Treffpunkt mit Anna Pieri Zuercher
Anna Pieri Zuercher. © Cédric Deur

Treffpunkt mit Anna Pieri Zuercher

Teresa Vena 18. September 2026

Millionen von Menschen sehen zu, wie sie Kriminalfälle löst: Die Schauspielerin Anna Pieri Zuercher ist bekannt für ihre Rolle als Polizistin in verschiedenen Schweizer Fernsehserien. Nach einem ersten Kurzfilm bereitet sie nun ihr Spielfilmdebüt als Regisseurin vor.

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Wenn man in der Schweiz Schauspielerin sein will, fehlt es einem nicht an markanten Erfolgsgeschichten und Vorbildern?

Es ist eine gute Frage, die ich mir aber so noch nie gestellt habe. Vielleicht liegt das daran, dass ich ursprünglich aus der klassischen Musik komme, und erst später Schauspielerin geworden bin. Ich war unter anderem im Musiktheater im Sinne von Mauricio Kagel und John Cage aktiv, wo Theater, Stimme und Musik radikal gemischt werden. Das Schauspiel war dort immer schon ein integraler Bestandteil des künstlerischen Ausdrucks. Weil mir das so gut gefallen hat, entschied ich mich für ein Schauspielstudium und fing an, in klassischen Theaterstücken mitzuspielen. Später begann ich, mich mit dem Schauspiel vor der Kamera auseinanderzusetzen. Aus diesen Gründen hatte ich also kein konkretes Vorbild vor Augen, sondern vielmehr stets den Wunsch, neue Techniken zu entdecken und verschiedene Formen des Schauspiels kennenzulernen. Wir haben allerdings in der Schweiz Frauen, die beeindruckende Wege gegangen sind und gehen: So wie Marthe Keller, Sabine Timoteo oder Luna Wedler. Viele von ihnen haben die Schweiz allerdings verlassen, was natürlich auch mit der Grösse des Landes zusammenhängt. Dazu kommt, dass wir in der Schweiz vielleicht etwas stolzer auf unsere talentierten Menschen sein und ihre Arbeit stärker sichtbar machen könnten.

Wie kamen Sie überhaupt zum Film?

Man könnte sagen, es sei ein bisschen zufällig gewesen. Während meiner Ausbildung an der ESAD (Ecole Superieure d’Art Dramatique in Genf) habe ich zunächst sehr viel Theater gespielt. Das Theater ist für mich weiterhin ein ganz wichtiger Bezugspunkt. Erst später begannen sich in der Romandie die Fernsehserien stärker zu entwickeln, und ich hatte das Glück, über diesen Weg mit der Arbeit vor der Kamera in Berührung zu kommen. Ich hatte 2014 in «Station Horizon» meine erste Rolle für das Fernsehen. Dort habe ich auch den Kameramann Pietro Zuercher kennengelernt, mit dem ich später immer mehr gemeinsame Projekte entwickelt habe. Wir haben gerade den Kurzfilm «Cherubs» realisiert und bereiten unseren ersten Spielfilm vor.

Sie spielen weiterhin in vielen Serien und Fernsehproduktionen, was Ihnen eine grössere Reichweite bringt als es ein Kinofilm tun würde. Wie würden Sie die beiden Arbeitsweisen beschreiben?

Es gibt einen Unterschied zwischen Kinofilmen und Serien oder Fernsehproduktionen. Meistens bezieht er sich auf die Zeit, die man für die Dreharbeiten zur Verfügung hat. Bei Serien und beim Fernsehen muss man schneller arbeiten als bei einem Spielfilm. Doch das gleicht sich zunehmend an: Selbst für einen Spielfilm muss man mit immer weniger Zeit auskommen, weil die finanziellen Mittel insgesamt eher abnehmen. Umso wichtiger ist es, die Schweizer Filmproduktion weiterhin zu unterstützen.

Sie sind seit mehreren Jahren Teil der «Tatort»-Reihe. Was gefällt Ihnen an diesem Format?

Normalerweise wechselt man mit jedem Film das Team, mit dem man zusammenarbeitet. Das ist beim «Tatort» anders. Neue Regiepersonen kommen dazu, das Drehbuch ist jedes Mal anders, und auch die Produktion wechselt. Das Kernteam, insbesondere die Schauspieler und Schauspielerinnen, bleibt aber gleich. Es ähnelt der Arbeit mit einem Theaterensemble. Das ist eine riesige Chance, denn wir arbeiten mittlerweile seit sechs Jahren zusammen, wir drehen zwei Filme im Jahr. Wir kennen uns gut und können uns dadurch gemeinsam weiterentwickeln. Man ist auch schneller. Für mich als Schauspielerin ist es sehr interessant, dass ich eine Figur wie die der Inspektorin Isabelle Grandjean so lange und genau erkunden kann. Es ist als würde ich mir die Figur überziehen können wie frische Socken. Ich ziehe das Kostüm von Isabelle an und bin in der Rolle.

Es gibt kaum innerschweizerische Koproduktionen. Man könnte es mit der Hemmung erklären, Sprachen und Akzente zu mischen. Ihre Rolle beim «Tatort» wirkt umso pionierhafter. Wie empfinden Sie das?

