«Man kann eine erfolgreiche Online-Kampagne und ausverkaufte Vorpremieren haben, aber dennoch wenig Kinoeintritte»
Stéphanie Torche und Sedina Delić-Tanović. © DR / Darrin Vanselow

«Man kann eine erfolgreiche Online-Kampagne und ausverkaufte Vorpremieren haben, aber dennoch wenig Kinoeintritte»

Adrien Kuenzy 5. April 2026

Es war noch nie so schwierig, das richtige Publikum zu finden. Bei Cineworx entwickeln Stéphanie Torche und Sedina Delić-Tanović, die Leiterin beziehungsweise die Kommunikationsbeauftragte für die Westschweiz, bereits ab der Ankaufsphase Strategien, um die Sichtbarkeit von Schweizer und internationalen Filmen zu gewährleisten.

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Ab wann beginnen Sie, sich Gedanken zur Kommunikation zu machen?

Torche: Die Kommunikation beginnt bereits, sobald man ein Drehbuch liest oder einen Film sieht, noch bevor man ihn kauft. Das kann in Cannes sein, auf einem Festival oder einfach über einen Link. Die erste Frage, die wir uns stellen, lautet: Gibt es in der Schweiz ein Publikum für diesen Film? Wir überlegen sofort, wer daran interessiert sein könnte, wie wir diese Zielgruppe erreichen könnten und ob das realistisch ist. Wir nutzen insbesondere ProCinema, um die Ergebnisse vergleichbarer Filme zu analysieren. Wir schauen uns die Besucherzahlen an, die Regionen, in denen sie erfolgreich waren, und die Art des Publikums. Das gibt uns eine konkrete Grundlage, um das Potenzial einzuschätzen. Und manchmal lieben wir ein Drehbuch oder einen Film, entscheiden uns aber gegen den Kauf, weil wir glauben, dass er kein Publikum finden wird. Das ist eine schwierige Entscheidung, aber die Realität des Marktes ist entscheidend.

Sobald der Film eingekauft ist, wie entwickeln Sie die Strategie?

Delić-Tanović: Für jeden Film wird ein spezifisches Marketingkonzept erstellt. Wir identifizieren die Zielgruppen und überlegen uns, wie wir sie konkret erreichen können. Dies kann durch Partnerschaften mit Vereinen, Institutionen und Gemeinschaften geschehen, die direkt von den Themen des Films betroffen sind. Wir organisieren Sondervorführungen, Veranstaltungen und Kooperationen. Diese Arbeit ist sehr zielgerichtet. Das Ziel ist es, konkrete Anknüpfungspunkte zu schaffen, die ein reales Publikum mobilisieren können.

Torche: Die Strategie wird auch an die Sprachregionen angepasst. Die Westschweiz steht unter starkem Einfluss Frankreichs, während die Deutschschweiz eher nach Deutschland und das Tessin nach Italien blickt. Daher muss der benachbarte Kontext berücksichtigt werden. So unterscheidet sich beispielsweise die Medienpräsenz je nach Sprachregion und wird direkt von den Nachbarländern beeinflusst.

Haben Sie eine Diskrepanz zwischen Sichtbarkeit und den Einspielergebnissen festgestellt?

Delić-Tanović: Ja, ganz klar. Der Fall von «Berlinguer» ist ein gutes Beispiel. Die Kampagne lief sehr gut, es gab viel Aufmerksamkeit, viel Engagement im Internet, und die Vorpremieren waren ausverkauft. Alles deutete darauf hin, dass der Film gut laufen würde. Letztendlich verzeichnete er in der Schweiz jedoch nur 4’500 Besucher, davon ein Drittel in der Westschweiz. Das ist kein schlechtes Ergebnis, aber es liegt unter dem, was man angesichts der anfänglichen Begeisterung hätte erwarten können. Das zeigt, dass es nicht immer einen direkten Zusammenhang zwischen Sichtbarkeit, Online-Engagement und den tatsächlichen Besucherzahlen gibt.

Ermöglichen die Vorpremieren, also nicht immer den Erfolg vorauszusehen?

Delić-Tanović: Nein. Wir haben solche Situationen schon erlebt: sehr gut besuchte Vorpremieren, grosses Interesse und der Eindruck, dass ein Film gut ankommen wird … doch die Besucherzahlen entsprechen nicht unbedingt den Erwartungen. Das zeigt, dass die Dynamiken unterschiedlich sein können und es schwierig ist, die Ergebnisse immer vorherzusagen. Umgekehrt kommt es auch vor, dass eine Vorpremiere weniger gut besucht ist und der Film dennoch später in derselben Stadt bei seinem Kinostart grossen Erfolg hat, insbesondere wenn sich Mundpropaganda verbreitet.

Torche: Und manche Filme sind auch ohne solche Begegnungen mit dem Publikum sehr erfolgreich. «La petite dernière» beispielsweise lief nach seiner Teilnahme am Filmfestival von Locarno in den Kinos sehr gut, obwohl es keine Vorpremieren gab.

Arbeiten Sie auch basierend auf vergangenen Resultaten?

Delić-Tanović: Ja. Wir analysieren Kampagnen und Zugriffe systematisch. Wir betrachten die investierten Budgets, die durchgeführten Massnahmen und die erzielten Ergebnisse. Wir versuchen zu verstehen, was funktioniert hat und was nicht. Aber es gibt kein Patentrezept.

Torche: Ja, und diese Analysen ermöglichen es uns vor allem, unsere Strategien zu verfeinern. Jeder Kinostart bleibt jedoch ein Sonderfall, da viele Faktoren eine Rolle spielen, vom Film selbst bis hin zum Kontext des Kinostarts.

Hat sich der Markt in den letzten Jahren verändert?

Torche: Ja, auf jeden Fall. Es gibt immer mehr Filme, und immer weniger davon kommen gut an. Der Markt ist schwieriger geworden, und das Publikum hat seine Gewohnheiten geändert.

Wie passen Sie Ihre Arbeit dieser neuen Realität an?

Torche: Wir versuchen, präziser und zielgerichteter vorzugehen. Wir arbeiten verstärkt mit bestimmten Partnern, Gemeinschaften und konkreten Ansprechpartnern zusammen. Wir analysieren die Daten und Ergebnisse und passen unsere Strategien ständig an.

Delić-Tanović: Aber es bleibt immer ein gewisser Grad an Unvorhersehbarkeit. Man kann alles tun, was nötig ist, und trotzdem kann das Ergebnis anders ausfallen als erwartet. Das ist eine Realität, mit der wir arbeiten müssen.

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