Seine erste Filmrolle brachte ihm gleich eine Nominierung als bester Darsteller für den Schweizer Filmpreis ein. 2011 spielt Saladin Dellers in «Silberwald» von Christine Repond mit seinen 16 Jahren einen gleichaltrigen Jungen an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Dessen innerer Kampf nach Anerkennung und Identitätssuche entlädt sich in immer heftigeren Gewaltausbrüchen gegenüber seiner Umwelt.
Für Dellers war das nicht ganz ein Sprung ins kalte Wasser, hatte er doch bereits im Jugendclub der Bühnen Bern erste Erfahrung gesammelt. «Es war ein rauer Film, der nach einem naturalistischen Spiel verlangte und zu einer Gratwanderung zwischen Realität und Fiktion wurde», erinnert sich Dellers heute. Nicht nur die Figur des Aussenseiters, sondern auch die betonte Körperlichkeit seiner Darstellung sollte für den Schauspieler zu einer Art Markenzeichen werden.
Den Beruf erlernen
«Stöffitown» (2014) von Christoph Schaub bot mehr Raum für die Auseinandersetzung mit dem Beruf des Schauspielers an sich und die Erforschung methodischer Herangehensweisen. Die Rolle des Stöffi, der mit einer geistigen Einschränkung lebt, bedurfte einer umfangreichen Vorbereitung im Austausch mit der Regie und Betreuer Kristian Nekrasov. «Inspiration habe ich in meinen eigenen Kindheitserinnerungen gefunden und ich habe viel recherchiert». Letzteres sei seitdem für Dellers nicht mehr wegzudenken, um einer Figur auch wirklich gerecht zu werden. Die Erfahrung bei «Stöffitown» jedenfalls bekräftigte den Wunsch, diesen Berufsweg weiterzugehen.
Während eines Jahres hat sich Dellers auf die Aufnahmeprüfungen an verschiedenen Kunsthochschulen vorbereitet. Die Entscheidung fiel auf das österreichische Graz, wo Dellers vier Jahre lang studierte. Von der Aufmerksamkeit, die ihm die Nominierung beim Schweizer Filmpreis eingebracht hatte, konnte er im Anschluss daran nicht mehr zehren. «Ich musste wieder von vorne anfangen», erkennt Dellers. Und das war und ist noch immer eine harte Arbeit.
Vor Herausforderungen scheut sich Dellers nicht, das beweist seine bisherige Filmografie, das sagen auch seine Weggefährten. «Saladin ist der hingebungsvollste Schauspieler, mit dem ich gearbeitet habe», schwärmt Dennis Stormer, der Regisseur von «Youth Topia», der 2021 am ZFF den Publikumspreis gewann. «Saladin schafft es, sich komplett in einer Rolle zu verlieren und gleichzeitig die persönliche Kreativität zu wahren», so Stormer. Diese Fähigkeit zur hohen Konzentration und instinktiv der Rolle angepassten Körperspannung attestiert ihm auch seine Gesangslehrerin Marianne Wälchli. «Saladins grosse Stärke ist es, dass es ihm nicht peinlich ist, peinlich zu sein», fährt sie fort. Das ermögliche ihm, zu experimentieren, sich auf die Sache einzulassen. «Saladin hat eine Begabung für Komik. Seine ideale Rolle wäre die eines modernen Till Eulenspiegels», ist Wälchli überzeugt.
Sichtbar sein
Der Umzug nach Berlin und die Aufnahme bei einer durchaus renommierten Schauspieleragentur hat nicht zum spontanen Durchbruch geführt. «Offene Vorsprechen sind eher selten und der Aufbau von Beziehungen daher entscheidend», sagt Dellers. In der Schweiz gelang es Dellers, über die Vermittlung von Casting-Direktorin Corinna Glaus besetzt zu werden: «Der Läufer» (2018), in der Tatort-Folge «Schattenkinder» (2022) und jüngst in der SRF-Serie «Die Beschatter 2» (2024).
«Es braucht gleichermassen Fleiss, Glück und Talent. Man muss sichtbar bleiben». Deswegen arbeitet er in der Zwischenzeit mit Gleichgesinnten wie Kim Culetto oder Ilja Baumeier an eigenen Werken: Gemeinsam schreiben, produzieren und inszenieren sie Kurzfilme wie «Abhauen» und «Justus» (beide 2022), die an internationalen Festivals ausgezeichnet wurden, bei letzterem auch mit dem Preis für die beste Hauptrolle für Dellers. Gleich mehrere Arbeiten wie die Kurzfilme «Sandy & Paul», bei dem Dellers mit Adriana Möbius selber Regie führte, «Dreieck» und der Langfilm «Solo Show» warten auf ihre Veröffentlichung.
In einem etwa 30-köpfigen Kollektiv aus ausgebildeten Filmschaffenden und Quereinsteigern arbeitet er gerade am Filmprojekt «Hotpot», das durch anti-hierarchische Methoden klassische Arbeitsweisen in der Filmproduktion auflösen will. Daraus könnten verschiedene Formate hervorgehen, darunter ein episodischer Spielfilm, der sich zurzeit in der Postproduktion befindet. Dellers spielt darin einen Aussteiger, der sich in der Natur isoliert hat. «Bisher habe ich viele Sonderlinge verkörpert. Aber ich suche immer den ambivalenten Aspekt. Wenn man mich besetzt, weiss man, dass es anders wird als im Buch vorgesehen».