Puppen, Stifte und Software

Puppen, Stifte und Software

Kathrin Halter 18. März 2018

An der Hochschule Luzern – Design & Kunst kann man Animation studieren – das ist schweizweit einmalig.
Ein Besuch am neuen Standort in der Viscosistadt in Emmenbrücke.

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Animation ist das Zaubermittel, das alles in
Bewegung versetzt. Doch was heisst schon
Bewegung? Figuren und Motive dehnen sich
oder zerfliessen, sie drehen und fallen, hüpfen
und springen, schrumpfen, explodieren. Und
damit ist noch nichts über Farben und Oberflächen gesagt, über Ästhetik und Stimmung
der Bildwelten. Auch das zeigt der Trailer zum
Bachelor Animation auf der Website der HSLU,
ein Zusammenschnitt von Abschlussfilmen der
letzten Jahre. Die kleine Leistungsschau führt
zugleich verschiedene Techniken vor, vom
handgemalten Zeichentrick bis zur Computer-
animation. Nice to meet you!

Seit 2002 wird an der Hochschule Luzern
ein Studium in Animation angeboten; bis heute
ist das schweizweit einmalig. Dank der Digitalisierung ist die Animation allerdings längst
in neue Bereiche vorgedrungen, ins Internet
also, zu den Games oder Mobile-Apps. Und
hier erwächst Luzern Konkurrenz von anderen
Hochschulen, der ZHdK zum Beispiel mit ihrer
Fachrichtung «Cast / Audiovisual Media», wo
ebenfalls mit neueren digitalen Erzählformen
im Netz experimentiert wird. Doch während
«Cast» – der Name leitet sich von Begriffen
wie Podcast oder Webcast ab – erklärungsbe-
dürftig bleibt und irgendwie modisch aufgepeppt anmutet, bietet das Animationsstudium
eine breitere Ausbildung. Auch Puppentrick-
Liebhaber finden hier Platz.

Rundgang in der Viscosistadt

Im Sommer 2016 ist die Hälfte der rund
600 Studierenden und 180 Mitarbeiter der Hochschule Luzern – Design & Kunst, der
früheren «Kunsti» Luzern, in die Viscosistadt
nach Emmenbrücke gezogen, darunter auch
die Fachrichtung Animation. 2019 folgt die
zweite Hälfte.

Auf dem über 80ʼ000 Quadratmeter grossen Areal der früheren Viscosefabrik haben
sich über 80 Firmen und Kreativbetriebe niedergelassen; das Departement Design & Kunst
hat sich im Bau 745 eingerichtet. Dieser wurde
für rund 24 Millionen vom Architekturbüro
EM2N aufwändig umgebaut, den Architekten
also, die schon den Umbau der Toni-Molkerei
für die ZHdK geschaffen haben.

Die 745 erblickt man schon von weitem,
so selbstbewusst markiert die Hausnummer
an der Aussenwand das Gebäude. Während
manche der alten Industriebauten hier eher
abweisend wirken, fühlt man sich im 745
gleich aufgehoben. Hohe Wände, warmes helles Licht, offen angelegte Grossraum-Ateliers.
Jürgen Haas, der Leiter vom Bachelor Animation und Dozent an der Schule, führt durch
das Haus. Es wird ein langer Rundgang durch
Filmstudios, Schnittplätze und Werkstatt (im
UG), das hauseigene Kino, Cafeteria und Ausstellungsflächen (im Erdgeschoss), die mit
dem Neubau ab 2019 noch erweitert werden.

In einem Lagerraum findet sich ein liebe-
voll hergerichtetes Set für einen Kinderfilm,
eine märchenhafte Miniaturlandschaft in
Grün, in deren Mitte eine kleine 360-Grad-
Kamera aufgebaut wurde. Damit haben zwei
Austausch-Studentinnen aus London und
Gent kürzlich Animationen hergestellt. Diese werden nun im Rahmen eines Forschungs-
projekts in Kooperation mit der SRG auf ihre
Wirkung hin untersucht.

In der Animationsabteilung auf der ersten
Etage teilen sich die Studierenden aller Jahr-
gänge ein Grossraum-Atelier. Mobile Stell-
wände grenzen die Arbeitsplätze voneinander
ab und schaffen ein Gefühl von Privatheit. In
Glasvitrinen im Gang entdeckt man Puppen-
trick-Figuren aus Knetmasse und Kunststoff,
an den Zwischenwänden haben Studenten
auffallend viele Plakate von Hollywood-
Grossproduktionen aufgehängt – die findet
Jürgen Haas manchmal zweifelhaft, bemerkt
das aber so nebenbei und abgeklärt wie ein
Lehrer, der sich schon mit ganz anderen Seltsamkeiten abgefunden hat.

Ein Kurzfilm über Mimik

An ihrem Arbeitsplatz warten zwei Bachelor-Studenten aus dem dritten Semester, Nina
Winiger und Louis Moerle. Aus einem Gestell
blicken einen ausgedruckte Papiergesichter
in Einmachgläsern an, die standen an einer
Halloweenparty im Kühlschrank, erzählen
sie grinsend. Beide arbeiten gerade an einem
Kurzfilm zum Thema Gesichter, ab Februar
wird dieser als Loop in der Ausstellung «Körpersprache / Mimik» im Historischen Museum
Baden laufen. Zur Ausbildung im zweiten
Bachelor-Jahr gehört eine Arbeit mit einem
Kooperationspartner.

Den beiden ist aufgefallen, dass es vor
allem Details sind, die man von Gesichtern
wahrnimmt, die Formung der Augenbrauen, achfältchen, solche Dinge. Von dieser Beob-
achtung ausgehend haben sie (mit einer wei-
teren Kollegin) aus gezeichneten Umrissen
zweier Gesichter eine Art Beziehungsreigen
entworfen: Ein Mann und eine Frau streiten,
flirten in neuer Formation wieder, es kommt
zu Sex und neuem Streit. Erste Entwürfe sind
auf Papier entstanden, danach wurde alles
digital und in mehreren Durchläufen auf-
gezeichnet. Louis Moerle findet zwar, dass
beim Zeichnen am Computer Detailreich-
tum, Charme, überhaupt «das Haptische»
verloren gehe, und Nina Winiger gefallen
die digitalen Farben weniger, das manchmal
Leblose und allzu Regelmässige von digital
gezeichneten Linien. Die Vorteile überwie-
gen aber letztlich, nicht nur weil man digital
leichter korrigieren kann, auch aus Zeitdruck
und Kostengründen.

Und wie geht es für beide weiter? Nina
Winiger plant noch ein Auslandsemester
in Gent, Louis Moerle denkt schon an den Abschlussfilm, daneben arbeitet er als Grafiker. Ein Masterstudium ist für beide keine
Option. Moerle kann sich vorstellen, nach
dem Studium in einer Firma oder in einem
«coolen kleinen Büro» in der Schweiz zu
arbeiten, Winiger möchte sich am liebsten
selbständig machen. Jobs gebe es ja genug,
auch im Ausland.

▶ Originaltext: Deutsch

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