In nur wenigen Jahren hat sich der Abbau einer ausführlicheren und vielschichtigeren Filmkritik exponentiell beschleunigt. In den klassischen Medien steht immer weniger Platz dafür zur Verfügung, stattdessen verlagert sie sich auf soziale Plattformen. Dabei haben «Influencer»-Profile mehr Gewicht bekommen als die Stimmen einigermassen urteilsfähiger Journalisten und Journalistinnen. Der Vorteil für Verleiher und Produzenten besteht darin, dass sie nur noch bedingungslos positive Promotionsarbeit erhalten, der Nachteil für die Konsumierenden, dass es ihnen an einer Einordnungshilfe zunehmend fehlt. Bei der Masse an Neuerscheinungen ist die Orientierung schon an sich schwieriger geworden, und nun verdrängen Produktionen mit grossen Promotionsbudgets andere noch mehr als vorher. Entstanden ist ein Gefühl der maximalen «Demokratisierung» der Meinungsäusserung und der Meinungsbildung. Ist Beliebigkeit die Konsequenz?
So jedenfalls argumentiert der südkoreanische Filmemacher Hong Sang-soo in seinem aktuellen Film «The Day She Returns» (auf Deutsch: «Der Tag ihrer Rückkehr»). Im Mittelpunkt seiner Erzählung steht eine Schauspielerin, die nach einer Pause von über zehn Jahren wieder eine Hauptrolle übernimmt. Drei Filmkritikerinnen wollen sie dazu befragen. Am Tisch eines «deutschen» Restaurants, das die Schauspielerin ausgewählt hat, findet das Gespräch nun statt. Nacheinander treten die drei auf:
Die erste junge Frau sitzt verlegen da und schweigt. Es ist die Schauspielerin, die das Gespräch in Gang bringen muss, indem sie auf das deutsche Bier, das im Lokal serviert wird, hinweist, während jene aber beim Kaffee bleiben will. Ob sie, die Schauspielerin, noch immer an ihrer Scheidung leide, wird sie schliesslich gefragt. Diese lässt sich zögerlich auf das Thema ein, sagt dann, dass sie lieber über den Film sprechen möchte. Ob denn die Kritikerin ihn gemocht habe. Ja, sehr. Sie möge, dass die Figur tapfer bleibe, auch sie persönlich durchlebe gerade eine schwierige Phase im Leben, sie wisse, was das bedeute.
Die zweite Journalistin, ebenfalls eine junge Frau, zeigt sich etwas extrovertierter. Es sei ihr eine Ehre, ihr Gegenüber einmal persönlich kennen zu lernen. Den Film habe sie nicht so sehr gemocht, insbesondere die Schlussszene habe sie nicht verstanden. Ob die Schauspielerin geschieden sei, wie es sei, alleine mit ihrem Kind zu leben. Die Befragte wechselt ein paar Worte darüber und erklärt, dass sie auch einen Hund habe. Die Journalistin möge Hunde auch sehr, doch ihr Freund wehre sich dagegen, einen zu adoptieren. Überhaupt sei es für sie schwer, sich gegenüber ihrem Freund durchzusetzen. Dann geht das Gespräch auf das «deutsche» Restaurant über, in dem sie sitzen. Dieses Mal kosten beide vom Bier.
Beim Gespräch mit der dritten Filmkritikerin steht das Bier von Anfang an auf dem Tisch. Ansonsten dreht sich die Unterhaltung ausschliesslich um den Film. Die junge Frau macht sich Notizen, persönliche Fragen werden weggelassen.
Eine Frage stellen am Ende des Gesprächs alle drei Journalistinnen: Was würden Sie der jungen Generation mit auf den Weg geben wollen? Die Schauspielerin antwortet, erstaunlich gefasst und fast ernst, jedes Mal das Gleiche: «Glauben Sie an sich.»
Auf diese Weise gestrafft, wirkt diese Ansammlung von ausgetauschten Floskeln einerseits komisch, aber auch bitter. Man kann den Film als Kommentar auf die Medienkrise und den Zustand der Filmkritik im einzelnen lesen, aber auch als pessimistische Sicht auf die Beliebigkeit des gesellschaftlichen Diskurses an sich.