Treffpunkt mit Déborah Helle
© Neige Sanchez

Treffpunkt mit Déborah Helle

Adrien Kuenzy 22. Mai 2025

Am Filmset sorgt die Intimitätskoordinatorin dafür, dass die Szenen gut vorbereitet, begleitet und respektiert werden. Zwischen Schauspiel, Einverständnis und Inszenierung richtet ihr noch wenig verbreiteter Beruf einen neuen Blick auf Verletzlichkeit im Film.

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Sie sind eine der ersten Intimitätskoordinatorinnen der Schweiz. Wie kamen Sie zu diesem Beruf?

Ich studierte Regie an der HEAD in Genf und absolvierte anschliessend in England eine Ausbildung als Film-Schauspieltrainerin. Der Lehrgang beinhaltete ein Modul zur Choreografie intimer Szenen. So lernte ich Ita O’Brien kennen, eine Pionierin auf diesem Gebiet, die für die Serien «Sex Education» und «Normal People» tätig war. Damals hatte ich nicht die Absicht, dies zu meinem Beruf zu machen. Ich war Schauspieltrainerin mit einer Zusatzkompetenz. Ich wurde jedoch inoffiziell immer häufiger für die Koordination intimer Szenen eingesetzt. Ausgebildet habe ich mich später an der ersten US-amerikanischen Institution dieser Art, die von HBO-Koordinatorin Alicia Rodis gegründet wurde. Dort wurde mir bewusst, dass Choreografie nur ein Teil der Arbeit ist.

Worin besteht die Rolle einer Intimitätskoordinatorin?

Zuerst analysiere ich das Drehbuch, um die intimen Szenen zu identifizieren. Dabei geht es nicht nur um Sex- oder Nacktszenen. Eine Geburt, eine Abtreibung oder jede andere Situation, in der Darstellende verletzlich sind, kann dazu zählen. Danach unterhalte ich mich mit der Regie, um die geplante Inszenierung zu verstehen, und mit den Schauspielenden sowie zuweilen mit ihren Agenten oder Agentinnen, um ihnen meine Rolle darzulegen. Ich stelle sicher, dass sie über alle notwendigen Informationen verfügen, und informiere mich meinerseits über ihre Grenzen und Vorstellungen. Grenzen zu setzen ist ein fortlaufender Prozess, doch ich versuche immer, so weit wie möglich vorzugreifen.

Es geht also um juristische, technische und zwischenmenschliche Aspekte.

Ja, es ist eine wahre Koordinationsarbeit. Ich spreche auch mit den Verantwortlichen für Kostümbild sowie den Regieassistenten und -assistentinnen, kümmere mich um praktische Hilfsmittel wie Unterwäsche und helfe bei der Organisation der Proben. Beim Drehen achte ich darauf, dass Abmachungen eingehalten werden, bedecke die nackten Körper zwischen den Aufnahmen und mache technische Vorschläge, etwa wie eine Bewegung durch einen bestimmten Aufnahmewinkel vorgetäuscht werden kann, ähnlich wie bei der Stuntkoordination. Es geht darum, Sicherheit zu gewährleisten und zugleich der Inszenierung gerecht zu werden.

Mussten Sie auch schon entschieden eingreifen?

Ja, wenn eine Abmachung nicht eingehalten wird, kann ich die Aufnahme unterbrechen. Dabei versuche ich immer, konstruktiv zu bleiben und nachzufragen: «Was wollten Sie mit dieser Inszenierung aussagen?», um dann eine Alternative anzubieten. Ich zensuriere nicht, sondern stecke den Rahmen ab. Zaubern kann ich jedoch nicht, denn ich bin eine Produktionsangestellte ohne hierarchische Autorität.

Auf welche Widerstände sind Sie bei Ihrer Arbeit gestossen?

Widerstand kommt im Allgemeinen weniger von den Schauspielenden, als vielmehr aus anderen technischen oder künstlerischen Bereichen, denen meine Rolle nicht klar ist. Zuweilen denken sie, ich würde mich in ihre Arbeit einmischen oder sie überwachen. Da braucht es oft Überzeugungsarbeit. Doch ich habe den Eindruck, dass die Mentalitäten sich wandeln. Viele haben verstanden, dass meine Anwesenheit sie entlasten kann: Ich sorge für einen Arbeitsrahmen, für den die Abteilungen für Kostümbild, Maskenbild oder die Regieassistenten und -assistentinnen bisher zusätzlich zu ihren eigenen Aufgaben verantwortlich waren.

Hatten Sie schon den Eindruck, von einem Regisseur oder einer Regisseurin als Behinderung empfunden zu werden?

Ja, ich habe mit Personen gearbeitet, die zu Beginn offen waren, am Set dann aber Widerstand zeigten. Ich suche immer den Dialog, um zu verstehen, was ihnen Unbehagen verursacht. Oft liegt es daran, dass sie meine Rolle falsch einschätzen. Ich bin nicht da, um zu überwachen, sondern um eine Szene glaubwürdig, flüssig und respektvoll zu gestalten, ganz im Sinne des Projekts.

Wie werden Sie aktiv, wenn während der Dreharbeiten eine Grenze überschritten wird?

