Der nordische Film rückt näher zusammen
Die fünf nordischen Filminstitute verstärken ihre Zusammenarbeit, um Filme besser zu verbreiten, ohne dabei ihre nationalen Systeme zusammenzulegen.
Teresa Vena 29. Oktober 2026
Während Tilly Norwood als weltweit erste KI-generierte Schauspielerin die westliche Filmindustrie in Panik versetzt, produziert China schon seit Anfang des Jahres 95 Prozent seiner Serien mit nur noch digitalen Darstellenden.
Sie wolle aufrütteln. Die Filmindustrie drohe von den Entwicklungen in der künstlichen Intelligenz ausgeschlossen zu werden, zurückzufallen. Vielmehr sei aber nötig, das derzeit Mögliche auszuprobieren und es sich anzueignen. «Tilly sehe ich als Schnittstelle zwischen Technologie und Unterhaltung».
Eline van der Velden präsentierte 2025 am Zurich Film Festival die Erfindung ihrer in London angesiedelten Produktionsfirma Particle 6: Die weltweit erste (nach westlichem Wissensstand) KI-generierte Schauspielerin Tilly Norwood. Die Aufmerksamkeit war enorm. Gleichermassen für den erzielten technischen Fortschritt bewundert und auf filmpolitischer und ethischer Ebene angefeindet, gibt sich Van der Velden ein Jahr später, erneut am Zurich Summit, höchst zufrieden. Der Umsatz ihrer Firma habe sich verachtfacht, man sei von Anfragen über den KI-Einsatz im Film regelrecht überflutet worden. Viele der Neugierigen verlangten, strikt anonym zu bleiben.
Doch der US-Amerikaner Rob Minkoff, der Animationsfilme für Disney umgesetzt hat, scheut sich nicht vor einer Zusammenarbeit. Er übernimmt die Regie bei «Storm Dogs», dem ersten Spielfilmprojekt, das nach einem Drehbuch von Particle 6 und durch KI-generierte Bilder entstehen wird – bevor Tilly in ihrem eigenen Film spielen wird. Mit KI erzeugte Bilder bezeichnet Van der Velden als «fotorealistische Animation». Diese Einstellung nimmt geschickt die Kritik an der leicht verfremdeten Ästhetik, zu der eine matte Farbgebung und eine kontrastarme Patina gehören, vorweg. Der Film erzählt von einem Abenteuer zwischen einer Gruppe von Hunden und einem zweijährigen Mädchen. «Weder mit Tieren noch mit Kindern möchte man freiwillig arbeiten, wenn man es vermeiden kann», so Van der Velden.
Mit Darstellenden, die an bestimmten Tagen missgelaunt sind, die sich in Skandale verwickeln, zu militant um ihre Rechte kämpfen, sich bestimmten Dingen verweigern, die politische Botschaften verbreiten, schlichtweg zu «kompliziert» sind, möchte auch niemand arbeiten. Das droht im Fall einer Tilly Norwood kaum. Ihre Meinung über Trump behält sie für sich, eine feministische Perspektive unterdrückt sie ebenfalls. Und sie wehrt sich auch nicht, wenn ein Moderator sexistische Fragen stellt wie «Würdest du dich ausziehen, wenn du einen Körper hättest?» oder «Würdest du lieber mit mir oder mit meinem Kollegen ausgehen?». Im Gespräch, das während der britischen Sendung «Piers Morgan Uncensored» stattfand, konnte man einen ersten Eindruck von Tilly erhalten: Viele ihrer Aussagen wirkten wie vorgelesene Wikipedia-Einträge, auffällig war auch, dass sie immer sehr kurz antwortete, und mehrfach wiederholte sie sich. Doch ab und an, überraschte sie auch mit Ironie.
Weitergehenden ethischen Fragen entzieht sich übrigens auch Tillys Schöpferin, etwa wenn es um die Bestärkung von konventionellen Schönheitsidealen geht. Nicht von ungefähr ist Tilly eine junge, attraktive, weisse Frau und nicht etwa das Produkt eines gesellschaftlichen Durchschnitts.
Tilly selbst jedenfalls sagt, sie sei keine Konkurrenz für echte Schauspieler und Schauspielerinnen. Und auch Van der Velden betont: «KI zu nutzen, bedeutet selbstverständlich, dass an einem Projekt immer noch Menschen beteiligt sind. Und sicherlich will ich nicht echte Schauspieler als solche ersetzen.»
Doch China hat diese neue Realität längst geschaffen. Über Nacht hat sich der über 3,3 Quadratkilometer grosse Studiokomplex in Hengdian geleert. Das IT-Unternehmen Bytedance, das unter anderem die Plattform TikTok führt und federführend in der Produktion von Mikrodramen fürs Mobiltelefon ist (siehe CB 555), produziert neu 95 Prozent davon mit KI-generierten Darstellern. Damit kosten die Produktionen nur noch ein Zehntel, die Umsätze vervielfachen sich.
In drei Monaten wurden 130'000 Serien veröffentlicht, mehr als dreimal so viele wie im ganzen Jahr davor. Wer soll das eigentlich alles schauen? Inhalte und Figuren fühlten sich schon vorher austauschbar an. Nun gibt es erste Widerstände von Nutzern und Nutzerinnen, die nicht immer die gleichen Gesichter sehen wollen.
Während viele schlagartig arbeitslos wurden, sehen einige, eher arrivierte Darstellende auch Chancen in dieser Entwicklung, die ihnen erlauben könnte, mehr Aufträge gleichzeitig zu übernehmen oder, wie Lawrence Ng, mühelos als sein 20-jähriges Selbst aufzutreten.
Die Tatsache, dass verschiedene Darstellende erfolgreich vor Gericht gezogen sind, weil die Produktionsfirmen ihre digitalen Avatare ungefragt genutzt haben oder neue ihnen sehr ähnlich gemacht haben, zeigt, dass dringend rechtliche Regulierungen, wie etwa klare Kennzeichnungen, von Nöten sind.
Übrigens entschlüpfte Van der Velden in Zürich der Satz: «China ist ein grosser Partner». Genaueres wollte sie nicht preisgeben.