Tizian Gruner: «In der Schweiz arbeiten wir zwar mit kleineren Teams, doch deren Agilität, Vielseitigkeit und Effizienz sind oft wertvoller als die reine Masse im Ausland.»
© Grunerfilms

Tizian Gruner: «In der Schweiz arbeiten wir zwar mit kleineren Teams, doch deren Agilität, Vielseitigkeit und Effizienz sind oft wertvoller als die reine Masse im Ausland.»

Teresa Vena 4. Juni 2026

Tizian Gruner ist Regisseur und Produzent bei Grunerfilms. Mit Sitz in Basel produziert das Unternehmen Werbefilme für Schweizer wie internationale Kunden. Gruner spricht über das Produzieren in der Schweiz im Vergleich zum Ausland sowie über die aktuellen Herausforderungen im Schweizer Auftragsfilm.

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Wieviel Prozent euer Kundschaft sind Schweizer und wieviel ausländische Unternehmen?

Unsere Basis ist klar der Schweizer Heimmarkt: Rund 80 Prozent unserer Kundschaft sind hier ansässige Unternehmen. Wir haben in der Schweiz eine enorme Dichte an spannenden und innovativen Firmen. Die restlichen Mandate sind international.

Wie viel produziert und vergebt ihr innerhalb der Schweiz?

Bis vor kurzem hatten wir noch einen Standort in Los Angeles. Unser Fokus lag aber bereits damals schon auf dem Heimmarkt. Heute realisieren wir den Grossteil unseres Volumens direkt in der Schweiz für hiesige Unternehmen. Wenn wir im Ausland drehen, geschieht dies meist im direkten Auftrag unserer Schweizer Kunden an deren internationalen Standorten. Um dabei höchste Qualität zu garantieren, setzen wir auf einen Mix aus festen Strukturen und einem globalen Netzwerk: Rund 35 Prozent unserer Aufträge vergeben wir an internationale Spezialisten und Partner, was uns erlaubt, Schweizer Handwerk mit globaler Ästhetik zu verbinden.

Wie hoch ist der Druck ins Ausland auszuweichen? Für welche Bereiche? Und welche Länder kommen in Frage?

Der Druck ist vor allem bei Grossproduktionen spürbar, da es in der Schweiz oft an der nötigen Infrastruktur wie grossflächigen Soundstages mangelt. Wir evaluieren daher regelmässig Optionen im Ausland – kürzlich etwa Lettland, wo hochprofessionelle Studios und erfahrene Netflix-erprobte Crews zur Verfügung stehen. Das Hauptargument für das Ausland ist oft die schiere Skalierbarkeit der Manpower. Dennoch haben wir uns bewusst dagegen entschieden: Neben geopolitischen Erwägungen und logistischen Unsicherheiten war die Qualität ausschlaggebend. In der Schweiz arbeiten wir zwar mit kleineren Teams, doch deren Agilität, Vielseitigkeit und Effizienz sind oft wertvoller als die reine Masse im Ausland.

Wie schätzt ihr die Konkurrenz ausländischer Firmen innerhalb des Schweizer Markts ein?

Wettbewerb gehört zu einer freien Marktwirtschaft dazu und ist letztlich ein Treiber für Qualität. Wenn eine ausländische Produktion einen überzeugenderen Job macht, ist das für uns ein Ansporn, uns stetig zu hinterfragen und zu verbessern. Eine klare Grenze ziehe ich jedoch bei Aufträgen von öffentlichen oder halböffentlichen Institutionen: Hier sollte die Förderung der lokalen Wertschöpfung Priorität haben. Es ist essenziell für die Schweizer Film- und Medienlandschaft, dass heimische Agenturen und Produktionen berücksichtigt werden, um Know-how und Arbeitsplätze nachhaltig im Land zu halten.

Für den Edi-Preis verpflichtet man sich neu offenzulegen, wie hoch der Anteil der Produktion im Ausland ist. Wie steht ihr dazu?

Ich begrüsse diese Neuerung. Die Offenlegung schafft die nötige Transparenz und Fairness innerhalb des Wettbewerbs. Der Edi versteht sich als Auszeichnung für das Schweizer Filmschaffen – wenn ein Projekt jedoch zu grossen Teilen im Ausland realisiert wurde, stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Etikettierung. Wir müssen sicherstellen, dass wir mit diesem Preis die hiesige Kreativleistung und das lokale Handwerk prämieren und nicht nur den Schweizer Absender eines international produzierten Werks.

Gibt es Aufträge, die aus inhaltlichen Gründen, weil sie gewissen Prinzipien widersprechen, ablehnt? Welche Art?

Bisher war das glücklicherweise nicht nötig, da unsere Kundenbasis unsere professionellen Standards teilt. Dennoch haben wir eine klare rote Linie: Wir würden keine Aufträge annehmen, die unseren Grundwerten widersprechen. Das betrifft insbesondere politische oder ideologische Inhalte, die diskriminierend wirken oder extremistische Positionen vertreten. Als Filmschaffende tragen wir eine Verantwortung für die Bilder, die wir in die Welt setzen – dieser Verantwortung kommen wir nach, indem wir Projekte ablehnen, die soziale Spaltung oder Intoleranz fördern.

Wie schätzt ihr die Nachwuchssituation im Bereich Auftragsfilm ein? Wie sind die Kompetenzen? Wie sind die Ressourcen? Bildet ihr selbst aus?

Ich halte den Direkteinstieg am Set oder im Backoffice für essenziell. Wir fördern den Nachwuchs aktiv, indem wir regelmässig Praktika anbieten und jungen Talenten echte Chancen geben – sei es in der Produktionsassistenz oder bei entsprechender Vorerfahrung, direkt in der Verantwortung für Making-of- und BTS-Content. Ich erinnere mich gut an meine eigenen Anfänge: Ich wollte jede Chance nutzen, um auf ein Set zu kommen. Diese Leidenschaft suchen wir auch heute. Technik kann man lernen, aber die richtige Einstellung – sich für keine Aufgabe zu schade zu sein und jeden Moment als Lernchance zu begreifen – ist eine der wichtigsten Ressourcen, die ein Talent mitbringen kann.

Welche sind euerer Meinung nach die grössten aktuellen Herausforderungen im Bereich Auftragsfilm in der Schweiz?

Die grösste Herausforderung ist die Balance zwischen technologischer Innovation und handwerklicher Exzellenz. Wir sehen KI definitiv als unverzichtbares Tool, um Workflows zu optimieren – da führt kein Weg vorbei. Allerdings verändert sich dadurch die Erwartungshaltung der Kunden massiv, was Budgets und Geschwindigkeit angeht. Die eigentliche Kunst wird künftig darin liegen, den Auftragsfilm trotz des Drucks zu ‚High-Speed-Content‘ nicht zur reinen Meterware verkommen zu lassen. Wir müssen technologische Effizienz so nutzen, dass sie uns den Raum für den cineastischen Anspruch und die emotionale Tiefe bewahrt, die eine Produktion erst wirklich unterscheidbar macht.

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