Meine Aufgabe besteht vor allem darin, solche Situationen vorauszusehen. Deshalb analysiere ich im Vorfeld das gesamte Drehbuch, um heikle Szenen zu erkennen, selbst wenn die Produktion sie nicht als solche identifiziert hat. Wenn ich nur für gewisse Szenen engagiert werde, stelle ich klar, dass ich bei Problemen mit Szenen ausserhalb meines Einsatzbereichs nicht einschreiten kann. Dies kann Produktionsfirmen dazu bewegen, den Umfang meines Auftrags zu überdenken. Wenn ich am Set bin und eine Grenze überschritten wird – zum Beispiel eine Vertragsklausel nicht eingehalten wird – kann ich die Aufnahme sofort unterbrechen. Ich rufe dann die vereinbarten Bedingungen in Erinnerung und erkläre, wieso eine Handlung oder Aufforderung problematisch ist. Auch das ist meine Aufgabe: einen klaren Rahmen festlegen, um Missverständnisse zu vermeiden und alle Beteiligten zu schützen.

Sie waren vor Kurzem für die internationale Produktion «Winter Palace» tätig. Was ist Ihnen davon in Erinnerung geblieben?

Das Projekt war sehr reichhaltig, mit Schauspielenden aus verschiedenen Ländern und somit unterschiedlichen Verträgen und Arbeitskulturen. Das war sehr lehrreich. Ausserdem wurden intime Szenen unter komplexen Bedingungen gedreht, zum Beispiel im Freien, in der Kälte. Besonders gefallen hat mir die reibungslose Zusammenarbeit mit dem Regisseur Pierre Monnard. Er war sehr offen und interessiert. Der Austausch mit der Chef-Kostümbildnerin war auch sehr bereichernd. In einem Kostümfilm sind die Kleider fester Bestandteil der Szene.

Ihr Beruf ist in der Schweiz noch wenig verbreitet. Wie erklären Sie sich das?

Die Schweizer Filmindustrie ist klein und kennt keine entsprechenden Regelungen. Wie auch in Frankreich oder Belgien ist die Anwesenheit eines Intimitätskoordinators oder einer Intimitätskoordinatorin am Set nicht obligatorisch – hier besteht Nachholbedarf. Ich denke, das wird sich ändern, doch das Bewusstsein dafür muss wachsen. Deshalb arbeite ich gemeinsam mit anderen Fachkräften an der Erstellung einer landesweiten Richtlinie.

Müsste die Funktion Ihrer Meinung nach obligatorisch werden?

Da bin ich hin- und hergerissen. Wenn einem Team etwas aufgezwungen wird, kann dies Widerstand erzeugen. Andererseits wird es, solange es nicht obligatorisch ist, als freiwilliges Extra betrachtet. Idealerweise müsste zumindest die Drehbuchanalyse systematisch erfolgen, um einseitige Beurteilungen zu vermeiden. Zu oft werde ich nur für weibliche Nacktszenen hinzugezogen, das ist bezeichnend. Andere Produktionen engagieren mich nur zur Vorbereitung der Szenen und denken, das reiche aus, um den Rahmen festzulegen. Doch gerade während der Dreharbeiten ist es wichtig, die Einhaltung der Abmachungen sicherzustellen. Das eine funktioniert nicht ohne das andere.

Kennen Sie Männer, die diesen Beruf ausüben?

Ja, aber es sind wenige. Mein Mentor ist ein Mann, und wir haben viel darüber gesprochen, wie er am Set wahrgenommen wird. Er sagte mir, er werde oft von Anfang an ernster genommen, einfach weil er ein Mann ist. Das ist eine verzerrte Wahrnehmung, und es ist wichtig, dies zu erkennen. Ich finde es auch schade, dass der Beruf oft mit einer Form von Aufmerksamkeit oder Sanftheit assoziiert wird, die man vor allem von Frauen erwartet. Wie wenn es selbstverständlich wäre, diese Aufgabe einer Frau anzuvertrauen, weil es um Intimität oder Gefühle geht. Es ist aber ein echter Beruf, der Fachkenntnisse, eine Ausbildung und spezifische Kompetenzen verlangt – unabhängig vom Geschlecht. Man kann diese Rolle auf anspruchsvolle und seriöse Art ausüben und sich zugleich seine Persönlichkeit, Leichtigkeit und Freude bewahren. Das ist nicht unvereinbar.

Wie stellen Sie sich die Zukunft vor?

Ich wünsche mir, dass die Rolle in die gesamte Produktion integriert wird, anstatt Szenen nach ihrer vermeintlichen «Schwierigkeit» einzuordnen. Nur weil keine Nacktheit vorkommt, ist eine Szene nicht per se unproblematisch. Ich würde mir mehr Dialog und Austausch wünschen, und dass meine Anwesenheit als Unterstützung wahrgenommen wird und nicht als Bedrohung. Denn das ist der Kern meines Berufs: einen sicheren Rahmen zu schaffen, in dem alle ihr Bestes für den Film geben können.

Déborah Helle ist die erste von der US-amerikanischen Gewerkschaft SAG-AFTRA zertifizierte Intimitätskoordinatorin der Schweiz.

2016: Umzug nach London, Tätigkeit als Regieassistentin, Master in«Actor Training and Coaching» an der Royal Central School of Speech and Drama (RCSD) und Begegnung mit Ita O’Brien.

2017: Lehrtätigkeit an verschiedenen internationalen Institutionen wie Pinewood Studio, Identity School of Acting, RCSD und Leitung von Seminaren für professionelle Schauspielende.

2018: Erste Choreografie einer intimen Szene in einem Film.

2018: Filmtraining für Kinder und Jugendliche sowie Entwicklung eigener Werkzeuge.

2020: Rückkehr in die Schweiz, Studium der Intimitätskoordination und verwandter Themenbereiche wie psychische Gesundheit, Konfliktmanagement und Traumata.

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