Der erweiterte Bechdel-Test

Der erweiterte Bechdel-Test

Pascaline Sordet 16. Juni 2017

«F-rated» kennzeichnet Filme, die von Frauen geschrieben oder inszeniert worden sind oder starke weibliche Figuren aufweisen. Damit sollen Filme von Frauen besser sichtbar sowie Gleichberechtigung im Film gefördert werden.

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Sie haben bestimmt schon vom Bechdel-Test gehört. Jedes Mal wenn über die Präsenz von Frauen im Filmbereich gesprochen wird, fällt dieser Begriff. Die Idee ist denkbar einfach: Ein Film besteht den Test, wenn zwei Frauenrollen vorkommen, die beiden ein Gespräch führen und es in diesem nicht um Männer geht. Das erscheint simpel, doch eine erschreckend hohe Anzahl Filme fällt dennoch durch. Zuweilen wird eingewandt, der Test sei irreführend, denn auch ein Film wie «Gravity» mit seiner einsamen Heldin würde ihn nicht bestehen, doch solche Ausnahmen bestätigen die Regel eher, als sie zu ent­kräften.

Da Frauen nicht nur vor der Kamera besser vertreten sein sollten, gründete das Bath Film Festival in England im Jahr 2014 ein neues Label. Das Gütezeichen «F-rated» erhalten Filme, die mindestens eines von drei Kriterien erfüllen: Der Film ist von einer Frau inszeniert worden, basiert auf dem Drehbuch einer Frau oder setzt bedeutende Frauenrollen in Szene. Filme, die alle drei Kriterien erfüllen, erhalten die Höchstnote Triple F.

Zur Orientierung im Angebot

Wie ein Bio-Label für Fleisch oder ein Fair-Trade-Label für Gemüse soll dieses Sigel Konsumenten erlauben, sich im Angebot besser zu orientieren. In der Schweiz hat die Plattform artfilm.ch (die Filme als VOD anbietet) das Label vor drei Monaten eingeführt, nachdem sie durch die sozialen Netzwerke darauf aufmerksam wurde: «Es sorgt für eine klarere Übersicht über unseren Katalog und ist einfach anzuwenden, denn die drei Kriterien lassen sich leicht beurteilen. Wir hätten uns gewünscht, dass auch die Rolle der Produzentin mit einbezogen würde, denn wir wissen aus Schweizer Studien, dass Produzentinnen mit grösserer Wahrscheinlichkeit gemischte Teams einsetzen als Produzenten», erklärt Matthias Bürcher, Gründer der Website. Trotz dieser kleinen Kritik betont er die Klugheit jenes Kriteriums betreffend Frauenrollen, das «auch Männern die Fähigkeit zugesteht, unabhängige und komplexe Frauenrollen zu schaffen, wenn sie dazu gewillt sind.» Für Nicole Schröder, Leiterin des Bereichs CrossFocal bei Focal und Gründungsmitglied des Swiss Women Audiovisual Network (SWAN), besteht eines der Hauptverdienste des Labels neben der politischen Geste darin, die Vielfalt der F-Filme aufzuzeigen: «Es zeigt, dass Filme von Frauen jedes Thema und Genre aufgreifen können. Das hilft uns, wegzukommen vom Stigma ‹Frauenthemen›. Für mich sind Frauenthemen inexistent.»

Die Organisation F-rating hat alle unabhängigen Kinos und alle Festivals dazu aufgerufen, das Label zu verwenden. Dutzende haben zugesagt, doch die sichtbarste Umsetzung ist wahrscheinlich die der IMDb mit ihren monatlich 250 Millionen Besuchern, die im Januar 2017 erfolgte. Seither wurden über 22’000 Filme mit dem Label F versehen. Die Gründerin des Labels, Holly Tarquini, hofft dass es eines Tages nicht mehr notwendig sein wird, wenn die Gleichstellung in der Filmindustrie auf globaler Ebene erreicht ist. Davon sind wir aber noch weit entfernt.Auf artfilm.ch wird aufgrund des Labels eine Statistik erstellt: Derzeit tragen zwischen 32% und 34% der Spielfilme das Label F oder Triple F, was ungefähr dem Verhältnis in der natio­nalen Produktion entspricht. «Mit diesen Zahlen können wir gut leben», kommentiert Matthias Bürcher. «Für uns ist es wichtig, ein Instrument zu haben, um Frauenfilme besser hervorzuheben. Es müsste auch an den grossen Festivals zur Anwendung kommen, oder gar in Form eines besonderen Preises verliehen werden. Solange Frauenfilme noch so klar in der Minderheit sind, müssen wir meiner Meinung nach dieses Werkzeug nutzen, um Druck auf die grossen Akteure auszuüben.»

Das Label soll etwas bewirken

In der Schweiz hat bisher nur das SWAN die Einführung des Labels begrüsst. Für Nicole Schröder stellt die Sichtbarkeit ebenfalls einen ersten Schritt auf dem Weg zur Gleichstellung dar: «Ich glaube, dass Frauen trotz gleicher Qualifikation immer vermindert zum Zug kommen werden, solange sie und ihre Werke zu wenig sichtbar sind. Die Notwendigkeit des Sichtbarmachens betrifft übrigens nicht nur Frauen. Für mich ist es Zeit, dass unsere Filme auch ein Abbild unserer vielfältigen Gesellschaft sind.»

Natürlich kann man diese Initiative kritisieren, jedes Label ist eine Vereinfachung. Doch in einer hauptsächlich von Männern dominierten Industrie wäre es interessanter, sich zu fragen, wo die Regisseurinnen und Drehbuchautorinnen sind, weshalb Frauenrollen sich immer noch zu oft auf Sekretärinnen, Krankenschwestern, Girlfriends oder eindimensionale Opferrollen beschränken. Und wie bei der Kennzeichnung der Natio­nalität von Filmen ist auch «F-rated» kein Qualitätslabel. Vielmehr sollte man sich ehrlich eingestehen, dass das Label keine fundierte Kritik ersetzen kann, sondern etwas bewirken soll.

Bildlegende: Bekannt wurde der Bechdel-Test 1985 durch eine Folge der Comicreihe «Dykes To Watch Out For» der Amerikanerin Alison Bechdel.

▶ Originaltext: Französisch

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