Für eine starke Standortförderung
Matthias Michel über eine Stärkung des Standorts Schweiz.
Denise Bucher 20. März 2025
Es wird immer schwieriger, Interviews mit den Grossen des Filmgeschäfts zu bekommen. Aber dass es an einem Filmfestival wie Venedig so gut wie gar keine Gesprächsgelegenheiten gibt, damit hatte im August 2024 wohl niemand gerechnet. Schon gar nicht, nachdem der künstlerische Leiter Alberto Barbera stolz verkündet hatte, es werde diesmal endlich wieder sein wie vor der Pandemie: Die Stars würden zurückkehren aufs Lido.
Aber viel mehr als hübsche Bilder von den Prominenten gab es nicht. Teppich, Stars und Roben sind attraktiv für Social-Media-Posts von Fans, aber für uns Filmjournalistinnen und Filmjournalisten war Venedig ein Desaster. Insbesondere für die Freischaffenden. Sie sind darauf angewiesen, Interviews zu verkaufen. Je berühmter das Gegenüber, desto eher gelingt das und desto eher kriegt man wenigstens seine Reisespesen gedeckt. Doch gerade die Gespräche mit Stars werden immer weniger. Wenn es überhaupt noch welche gibt, dann dauern sie im Glücksfall 20 Minuten, wahrscheinlicher sind zehn. So kann kein richtiges Gespräch entstehen. Das ist frustrierend für uns wie auch für die Filmschaffenden.
Entsprechend formierte sich in Venedig Widerstand, Kolleginnen und Kollegen arbeiteten einen Protestbrief aus und seither organisiert man sich. In San Sebastian liessen Journalisten und Journalistinnen ein Roundtable mit Johnny Depp platzen, nachdem die Gruppe von sechs auf zwölf Personen verdoppelt worden war und neben Depp auch noch zwei seiner Co-Stars am 15-minütigen Gespräch hätten teilnehmen sollen. Die Protestaktionen zeigen bereits etwas Wirkung. Es laufen Gespräche mit Festivalleitungen und an der eben zu Ende gegangenen Berlinale war am European Film Market erstmals auch die Presse zu einem Panel zur Frage eingeladen, wie Filmfestivals einzelnen Werken helfen können, ihr Publikum zu erreichen.
Dennoch: Wenn heute nicht einmal mehr diejenigen über Filme reden wollen oder dürfen, die selbst daran beteiligt sind, dann ist das der Ausdruck einer Krise des Filmgeschäfts. Es scheint, als ob die Digitalisierung das Medium Film wieder dahin zurückgeworfen hätte, wo es herkam: in die Unterhaltungsecke, ins Zirkuszelt. Film ist heute «Content», also ein Konsumgut, und was man konsumiert, soll Spass machen. So sorgt das Wort «Content» schleichend dafür, dass das Medium Film seinen über Jahrzehnte erkämpften Status als anerkannte Kunstform wieder verliert. Und was keine Kunst ist, verlangt auch nicht nach vertiefter Auseinandersetzung. PR reicht, und diese leisten Fans umsonst auf Social Media. Kommt hinzu, dass die Orte für vertiefte Auseinandersetzung mit Filmen, die trotz allem sehr wohl noch Kunstwerke sind, immer weniger werden. Der Filmjournalismus leidet an kontinuierlichem Abbau und orientiert sich aufgrund des wirtschaftlichen Drucks zwangsläufig immer stärker am breiten Publikumsinteresse.
Soll ich überhaupt noch an Festivals gehen? Wer im Filmjournalismus arbeitet, hat sich diese Frage vermutlich schon gestellt. «Solange ich kann, fahre ich noch hin», ist ein Satz, den man unter Kolleginnen und Kollegen jetzt öfter hört. Es ist eine traurige Entwicklung: Statt dass wir weiterhin unserem Beruf nachgehen und insbesondere die Freischaffenden mit Festivalberichterstattung ihren Lebensunterhalt verdienen, werden immer mehr Filmjournalistinnen und Filmjournalisten sich genau überlegen, ob sie sich Berlin, Cannes, Venedig oder Toronto noch leisten können. Die Festivals wiederum müssen sich fragen, ob sie es sich leisten wollen, auf professionelle Berichterstattung zu verzichten.