Weibliche Schicksale
Filmstill aus «Friedas Fall». © 2024 Condor Films AG
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Weibliche Schicksale

Selina Hangartner 26. September 2024

Maria Brendles erster Langspielfilm «Friedas Fall» feiert am Zurich Film Festival seine Weltpremiere.

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Mit der Super 8-Filmkamera ihres Grossvaters drehte Maria Brendle ihre ersten Filme. An die kleinen Filmstreifen, die dort hingen und die sie selbst mit der Schere editierte, denkt sie heute noch gerne. Während eines Bachelors an der ZHdK entstanden professionellere Filmprojekte – knackige Komödien, dicht und unterhaltsam erzählt, mit sichtbarer Lust an den filmischen Möglichkeiten.

Szenenwechsel: ein Master in kognitiven Neurowissenschaften. Aber für Brendle sei immer klar gewesen, dass sie beim Filmemachen bleibe, weshalb sich diese zusätzlichen Studienjahre, auch ihre Masterarbeit, um das kognitive Verständnis von Film drehte. Wie neurowissenschaftliche Erkenntnisse den kreativen Schreibprozess fördern und sich starke Emotionen beim Publikum erzeugen lassen, diese Fragen habe die Regisseurin zum Studium der Neurowissenschaften bewegt.

Dreharbeiten in Kirgistan

Was Brendle auch bewegt, sind anhaltende Missverständnisse und Ungerechtigkeiten, die uns Menschen, vor allem Frauen betreffen. Bei einem gemütlichen Abendessen, bei dem ein Freund von seinem Wanderurlaub in Kirgistan berichtete, erfuhr Brendle vom «Ala Katschuu», einem teilweise verpönten und doch verbreiteten Brauch, der es Männern erlaubt, Frauen gegen ihren Willen zu entführen und zu heiraten.

Wieso hört sie an diesem Abend das erste Mal davon? Ist sich die Welt dieser Ungerechtigkeit bewusst? Brendle machte sich an die Recherche, lernt Betroffene kennen, deren Realitäten und Schicksale sie in einem packenden Drehbuch bündelt. Es erzählt von einer jungen Frau, die auch nach ihrer Entführung die Hoffnung auf Freiheit nicht verliert. Das Ergebnis der abenteuerlichen Dreharbeiten in Kirgistan ist «Ala Kachuu – Take and Run», ein Kurzfilm, der gerade fertiggestellt war, als 2020 die Pandemie startete. Darum bereiste Brendles Erstling die Welt digital, und wurde mit zahlreichen Preisen geehrt. Der Riesenerfolg machte, wie die Regisseurin es sich erhoffte, auch den Brauch des Ala Katschuus zum Thema.

In «Ala Kachuu» bleibt Brendle nahe bei ihrer Protagonistin. Als Zuschauerin fühlt man mit der jungen Sezim, die eigentlich raus aus dem Dorf will, um in der Stadt zu studieren. Und dann entführt wird. Den dichten Nahaufnahmen von Alina Turdumamatova, die Sezim zurückhaltend und intensiv zugleich spielt, stellen Brendle und ihr Kameramann Gabriel Sandru die weitläufige Landschaft Kirgistans gegenüber. Die helle Sonne und die Berge am Horizont sind in ihrer Geschichte eine täuschende Idylle. Der Kurzfilm, der ästhetische Ambitionen und gesellschaftspolitische Belangen so gut vereint, wurde für den Oscar nominiert. Der Lockdown war vorbei, Maria Brendle packte ihre Koffer und reiste nach Los Angeles, um interessante Bekanntschaften in der Filmstadt zu machen.

Man könnte meinen, dass sich Brendle, nachdem sie auf der Gästeliste der Oscars stand, hierzulande anschliessend vor Angebote kaum hätte retten können. Interesse kam vorerst aber hauptsächlich von der anderen Seite des Atlantiks. Als das Telefon dann doch mit Schweizer Rufnummer klingelte, war es Condor Films, um von einem neuen Projekt zu erzählen: über den Fall Frieda Keller, einer Kindsmörderin aus St. Gallen, deren Verurteilung 1904 schweizweit Debatten zur Todesstrafe und den juristischen Umgang mit Frauen auslöste.

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« Friedas Fall », Maria Brendle. © 2024 Condor Films AG
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« Friedas Fall », Maria Brendle. © 2024 Condor Films AG
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Maria Brendle. © Michael Bezjian

Ein spannendes Angebot

Die Regie übernahm Brendle auch gerne, weil sie die Ambivalenz dieser weiblichen Hauptfigur anzog. Ohnehin seien es Figuren, ihre Geschichten und Verwicklungen, und – gerade in «Friedas Fall» – das Verpacken historischer Vorlagen in eine erzählbare Dramaturgie, die die Regisseurin interessieren. Dass man Brendle die St. Galler Schauspielerin Julia Buchmann als Hauptdarstellerin vorschlug, sei ein Glücksgriff gewesen. Brendle nimmt sich vor dem eigentlichen Dreh gerne Zeit mit ihren Darstellern und Darstellerinnen, um zu diskutieren und zu proben, damit den Figuren in ihren Filmen das nötige Leben eingehaucht werden kann. In «Friedas Fall» wird aus dem St. Gallen um 1900 darum ein lebendiger Ort, an dem sich die Geschehnisse unmittelbar entspinnen.

Nun ist der Film gedreht, die Postproduktion abgeschlossen. Wohin es die Regisseurin nach ihrem ersten langen Spielfilm treibt, ist noch offen. Ein Herzensprojekt liege auf dem Tisch, wieder historisch, mit einer weiblichen Hauptfigur. Wann und wo sie den Stoff dreht, ist noch offen. Die unverhoffte Oscar-Nominierung und ihr erstes Spielfilmprojekt haben Brendle nämlich gezeigt, dass das Schicksal stets unerwartete Wege einschlägt.

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