Netflix' Umgestaltung der koreanischen Film- und Fernsehindustrie
Nam Seung Suk und Konshik Yu 31. Oktober 2025
Seit Beginn der Investitionen im Jahr 2016 hat Netflix den koreanischen audiovisuellen Sektor erheblich beeinflusst und verändert – mit tiefgreifenden Auswirkungen auf Inhalte, Produktionsbedingungen und die internationale Positionierung koreanischer Medienformate.
«Squid Game» erreichte 142 Millionen Haushalte in 190 Ländern. Die Serie stellt eine tektonische Verschiebung in der globalen Unterhaltungslandschaft dar und durchbricht die kulturelle Hegemonie, die Hollywood fast ein Jahrhundert lang über den weltweiten Unterhaltungsmarkt ausübte. Ohne eine globale Distributionsinfrastruktur wie Netflix wäre eine derart schnelle und umfassende kulturelle Resonanz kaum denkbar gewesen.
Zwischen 2016 und 2027 wird Netflix insgesamt 5 Billionen Won (2,9 Milliarden Franken) in die koreanische audiovisuelle Produktion investiert haben. Das geht weit über blossen Inhaltserwerb hinaus, es bedeutet eine umfassende Transformation der gesamten koreanischen Produktionsinfrastruktur. Netflix hat hochmoderne Produktionsanlagen eingerichtet, systematische Talentförderprogramme implementiert, langfristige Partnerschaften mit koreanischen Produktionsfirmen aufgebaut und die Ökonomie der koreanischen Inhaltserstellung grundlegend verändert.
Traditionelle Produktion
Bis in die frühen 2010er Jahre ähnelte die Produktion koreanischer Serien einem Kriegsgebiet. Die Dreharbeiten dauerten routinemässig bis wenige Stunden vor der Ausstrahlung. Die Bearbeitung erfolgte oft noch während der eigentlichen Sendung. Das erlaubte effiziente Produktionen bei begrenztem Budget und die Möglichkeit, Geschichten flexibel anhand von Zuschauerrückmeldungen anzupassen. Doch technische Fehler, Anschlussprobleme und erschöpfte Darstellende waren häufig. Statt mit vollständigen Drehbüchern zu arbeiten, erhielten Schauspielende ihre Seiten oft erst am Set, manchmal nur Minuten vor Drehbeginn. Sie mussten ihre Rollen ohne Kenntnis des Handlungsbogens spielen, und verliessen sich auf Intuition und Erfahrung.
Die Belegschaft arbeitete oft 72 Stunden am Stück, ruhte sich kurz zwischen Szenen aus und hatte nur einen Tag Pause, bevor sich der Zyklus wiederholte. Die körperlichen und psychischen Belastungen waren enorm. Mitarbeiter kollabierten vor Erschöpfung, erlitten Unfälle durch eingeschränkte Urteilsfähigkeit und entwickelten chronische Gesundheitsprobleme. Todesfälle durch Überarbeitung, Verkehrsunfälle oder Vorfälle am Set waren erschreckend häufig. 2012 kam ein Beleuchter bei einem Autounfall ums Leben, als er nach einer 72-stündigen Schicht auf dem Heimweg war. 2016 brach ein Produzent zusammen und starb an einem durch Überarbeitung verursachten Herzstillstand. Schauspielende, die während der Dreharbeiten energiespendende Infusionen erhielten, galten nicht als Opfer eines ausbeuterischen Systems, sondern als Symbole beruflicher Hingabe.
Verbesserungen
Der Einstieg von Netflix in die koreanische Produktion im Jahr 2016 brachte revolutionäre Veränderungen, nicht nur bei der Qualität der Inhalte, sondern in der gesamten Produktionskultur.
Netflix verlangt, dass Dreharbeiten vor Veröffentlichung vollständig abgeschlossen sind, das beseitigt das Chaos der «Live»-Produktion. Dadurch bleibt ausreichend Zeit für Feinarbeiten in der Postproduktion, und Schnittmeister können die gesamte Handlung überblicken. Die technische Qualität sowie die dramaturgische Kohärenz haben sich signifikant verbessert.
Auch die Arbeitsbedingungen haben sich radikal verbessert. Die arbeitsrechtlichen Reformen der Zeit und der Einfluss von Netflix führten zur konsequenten Umsetzung der 52-Stunden-Woche. Internationale Standards und Haftungsfragen machen die Einhaltung von Gesetzen unerlässlich. Umfassende Sicherheitssysteme sind inzwischen Standard, faire Entlohnung gilt zunehmend als Norm.
Gleichzeitig stiegen die Produktionskosten massiv an. Die Lohnkosten, 40 bis 50 Prozent der Gesamtbudgets, verzeichneten, insbesondere bei Autoren und Schauspielenden, die stärksten Anstiege. Die Gagen von Hauptdarstellenden schnellten von 500 Millionen (290'000 Franken) auf 2 bis 3 Milliarden Won (1,1 bis 1,7 Millionen Franken) pro Folge in die Höhe, ein Anstieg um das Vier- bis Sechsfache. Die Tagessätze technischer Mitarbeiter stiegen von 200.000 (115 Franken) auf 500.000 bis 700.000 Won (280 bis 400 Franken), eine Folge der längeren Arbeitszeiten für hochwertige Produktionen und der Knappheit erfahrener Fachkräfte.
