In den 30 Jahren seit seiner Einführung sind im Rahmen des Pacte de l'audiovisuel ungefähr 4000 Filme und 40 Serien entstanden. Den Vertrag, der ein Bekenntnis zum Schweizer Filmschaffen sein will, hat die SRG 1996 zum ersten Mal unterzeichnet. Seitdem entstehen im Jahr durchschnittlich 140 Koproduktionen zwischen ihr und hiesigen Produktionsfirmen. Der aktuelle Pacte läuft von 2024 bis 2027 und arbeitet mit einem Gesamtbudget von 34 Millionen, die nach einem bestimmten Verteilerschlüssel für die Produktion verschiedener audiovisueller Formate verwendet wird. Das Grössenverhältnis zwischen den vier Schweizer Landesregionen bestimmt den Anteil, der den regionalen Zweigstellen der SRG daraus zukommt.
Radiotelevisione Svizzera, kurz RSI, produziert 15 bis 20 Prozent der Inhalte im Rahmen des Pacte. «Es entstehen jedes Jahr rund 15 lange Dokumentarfilme, eine ausgewogene Mischung aus Projekten fürs Fernsehen und fürs Kino, was eine Vielfalt des Ausdrucks und der Auswertung des Dokumentarfilms ermöglicht», sagt Giulia Fazioli, Leiterin Dokumentarfilm bei der RSI. «Wir produzieren zudem zwei lange Spielfilme, fünf bis zehn Kurzfilme und eine Serie alle zwei Jahre», erklärt Alessandro Marcionni, Leiter Fiktion bei der RSI. Das Serienformat ist erst seit kurzem dazugekommen. In «Alter Ego» (2023) hat ein Mörder Bellinzona auf den Kopf gestellt, die Arbeiten an «La linea della palma» sind aktuell im Gang. Die überwiegende Mehrheit der Produktionen fusst in der regionalen Filmlandschaft. Weil es im Tessin keine grössere staatliche Förderstelle gebe wie in anderen Regionen der Schweiz, sei eine Zusammenarbeit mit Partnern aus der restlichen Schweiz wesentlich. Wie die beiden erwähnten Serien zeigen, ist die Verbindung nach Italien ebenfalls von grosser Bedeutung. Die Verpflichtung von bekannteren Namen steigert das Interesse und die Auswertungskanäle im Nachbarland.
Reiche Talentschmiede
Die Vernetzung sei in den letzten zehn Jahren immer besser geworden, auch unter den lokalen Filmschaffenden selbst. «Man hat sich schon immer durch grosse Professionalität ausgezeichnet», betont Marcionni, die Filmlandschaft habe aber eine Stärkung und Festigung erlebt. Dazu habe auch die gute Arbeit der Ticino Film Commission beigetragen.
Dieses «gesunde» System zu nähren, sehe man als Verpflichtung. «Wir unterstützen sowohl arrivierte Filmschaffende als auch solche, die in ihren Anfängen stehen», so Marcionni. Gerade bei Dokumentarfilmen, die in der Regel mit kleineren Budgets auskommen, sei es möglich, sich auf grössere Experimente einzulassen. So sei auch die Verbindung zum Conservatorio Internazionale di Scienze Audiovisive eng. «Wir arbeiten mit dem CISA an der Spring Academy des Locarno-Filmfestivals zusammen, die im Vorfeld des Festivals jungen Menschen den Austausch mit internationalen Filmgrössen ermöglicht», so Fazioli weiter.
Koproduktionen zwischen der SRG und den unabhängigen Produzenten und Produzentinnen, die im Rahmen des Pactes entstehen, haben, wie es schriftlich festgelegt ist, die Verpflichtung, gerechte Arbeitsbedingungen zu gewähren. Sie sollen sich auch für eine Gleichstellung der Geschlechter einsetzen. Beides liegt in der Verantwortung der Produktionsfirmen, die SRG sammelt die Daten dazu zu statistischen Zwecken, die im Nachgang wie bei den restlichen Schweizer Förderstellen evaluiert werden können. Korrekturen an den eingereichten Projekten in dieser Hinsicht sind also vor der Herstellung nicht vorgesehen. «Wir haben das Glück, dass in der italienischen Schweiz bereits von Anfang an weibliche Stimmen besonders stark gewesen sind», sagt Marcionni. Dabei denkt er an Produktionsfirmen wie Amka Films und Cinédokké oder Filmschaffende wie Klaudia Reynicke.
Für die Kontinuität der bisherigen Förderpolitik der Region spricht, dass es erfahrenen Filmschaffenden möglich war, durchschnittlich alle drei bis vier Jahre einen Langfilm zu realisieren. Weder Marcionni noch Fazioli besitzen die berühmte Glaskugel, die in die finanzielle Zukunft der SRG und die potentiellen Auswirkungen auf den Pacte schauen lässt. Sie bleiben optimistisch.