Im Auftrag von...
Von den Aufnahmen beim Frauenstreik 2023, Lausanne. ©️ Planfilms, Unia

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Adrien Kuenzy 4. Juni 2026

Wirtschaftliches Überleben, Experimentierlabor, Produktionsschule: Der Auftragsfilm stellt für einen Teil des unabhängigen Schweizer Filmschaffens eine wichtige Basis dar.

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Der Auftragsfilm nimmt in der Schweizer Filmbranche eine zweideutige Rolle ein. Werbung, institutionelle Inhalte, Unternehmensfilme oder Kulturkampagnen werden oft als Paralleltätigkeit abseits vom «richtigen» Film wahrgenommen. Doch vielen Regisseuren und Regisseurinnen, Kameraleuten, Produzenten und Produzentinnen dienen solche Projekte nicht nur dazu, ihre Rechnungen zu bezahlen. Sie formen Reflexe und Arbeitsmethoden, schärfen den Blick und ermöglichen es den Filmschaffenden oft, weiterhin ihre eigenen Filme zu machen.

«Ich hatte absolut keine Lust, mein Studium abzuschliessen und mir zu sagen: Ich werde einfach Drehbücher schreiben und auf Subventionen hoffen», so Alain Wirth, Mitgründer von Planfilms. «Ich wollte sofort voll aktiv sein». Als er und Didier Crepey 2010 die HEAD abschliessen, stellt die Markteinführung der Canon 5D die Produktionsbedingungen auf den Kopf. Die Kameras werden erschwinglich, die Nachfrage explodiert. «Als ich mein Filmstudium begann, sagte man mir, ich werde nie Arbeit finden. Und letztendlich wollten alle Videos.»

Seither dreht Wirth praktisch ununterbrochen. Festivals, NGOs, Gewerkschaften, kulturelle Institutionen, Theater, politische Veranstaltungen: Ein Auftrag jagt den anderen, oft mit winzigen Teams. «Unsere Drehs sind meist ziemlich abenteuerlich: Ich kümmere mich um Bild, Ton und Licht und führe Leute, die oft keine professionellen Schauspielenden sind.» Diese intensive Arbeitsweise generiert nicht nur technisches Fachwissen. Wenn man stets schnell, allein und unter unvorhersehbaren Bedingungen dreht, entwickelt man eine Art Instinkt. «Im Dokumentarfilm schneidet man ständig Bilder zu, weil man bereits an den Schnitt denkt. Je mehr Praxis man darin hat, desto selbstverständlicher wird es.»

Durch den Auftragsfilm lernt man so, die Realität zu filmen, aber auch sich in ihr zu bewegen. Nach einem Dreh in einem Theater oder einem Unternehmen kann Wirth sich wenige Tage später inmitten einer Gewerkschaftskundgebung in Bern unter Tausenden von Maurern wiederfinden. «Das erweitert den Horizont... und verhindert Silodenken». Gewisse Aufträge werden gar zu richtigen Experimentierlaboren. So realisiert Planfilms seit 15 Jahren pro Saison rund zehn kurze Videos für das Théâtre Oriental-Vevey. Die Weisung war von Anfang an klar: kein gefilmtes Theater. «Das Ziel bestand darin, mit kurzen kreativen Filmen Werbung für den Ort und seine Veranstaltungen zu machen.» Wirth gibt diese seltene Kundentreue einen aussergewöhnlichen Freiraum. «Wir experimentieren enorm. Oft ist das Ergebnis sehr gut, manchmal weniger. Doch es ist genial, Kundschaft zu haben, die uns so viel kreative Freiheit lässt.»

Kontrolle und Instinkt

Dynamic Frame in Zürich geht noch weiter. Die 2012 von Luzius Fischer und Jonas Ulrich gegründete Firma betreibt seit Beginn zwei parallele Aktivitäten: Werbung und Kinofilme. Heute zählt das Unternehmen 13 Festangestellte und blickt auf rund 300 Projekte zurück. «Der Vorteil ist, dass wir von Anfang an beides machten», erklärt Ulrich. «Wenn eine Firma zehn Jahre lang nur auf das eine setzt, ist es schwierig, auf einmal neue Kompetenzen hinzuzufügen.»

Die technischen Teams wechseln oft von einem Universum ins andere – die gleichen Kameraleute, die gleichen Postproduktionsstudios. «Die beiden Welten liegen viel näher beieinander, als man denkt», so Ulrich weiter. Der Auftragsfilm wirkt auch wie eine Produktionsausbildung im Schnelldurchlauf: wenig Zeit, viel Geld, eine akribische Organisation. «Man muss extrem effizient sein», bekräftigt Fischer. «Sehr kurze Vorbereitung, ein oder zwei Drehtage und sehr wenig Zeit für die Postproduktion.»

