Kaum ein Beruf wird mit mehr ehrfürchtiger Bewunderung betrachtet als das Schauspiel – viele träumten schon als Kind davon, einmal auf der grossen Leinwand zu stehen. Dass sich die Lust am Spielen aber auch still und leise, ganz im Verborgenen entwickeln kann, zeigt die Zürcher Nachwuchsdarstellerin Selma Kopp. Selbst ihre Eltern erfuhren erst von ihrem Wunsch, Schauspielerin zu werden, nachdem sich die gelernte Pharmaassistentin heimlich an der Zürcher Stage Academy beworben hatte – und, zu ihrer eigenen Überraschung, aufgenommen wurde. Weder ihre Familie noch ihr Freundeskreis hatten je Berührung mit der Filmwelt. Auf die berufsbegleitende Ausbildung, die über zwei Jahre mit Schauspiel-, Gesangs- und Kommunikationstraining auf den Berufseinstieg vorbereitet, wurde sie eher zufällig durch einen Kollegen aufmerksam. Kopp mochte ihre Arbeit in der Apotheke, spürte aber, dass es da draussen noch mehr geben musste: «Ich wollte etwas machen, das mich besser fühlen lässt und mir mehr Freude bereitet», beschreibt die 24-Jährige ihre damaligen Gedanken, an die sie sich noch lebhaft erinnert.
Mit ähnlicher Nonchalance kam sie auch zu ihrer ersten Hauptrolle. Die Ausschreibung für die Figur der Luana im Spielfilm «Wolves» des Zürcher Regisseurs Jonas Ulrich entdeckte sie, «ganz unromantisch», wie sie lachend erzählt, auf Instagram. Neugierig und energiegeladen bewarb sie sich kurzerhand, obwohl sie noch mitten in der Ausbildung steckte. Tatsächlich sollte sie sich als ideale Besetzung erweisen. Ulrich suchte eine unvoreingenommene Darstellerin, die sich mit professioneller Offenheit auf eine filmische Reise in die Untiefen der Black-Metal-Szene einlassen würde.
Musikwelt
Das Drama erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die ihrem Alltag als Erzieherin und familiären Spannungen entfliehen will, indem sie sich dem Bandprojekt (WLVS) ihres Cousins anschliesst, und eine Beziehung mit dem umstrittenen neuen Frontmann Wiktor (Bartosz Bielenia) eingeht. Der Wunsch ihrer Figur, ihr Leben radikal zu verändern, war Kopp vertraut. Dass sie noch keine Set-Erfahrung hatte, erwies sich als Vorteil. «Meine Entwicklung als Luana war eigentlich recht ähnlich wie meine Entwicklung als Selma, die Schauspielerin im Film», sagt sie. «Mir ging es immer auch ein bisschen wie Luana.»
Auch musikalisch betrat sie Neuland. Um einen Zugang zur Welt des Black Metal zu finden, erhielt sie vom Team eine speziell zusammengestellte Luana-Playlist. Oft lief sie in ihren Kopfhörern, wenn sie mit der Strassenbahn durch Zürich fuhr. Mit der Zeit begann sie, den düsteren Klang und den schrillen Gesang nicht nur zu hören, sondern auch zu spüren.
Raum für Improvisation
«Wolves» ist auch Jonas Ulrichs erster Langfilm. Das Exposé wurde 2022 als Siegerprojekt des Förderprogramms «Fast Track» der Zürcher Filmstiftung ausgezeichnet und von Dynamic Frame produziert. Besonders an dem hybriden Projekt war der Ansatz, die Besetzung mit Musiker und Musikerinnen aus der Szene und professionellen Darstellenden zu besetzen. Ziel war ein möglichst unverfälschter Einblick in deren Lebenswelt. Das Drehbuch entstand parallel zu den Aufnahmen; viele Dialoge entwickelten sich aus der Zusammenarbeit zwischen Regie und Ensemble. Die grosse Improvisationsfreiheit kam Kopp entgegen: Sie konnte Luanas Sprache zu ihrer eigenen machen und die Figur mitgestalten. Da chronologisch gedreht wurde, blieb ihr zudem Zeit, sich auf die intensiven Szenen mit Bartosz Bielenia einzulassen. Der polnische Schauspieler wurde durch Jan Komasas Oscar-nominiertes Drama «Corpus Christi» (2019) bekannt. Die emotional und physisch fordernden Momente gegen Ende des Films stellten für Kopp eine Herausforderung dar, doch sie fühlte sich gut vorbereitet. Um sich auf intime wie ideologisch aufgeladene Szenen einlassen zu können, nahmen sie an Intimitäts- und Sensibilitätsberatungen teil.
«Es war sehr beeindruckend zu sehen, mit welcher Professionalität Selma Kopp und Bartosz Bielenia am Ende des Drehs vor der Kamera miteinander umgegangen sind», beschreibt Ulrich die Zusammenarbeit. «Wolves» feiert 2025 am Zurich Film Festival im Spielfilmwettbewerb Weltpremiere, und markiert zugleich Selma Kopps Debüt auf der Kinoleinwand mit einer intensiven, nuancierten und kraftvollen Rolle.