dreharbeiten. Dabei fanden regelmässige Coachings für die verschiedenen Rollenkonstellationen statt, und in einigen Fällen gab es auch Proben mit den professionellen Schauspielenden. Irgendwann wurden dann die Hunde in den Prozess integriert, in Zusammenarbeit mit dem Tiertrainer.
Haben die jungen Leute Sie bei den Dreharbeiten überrascht?
Nicht überrascht im eigentlichen Sinn, aber es war eine wahre Freude, mit ihnen zu arbeiten. Sie gingen mit viel Begeisterung und Motivation an das Projekt heran, und wir waren beeindruckt, wie ernsthaft und engagiert sie ihre Rollen spielten.
Haben Kinder und Erwachsene am Set ausserhalb der gemeinsamen Szenen jeweils ihre eigenen «Blasen»?
Ja natürlich, sie brauchen ihren eigenen Rückzugsort, um sich zu entspannen. Auf dem Filmset sind jedoch meist alle zusammen. Die Kinder und Jugendlichen verstanden sich sehr gut mit den erwachsenen Schauspielenden und dem Filmteam.
Wie kann man einschätzen, ob die Kinder in der Lage sind, die gesamten Dreharbeiten zu bewältigen und sie nicht überfordert werden?
Unsere Priorität ist das Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen. Deshalb ist es extrem wichtig, in der Vorbereitungsphase jede und jeden von ihnen in den unterschiedlichsten Situationen kennenzulernen, um sicher zu sein, dass ihre Rolle zu ihnen passt und es am Filmset keinen Stress gibt. Das Vorsprechen zieht sich über mehrere Wochen hinweg und läuft in verschiedenen Phasen ab, damit wir das Interesse der jungen Leute für das Projekt und die Rolle sowie ihre Bereitschaft, sich zu engagieren, einschätzen können. Genauso wichtig ist eine offene und ehrliche Kommunikation mit den Kindern/Jugendlichen und ihren Eltern, in der auch klar gemacht wird, dass ein Filmdreh lustig, aber auch anstrengend sein kann, und dass er Geduld und Durchhaltewillen erfordert. Mit dem Produktionsteam stellen wir sicher, dass die Drehbedingungen für junge Leute geeignet sind und kümmern uns um ihr Wohlbefinden. Durch stetigen Austausch zwischen allen Beteiligten (den jungen Schauspielenden, den Eltern, den Filmschaffenden, dem Produktionsteam, der Kinderbetreuung und uns) wird anschliessend sichergestellt, dass die Kinder und Jugendlichen während der gesamten Dreharbeiten unterstützt werden.
Haben gewisse Kinder, mit denen Sie gearbeitet haben, die Schauspielerei weiterverfolgt?
Nellie Hächler, mit der Mathias für «Spagat» zusammengearbeitet hat, absolviert zurzeit ein Schauspielstudium. Christof hat für «Platzspitzbaby» mit Luna Mwezi und Anouk Petri gearbeitet, die beide weiterhin spielen. Luna wurde 2021 für den Schweizer Filmpreis als beste Hauptdarstellerin nominiert, und Masha Demiri, die Christof auch für «Spagat» begleitet hat, als beste Nebendarstellerin.