Boris Lojkine und Souleymanes Geschichte
Unser Gespräch mit dem Regisseur von «L'histoire de Souleymane» über die Verantwortung für die Geschichte eines anderen. Der Film wird in der Schweiz über Trigon-Film vertrieben.
Giuseppe Di Salvatore 29. Oktober 2024
Im suggestiven Werk des Waadtländer Regisseurs steht der Mensch stets im Zentrum.
Um Manuel von Stürler und sein Werk zu beschreiben, reicht es, die Eröffnungsszene seines ersten Langfilms «Hiver nomade» (2012) zu schildern, der den Europäischen Filmpreis als bester Dokumentarfilm gewann: Ein Mann und eine Frau in zeitloser Kleidung treiben eine riesige Schafherde durch die verschneite Landschaft der modernen Schweiz. Die Kamera von Camille Cottagnoud und der Ton von Marc von Stürler vermitteln eine fantastische Landschaft, in die das Publikum eintaucht. Diese Mischung aus Information und Kontemplation in oftmals harschen Situationen definiert von Stürlers Werk als suggestive, spür- und hörbare Erfahrung – Grundwerte des Dokumentarfilms.
Für den aus Lausanne stammenden Filmemacher war die Herdenwanderung die «Offenbarung», die ihn nach Jahren als Musiker und Theaterkomponist zum Film brachte, wo er sich an die langen Produktionszeiten von Dokumentarfilmen gewöhnte. «Ich nehme mir gerne Zeit, um mich mit dem Thema auseinanderzusetzen und Ideen aufkeimen zu lassen – wie beim Brotbacken», so von Stürler zur Entstehung von «Hiver nomade». Dieses Zeitnehmen reicht von den Recherchen bis zur Zusammenarbeit mit Schnittmeisterin Karine Sudan. Dies zeigt sich auch in den Vorbereitungen zu «Siriri – Le cardinal et l’imam» (2021) oder beim Kurzfilm «Le Dugo» (2023), zwei Projekte, bei denen individuelle Porträts und politische Fragestellungen in einem universellen Humanismus verschmelzen. «Ich bin daran interessiert, vorgefasste Meinungen zu brechen. Als Bergler hatte ich bereits in meiner Kindheit das Bedürfnis, hinter die Berge zu schauen». Diese Neugier befriedigt er buchstäblich in seinem letzten Filmprojekt «Matterhorn Circus», das die unbekannte Seite eines Berges erkundet, der zum abstrakten und kommerziellen Wahrzeichen wurde. «Als Regisseur ist es meine Aufgabe, zu differenzieren». Auf dieser Überzeugung beruht auch die Kraft von «Hiver nomade», denn der Film verzichtet auf Nostalgie und stellt sich stattdessen der heutigen Zeit, in der Pascals und Caroles Herde zugleich Streitpunkt und Utopie ist.
In all seinen Filmen stellt von Stürler diesen Gegensatz zwischen Schwierigkeit und Positivität her. Egal ob es um aus der Zeit gefallenes Nomadentum oder die Instrumentalisierung von Religion geht: Er begibt sich stets ins Auge des Sturms, um eine Geschichte zu erzählen, die nicht nur Fakten darlegt, sondern Hoffnung gibt. «Aus Bedrängnis entsteht Kreativität», so der Regisseur, und fügt nicht unbewegt hinzu: «Dies widerspiegelt auch meine persönliche Geschichte». Tatsächlich spricht der Regisseur in «Fureur de voir» (2017) offen über seine schwere Augenkrankheit und zeigt, wie ein Verlust zur Achtsamkeitsübung und zum Weg der Erkenntnis werden kann. «Ich erkenne in ihm einen Filmemacher, der sein Ziel mit unnachgiebiger Entschlossenheit verfolgt und nie aufgibt», so Claude Muret, Ko-Drehbuchautor seiner ersten beiden Filme und Leitfigur für von Stürler. «Vor allem aber erkenne ich einen freien, brüderlichen Mann ohne Vorurteile, mit grosser Menschlichkeit und einer phänomenalen Überzeugungs- und Verführungskraft».