Treffpunkt mit Pema Shitsetsang
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Treffpunkt mit Pema Shitsetsang

Teresa Vena 19. September 2025

Pema Shitsetsang ist eine Schweizer Schauspielerin mit tibetischen Wurzeln. In ihrem Beruf geht es um bekommene, erkämpfte und umgesetzte Chancen. Mit viel Hartnäckigkeit und Leidenschaft verfolgt sie unerschütterlich ihren Karriereweg.

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Wann haben Sie sich für eine Karriere als Schauspielerin entschieden?

Das war noch bevor ich 2001 meine kaufmännischen Lehre abschloss. Ich hatte mit meinen Eltern vereinbart, eine solide Ausbildung zu absolvieren. Danach ging ich sofort meinem Wunsch nach, an Schauspielschulen vorzusprechen. 2006 hat es nach vier Jahren vorsprechen geklappt, und ich begann, Theater an der Hochschule der Künste in Bern zu studieren. Für Kinder von Eltern mit Migrationshintergrund ist es in der Schweiz schwer, eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen. Es fehlt ihnen hier in der Regel an erfolgreichen Vorbildern. Nicht alle Türen stehen uns Menschen mit Migrationshintergrund gleich weit offen. Einige Türen sind auch ganz zu. Wenige können sich in den erschwerten, bestehenden Strukturen eine Karriere aufbauen. Es verlangt sehr viel Hingabe ab, sich immer wieder für diesen Beruf und damit gleichzeitig gegen deutlich einfachere und erfolgversprechendere Berufslaufbahnen zu entscheiden.

Wie waren Ihre Anfänge?

Während des Schauspielstudiums erhielt ich den Schauspielstudienpreis des Migros Kulturprozent. Ich war stolz, dass Susanne-Marie Wrage damals in der Jury sass. Ich bin ein Fan von ihrem Spiel. Nach meinem Bachelor in Theater hatte ich einen ganz starken Start. Ich spielte eine Hauptrolle in einem Theaterstück («Multiple Option_14»), eine Nebenrolle in einer Schweizer Serie («Hunkeler Silberkiesel») und erhielt nach monatelangen Vorsprechen eine tragende Nebenrolle für eine deutsch-schweizerische Kinofilmproduktion («Wie zwischen Himmel und Erde»), an der Seite von Hauptdarstellerin Hannah Herzsprung war ich eine Schlepperin, die Menschen zur Flucht verhilft. Wie in unserer Branche üblich, bewarb ich mich dann bei Schauspielagenturen. Trotz sehr guter Schauspielausbildung und guten Rückmeldungen zu meinem Portfolio erhielt ich nur Absagen. Eine Agentur bat um mein Verständnis mit den Worten, dass für meinen Typ die Zeit eben noch nicht da sei. Ausserdem hätten sie bereits eine Person mit Migrationshintergrund und da würden wir uns gegenseitig konkurrenzieren. Diese Zuweisung empfinde ich als Demütigung, für mich und auch für die andere Person. Unsere Wurzeln liegen in anderen Ländern und optisch ähnelten wir uns auch nicht. Bei Personen ohne Migrationshintergrund war der vermeintlich gleiche «Typ» in dieser Agentur kein Kriterium.

Spielen Sie auch Theater?

Theatermässig habe ich vor allem in Bern gespielt und war in einigen Stücken vertreten. Zurzeit mache ich aber eine Pause von der Theaterbühne. Lange Probentage lassen sich für mich mit der Rolle als Mutter eines Kleinkindes nicht gut vereinbaren. Ich habe auf der Bühne Verschiedenes gespielt, eine Soldatin, einmal eine Superheldin, Karoline aus «Kasimir und Karoline», Antigone. An der Bühne gefällt mir das Durchspielen, «Schnitt» erfolgt erst dann, wenn der Vorhang fällt. Du füllst den Moment, wächst mit den Kollegen und Kolleginnen über sechs Wochen hinweg zu einem Ensemble zusammen. Es entsteht eine Verbundenheit mit dem Publikum und mit dem Raum, was wiederum einen Einfluss auf mein Spiel hat. Im Film habe ich meistens kleinere Nebenrollen. Da springt man aus dem Nichts quasi für den einen Drehtag in einen Schauplatz, liefert ab so gut es geht und geht am selben Tag wieder raus. Das hat auch seine Vorteile aber ist eine ganz andere Konstellation. Die Rolle kann mir dennoch sehr am Herzen liegen.

Wie sind Ihre Erfahrungen im Schweizer Film bisher gewesen?

Die schönste Erfahrung habe ich im Episodenfilm «Peripherie» gemacht. Der Regisseur Jan-Eric Mack hat mich als Hauptdarstellerin besetzt und die Zusammenarbeit basierte auf gegenseitigem Vertrauen und Wertschätzung. Solch eine Erfahrung wünsche ich anderen Schauspielern und Schauspielerinnen auch. Eine tolle Regie kann in uns Magie auslösen. Ich habe dort eine ambitionierte Polizistin gespielt, die an ihrem ersten Arbeitstag zu sehr Gas gibt. Der Schweizer Film bedeutet für mich die Arbeit mit den jeweils Involvierten im Projekt. Da gibt es gute und weniger gute Erfahrungen. Besonders wertschätzend waren die Zusammenarbeit mit Regisseurin Andrea Štaka für die Serie «Neumatt», wo ich eine Journalistin spielte oder mit Regisseurin Katalin Gödrös für eine «Tatort»-Folge, in der ich die Partnerin der Hauptkommissarin war. Gödrös meinte später, dass sie meine Rolle gerne mehr ausgebaut hätte. Und kürzlich spielte ich in Petra Volpes «Heldin» eine Ärztin. Diese Rollen kamen alle über Glaus und Gut Casting. Corinna Glaus habe ich während meines letzten Studienjahres kennengelernt und seither bin ich in ihrer Kartei. Da ist über die vielen Jahre ein Vertrauensverhältnis gewachsen und ich schätze, dass sie, Nora und Mirjam bei Besetzungen an mich denken.