Für mich macht diese Sprachenmischung genau das aus, was wirklich Schweizerinsein bedeutet. Ich lebe es in meiner Familie: Mein Vater war Deutschschweizer, der mit Akzent Französisch gesprochen hat. Er hat manchmal Wörter erfunden, was mich amüsierte, ich aber auch als grosse Kreativität empfunden habe. Mit seinen Freunden hat er Schweizerdeutsch gesprochen, weswegen ich das auch verstehe, habe aber Hemmungen es zu sprechen. Meine Mutter ist französischsprachig, wurde aber im Tessin geboren und spricht Italienisch. Es war bei uns ganz normal, mit Akzent zu sprechen und Sprachen zu mischen. Für mich ist das die Schweiz. Und es stört mich etwas, wenn der Impuls bleibt, den Akzent bei Figuren mit ihrer Herkunft erklären zu müssen. Umso mehr freut es mich, dass SRF auf diese tolle Idee kam, die «Tatort»-Figur mit mir zu besetzen und ich dort mein französischgefärbtes Hochdeutsch sprechen kann.

Nun ist es so, dass «Tatort» ein Phänomen in den deutschsprachigen Ländern ist. Haben Sie sich überlegt, eine Karriere dort aufzubauen?

Obwohl ich weiss, wie beliebt die Reihe ist, hatte ich nie erwartet, dass man mich auf der Strasse erkennen würde. Ich war an der Nordsee auf einem Flohmarkt, als mich jemand angesprochen hat. Das war sehr unerwartet. Aber bisher habe ich nicht darüber nachgedacht, eine Karriere in Deutschland oder im Ausland aufzubauen.

Sie spielen auch in der RTS-Serie «Uniformes» eine Polizistin. In der Schweiz sind Rollen für weibliche Figuren ab 40 Jahren immer noch selten. Spüren Sie diesen Druck?

Das Publikum mag Polizeigeschichten. Ich spiele gerne eine Polizistin, weil ich es eine sehr spannende Figur finde, aber es gibt natürlich viele andere Rollen, die ich ebenso gerne spielen würde. Persönlich spüre ich diesen Druck im Moment noch nicht. Ich bekomme weiterhin interessante Rollen angeboten und merke nicht, dass ich aufgrund meines Alters weniger arbeite. Trotzdem ist es eine Realität, dass es für Frauen ab einem gewissen Alter schwieriger wird, interessante Rollen zu bekommen. Irgendwann entsteht eine Lücke, und Frauen werden erst später wieder als ältere Frauen besetzt. Ich hoffe, dass sich das verändert. Der Blick ins Ausland zeigt interessante Frauenfiguren mittleren Alters, so wie in «Mare of Easttown», die vierte Staffel von «True Detective» oder «Cape Fear». Man muss weiter daran arbeiten.

Wie erwähnt, haben Sie gemeinsam mit Pietro Zuercher den Kurzfilm «Cherubs» gedreht, der beachtliche Aufmerksamkeit bekommen hat. Was hat Sie dazu bewegt?

Ich habe viele Drehbücher gelesen, die mir gefallen haben, bei denen ich aber immer wieder gemerkt habe, dass sie nicht ganz meine eigene Welt widerspiegeln. Ich liebe zum Beispiel Genrefilme, die in der Schweiz nur sehr selten gemacht werden. Mit der Zeit ist in mir deshalb der Wunsch gewachsen, Geschichten zu erzählen, die näher an meiner eigenen Welt und meinen Interessen liegen. Wenn ich also davon erzählen möchte, muss ich es vielleicht selbst in die Hand nehmen.

Haben Sie eine Weiterbildung gemacht oder wie sind Sie an die neue Aufgabe herangegangen?

Ich habe mich am Set immer für alles interessiert, dort habe ich vieles gelernt. Mich fasziniert diese Magie, wenn bis zu 40 Menschen zusammen kommen, an einem gemeinsamen Ziel arbeiten, einander helfen. Auf diese Weise lassen sich Schwierigkeiten ausgleichen. Sicher kann es auch Konflikte geben, doch man versteht, dass man nicht alleine ist und man einen Film nicht alleine macht.

Als Sie für «Cherubs» nach Partnern gesucht haben, gab es Zweifel, weil Sie Quereinsteiger sind?

Nein. Man hat wohl gedacht, dass Pietro und Anna zusammen das perfekte Paar seien. (lacht.) Wir ergänzen uns wirklich gut. Wir kommunizieren viel miteinander und entwickeln das Projekt gemeinsam. Für uns beide ist die Vorbereitung das Wichtigste. Gleichzeitig gibt es an einem Set immer Unvorhergesehenes. Man muss improvisieren, reagieren und sich an neue Situationen anpassen können. Aber das funktioniert nur dann wirklich gut, wenn man gut vorbereitet ist. Ich liebe Improvisation, denn ein Drehbuch ist kein Stein, sondern formbares Material. Die Rahmenbedingungen müssen stimmen, damit man den nötigen Spielraum für Kreativität schaffen kann.

Sie arbeiten an einem ersten Langspielfilm mit dem Titel «Grave». Die Finanzierung steht. Können Sie das Projekt beschreiben?

Es ist eine schwarze Komödie. Wir drehen wieder auf Englisch, das scheint für den Stoff und die Art von Humor, am besten zu passen. Drehbeginn ist im nächsten Januar, teilweise in der Schweiz, teilweise in Estland, auch weil es sich um eine Koproduktion handeln wird. Die Geschichte spielt an keinem festen Ort, aber als wir in Estland nach Schauplätzen gesucht haben, fanden wir dort diesen idealen Grad an Seltsamkeit, den wir suchen. Dazu kommt die sowjetische, brutalistische Architektur, die etwas Zeitloses hat. Wie bei «Cherubs» suchen wir nach Orten, die für jeden ein Echo erzeugen können, Orte mit denen man sich emotional und intellektuell identifizieren kann, ohne dass man sie eindeutig geografisch verorten könnte.

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