Diese Arbeitsweise schlägt sich auch in der unabhängigen Filmproduktion nieder. Fischer spricht von einer Kultur der stetigen Anpassung, die man durch Produktionen entwickelt, bei denen sich in wenigen Stunden alles ändern kann. Er zitiert das Beispiel einer Kampagne für Ovomaltine, die auf einem Berggipfel auf über 3000 Metern Höhe gedreht wurde. «Wir mussten die Schauspielenden und das ganze Team mit dem Hubschrauber zum Gipfel bringen. Dann schlug das Wetter um, eine Darstellerin hatte einen Sonnenstich, und wir mussten noch am selben Abend jemand anderen finden für den nächsten Tag – um fünf Uhr früh.»

In der Werbung lernt man auch, schnell eine Idee zu präsentieren und zu konkretisieren. «Man muss innerhalb von einer oder zwei Wochen ein klares Konzept vorbereiten, ein Team zusammenstellen, ein optisch ansprechendes Dossier erstellen», betont Fischer. Doch der Transfer funktioniert auch in die andere Richtung: Elemente aus dem Dokumentar- und Spielfilm fliessen in die kommerziellen Aufträge ein. «Es gibt vieles, was man von der Fiktion in die Werbung übertragen kann: die Erzählweise, den Schnitt, das Drehbuch», ergänzt Ulrich.

Für Kameramann Nicolò Settegrana ist die Spannung zwischen beiden Bereichen fast körperlich spürbar. Er bewegt sich seit 25 Jahren ständig zwischen diesen so unterschiedlichen Welten, und auch bei ihm sind die Grenzen durchlässig. «Mit der Werbung verdiene ich Geld, das es mir anschliessend ermöglicht, Langfilme mit kleinem Budget zu drehen. Ohne die Auftragsfilme könnte ich keine unabhängigen Filme machen.»

Was jedoch am meisten erstaunt, ist seine Beschreibung zweier unterschiedlicher Arten, Bilder zu kreieren. «Wenn ich einen Werbefilm drehe, will ich einen grossen, hochaulösenden Bildschirm, der mir jedes Pixel anzeigt. Ich will alles unter Kontrolle haben.» In der Fiktion hingegen gibt er diese Kontrolle zuweilen absichtlich ab. «Wenn ich einen Spielfilm drehe, kann es sogar vorkommen, dass ich keine Brille trage, denn in dem Moment suche ich keine Präzision, sondern Intuition.» Alles ist da. Auf der einen Seite die absolute Kontrolle, auf der anderen die Offenheit für den Zufall, den flüchtigen Moment, wenn ein Ausdruck über ein Gesicht huscht. «In einem Spielfilm sucht man mitunter eine Aufnahme, die emotional perfekt ist und verzichtet dafür auf technische Perfektion.»

Settegrana lehnt jedoch die Vorstellung zweier sich diametral gegenüberstehender Arbeitsweisen ab. Was er in einem Bereich lernt, schlägt sich unmittelbar auf den anderen nieder. Die Werbung lehrt ihn extreme technische Genauigkeit: Vorbereitung, Präzision, Bedienung grosser Beleuchtungsinstrumente. Er erwähnt Szenen mit Dutzenden von Kindern, wo die Beleuchtung während zwölf Stunden trotz der Veränderung des Sonnenlichts absolut konstant bleiben musste. «Ich habe gelernt, was möglich ist, wenn man die richtigen technischen Mittel hat». Der Spielfilm fördert eine andere Art der Sensibilität – einen intuitiveren Blick für Körper und Objekte. Settegrana erwähnt insbesondere den Regisseur Peter Luisi, mit dem er mehrere Filme gedreht hat. «Peter sagt mir immer: Die Farbe des Sofas ist mir absolut egal, das ist dein Problem.» Ein Satz, der auch von einem gewissen Vertrauen in den Blick des Kameramanns zeugt, das weit entfernt ist von den Validierungsketten, wie sie in der Werbung üblich sind.

Eine fragile Unabhängigkeit

In diesen Werdegängen zeigt sich auch eine sehr schweizerische Realität. In einem begrenzten und extrem umkämpften Finanzierungssystem ermöglichen Auftragsfilme die Ausübung einer unabhängigen filmischen Tätigkeit. So berichtet Wirth, er habe seinen Dokumentarfilm «Le goût des choses» (2025) ganz allein und ohne Anfangsfinanzierung gedreht. «Ich startete mit null Budget, doch das hat mich nicht daran gehindert, es zu tun.»

Die Unabhängigkeit bleibt jedoch fragil. Alle sind sich einig, dass die Branche schneller, instabiler und umkämpfter geworden ist. «Heutzutage haben gewisse Auftragsfilme im Internet eine Lebensdauer von zwei Tagen», so Wirth. «Dann verschwinden sie in der Versenkung. Man muss also umso kreativer sein, oft mit weniger Geld.» Diese Verunsicherung teilt auch Dynamic Frame, die Zukunft ist schwer vorhersehbar, angesichts der Verbreitung der künstlichen Intelligenz und die Entwicklung des Werbemarkts.

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