Glauben Sie, dass Sie im Schweizer Filmschaffen mit Vorurteilen konfrontiert werden?

Mit Bestimmtheit. Es ist zukunftsweisend das Schauspieler und Schauspielerinnen mit Migrationshintergrund ebenso einen Film tragen können und hierfür für Hauptrollen besetzt werden. So lange dies noch nicht der Normalität der Filmkultur in unserem Land entspricht, ist da viel Luft nach oben. Meine beruflichen Möglichkeiten ergeben sich aus bestimmten Rahmenbedingungen, die ich zu nutzen weiss, sobald sie mir offen stehen. Ich weiss, dass ich Schauspielerin bin und spielen kann. Je älter ich werde, desto mehr Freude habe ich am Spielen. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass ich niemandem mehr etwas beweisen möchte. Ich finde den Beruf an sich sehr wertvoll, nicht unbedingt das Geschäft drum herum.

Welche Projekte haben Sie besonders geprägt?

Wie ich schon sagte, war die Arbeit mit Jan-Eric Mack an «Peripherie» für mich sehr besonders. Ich erinnere mich noch an den Moment des Anrufs mit der Zusage. Ich war begeistert über diese tragende Rolle, die auch ein Mensch mit Migrationshintergrund sein durfte, aber nicht unbedingt hätte sein müssen. Meine Rolle wurde von Romana Friedli geschrieben. Türen gehen nur auf, wenn sie gerne aufgemacht werden. Das ist bestimmt eine zukunftsweisende und längst nötige Perspektive. Das ist eine grosse Chance, über die Filmhandlung politische Position beziehen zu können, ohne sich lauthals abseits davon zu beklagen. Letztes Jahr hatte ich einige Vorsprechen mehr als die Jahre davor, alle durch Glaus und Gut Casting und dann kam ganz unerwartet eine Anfrage aus Australien für eine Apple-Produktion. Ich hätte eine wichtige Nebenrolle neben Schauspielgrössen wie Willem Dafoe und Tom Hiddleston übernehmen sollen. Nach einem 11-monatigen Prozess kam leider die Absage, aber der Erfolg liegt für mich darin, dass ich um diese Rolle kämpfen… oder besser gesagt spielen konnte. Ausserdem hat die BAFTA-nominierte Casting-Direktorin Nikki Barrett, die am Projekt arbeitete, mein deutschsprachiges Material gut gefallen. Ich werde mich bemühen, den Kontakt aufrecht zu erhalten, da ist etwas wie ein neuer Raum aufgegangen. Des Weiteren habe ich eine tragende Rolle im Kurzfilm «My Sweet Pala» einer japanischen Regisseurin gespielt. Wir haben in den USA gedreht und ich spiele auf Englisch. Zudem steht mir der Stoff nahe: Ich bin Teil einer tibetischen Familie, die in die USA immigriert ist.

Was ist Ihnen bei der Arbeit an ausländischen Produktionen aufgefallen?

Ich kann von meiner Erfahrung mit tibetischen Filmschaffenden sprechen. Für «Royal Cafe» einem Kurzfilm der Regisseurin Tenzin Dazel haben wir 2016 in Paris gedreht. Ich habe eine erfolglose Modedesignerin gespielt. Da es sich um eine Hauptrolle handelte, habe ich sehr lange im Voraus mit der Regisseurin zusammengearbeitet. Das war ein sehr kreativer Prozess. Bis heute haben wir engen Kontakt und möchten wieder zusammenarbeiten. Ich schätze hier sehr, dass wir aus unserer Linse, als Tibeterinnen erzählen. Vieles an Erklärung oder Einführung fällt weg, es braucht keine Erklärung, dass eine Person mit Migrationshintergrund vorkommt.

Setzen Sie sich aktiv für Chancengleichheit im Film in der Schweiz ein?

Ich bin 44 Jahre alt und bin sehr zufrieden mit meinem Leben. Trotzdem möchte ich darauf hinweisen, dass unsere Filmbranche ein strukturelles Problem aufweist, das noch nicht behoben ist. Genau genommen, handelt es sich um eine rassistisch geprägte Ordnung. Als Schauspielerin verfüge ich über ein feines Gespür. Es ist eine Fähigkeit, die mit den Jahren immer besser wird. Ich bin keine Rassismusexpertin und bin in meinem Beruf auch nicht als erstes Aktivistin, sondern Schauspielerin. Als erwachsene Frau und Mutter eines Kindes mit Migrationshintergrund nehme ich mir aber gerne den Raum, sei es im Privatleben oder an einem Podium oder ähnlich, um mich zu diesem Thema frei zu äussern. Es ist eine Debatte, die keinen mehr überraschen sollte.

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