Verlängerte Produktionszeiträume machen etwa 20 Prozent der Kostensteigerung aus. Wo früher eine 16-teilige Serie in 4 bis 5 Monaten produziert wurde, benötigen heutige Serien mit 8 bis 10 Folgen 6 bis 8 Monate. Die tägliche Ausbeute ist von 20 bis 30 Minuten fertigem Material auf nur 5 bis 10 Minuten gesunken, da jede Szene mehrere Aufnahmen, aufwändige Aufbauten und höchste Präzision erfordert. Auch die Postproduktion dauert doppelt so lang wie früher.
Technische Anforderungen treiben die Kosten zusätzlich um rund 20 Prozent in die Höhe. 4K-HDR-Kameras, riesige Datenmengen und die Verarbeitung sind um ein Vielfaches teurer als frühere HD-Produktionen. Die globalen Distributionsstandards schlagen mit den letzten 10 Prozent zu Buche: Musikrechte müssen für jede denkbare Region und dauerhaft geklärt werden.
Wirtschaftliche Widersprüche
Mehr Kosten bedeuten nicht mehr Gewinn. Das «Buy-out»-Modell von Netflix schliesst eine nachgelagerte Monetarisierung über klassische Erlösquellen wie Lizenzen, Zweitverwertung oder Vermarktung faktisch aus. Während bei traditionellen Produktionen erfolgreiche Serien jahrelang Einnahmen generierten, gibt es bei Netflix nur Einmalzahlungen. Zudem ist die weltweite Sichtbarkeit keineswegs garantiert, da Algorithmen entscheiden, welche Inhalte in welchen Märkten hervorgehoben werden. Ein koreanisches Werk kann also trotz «globaler» Verfügbarkeit unter dem Radar bleiben.
Hinzu kommt: Die Produktion koreanischer Dramen befindet sich in einer Abwärtsspirale. Von 141 Produktionen im Jahr 2022 auf prognostizierte 80 im Jahr 2025, was einen Rückgang um 43 Prozent in nur drei Jahren bedeutet. Das ist kein normaler Zyklus, sondern eine strukturelle Veränderung. Der mittlere Markt, einst Heimat für innovative Formate und Nachwuchstalente, ist fast verschwunden. Übrig bleiben teure Grossproduktionen oder billige Reality-Shows. Serien mittlerer Preisklasse finden weder Plattformplätze noch Investoren. Entsprechend sind die Fachkräfte gebunden, der Autorenfilm liegt brach, die Förderung von Nachwuchs ist auch beschränkt.
Netflix hat zudem angekündigt, seine Investitionen in Japan zu verdoppeln, während die Finanzierung für Korea gleich bleibt. Dass das «Content Showcase 2025» in Tokio statt in Seoul stattfand, sendet ein deutliches Signal. In Japan liegen die Produktionskosten in allen Kategorien bei 50–60 Prozent des koreanischen Niveaus. Das liegt nicht an schlechterer Qualität, sondern an anderen Strukturen, reifer Infrastruktur und etablierten Lieferketten. Grosse koreanische Firmen produzieren bereits in Japan.
“Die Produktion koreanischer Dramen befindet sich in einer Abwärtsspirale. Von 141 Produktionen im Jahr 2022 auf prognostizierte 80 im Jahr 2025, was einen Rückgang um 43 Prozent in nur drei Jahren bedeutet.”
Aktive Unterstützung
Staatliche und institutionelle Förderung muss sich zu einer strategischen Entwicklung der Rahmenbedingungen wandeln. Produktionsunterstützung muss massiv ausgeweitet werden, um international mithalten zu können. Eine Erhöhung auf 500 Milliarden Won (288 Millionen Franken) pro Jahr (aktuell bei 100 Milliarden, 57 Millionen Franken) würde ambitioniertere Projekte ermöglichen und die Abhängigkeit von Plattformen verringern. Rückflüsse könnten investiert werden, etwa in der Förderung und Ausbildung von Talenten und Mitarbeitenden.
Internationale Produzentenprogramme würden Führungskräfte hervorbringen, die sich im globalen Geschäft und interkulturell sicher bewegen. Technische Schulungen müssen zukünftige Anforderungen wie virtuelle Produktion oder KI-Einsatz abdecken können. Investitionen in Studios, die weltweiten Standards genügen, würden internationale Produktionen anziehen und gleichzeitig dem heimischen Markt dienen, Postproduktionsbedingungen auf Hollywood-Niveau würden Qualitätsengpässe eliminieren.
Die Entscheidungen der kommenden Jahre werden bestimmen, ob koreanische Kulturprodukte nur eine vorübergehende Erscheinung bleiben, oder ein globales Erbe werden. Wird wirtschaftlicher Druck dazu führen, dass koreanische Inhalte primär auf algorithmisch optimierte Standardformate reduziert werden? Oder gelingt es, tragfähige Modelle für kreative Exzellenz zu schaffen? Werden Plattformen kreative Fachkräfte zu beliebig ersetzbaren Ressourcen degradieren, oder kann kollektives Handeln langfristig gerechte Teilhabe an der Wertschöpfung sichern?
Dieser Text ist eine Zusammenfassung des internationalen Vortrags an der Yonsei-Universität in Seoul im Rahmen der Konferenz «Is Netflix Riding the Korean Wave Or Vice Versa? Shifting Local and Global Relations» vom 18. Juli 2025.