Die RTS baut in Ecublens ihre neue Produktionsmaschine
Der neue Standort auf dem Campus der EPFL vereint Radio, Fernsehen und Digitales unter einem Dach. Der Fokus liegt auf Öffnung gegenüber dem Publikum, Modularität und Bündelung der Mittel.
Teresa Vena 9. Januar 2026
Dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen in der Erziehung junger Menschen zur kompetenten Mediennutzung eine sinnvolle Rolle übernehmen könnte, ist offensichtlich. Entsprechend sollte ein angemessenes Angebot für diese Bevölkerungsgruppe höchste Priorität haben.
Verliere man eine Generation an eine Kultur, die die eigene Wertbasis nicht teile, verliere man sie vollständig als aktives Mitglied der eigenen Gesellschaft. «Will man wirklich, dass sie von irgendeinem Algorithmus beeinflusst wird oder doch lieber von einem vielfältigen, verantwortungsvoll gestalteten Fernsehangebot?». Diese markanten Worte fielen während des Kids Film Forum in Luzern. Greg Childs, britischer Medienberater und langjähriger Produzent bei der BBC, unterstrich wiederholt, welche Verantwortung dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen zukommt, wenn es darum geht, jungen Menschen Kompetenzen im Umgang mit den Medien und ihren Inhalten zu vermitteln.
Um das junge Publikum zu erreichen, ist Innovation gefragt. Das lineare Fernsehen steckt bei allen Altersgruppen in der Krise. Junge Menschen konsumieren mediale Inhalte Online, die sozialen Medien und Youtube machen einen wichtigen Teil davon aus. In der Schweiz ist 2025 eine Jugendschutzreform in Kraft getreten, die Onlineplattformen fortan verpflichtet, ihre Inhalte mit Altersangaben zu versehen und den Zugang dazu entsprechend zu kontrollieren. Youtube, Statistiken zu Folge die bei jungen Menschen meistgenutzte Plattform, wehre sich, informierten Quellen zufolge, bisher erfolgreich dagegen mit der Begründung, das Angebot nicht selbst zu produzieren.
“Will man wirklich, dass sie von irgendeinem Algorithmus beeinflusst wird oder doch lieber von einem vielfältigen, verantwortungsvoll gestalteten Fernsehangebot?”Greg Childs
Youtube schädige Kinder und Jugendliche mit schlechten Inhalten, ihre intellektuelle und emotionale Entwicklung leide genauso sehr wie ihre Fähigkeit wahrzunehmen, was gutes Geschichtenerzählen sei. Nicht zu vergessen, dass die gesamte audiovisuelle Industrie Schaden nehme, unter anderem weil alle Werbeeinnahmen (ein jährlicher Umsatz von 15 Milliarden US-Dollar) hier gebündelt würden. «Wir müssen dort präsent sein, wo das Publikum ist», so Childs. Gerade weil er Youtube für eine äusserst gefährliche Plattform hält, ist er der Meinung, dass öffentliche Fernsehsender mit ihrem wertvollen, kuratierten Angebot dort sichtbar sein sollten, um ein Gegengewicht zu stellen.
An einem Programm auf Abruf führt auf jeden Fall kein Weg vorbei. Im Fall der SRG bedeutet dies im Moment, dass es auf den Mediatheken ihrer verschiedenen Sender verfügbar ist. Die geplante gemeinsame Plattform Play+ soll später alles vereinen. Auf die Art und den Umfang der Inhalte für ein junges Publikum wird das keinen grossen Einfluss haben. Bisher wird viel, vor allem in der Fiktion, davon eingekauft, anderes entsteht im Rahmen des Pacte de l’audiovisuel (Siehe CB 538) oder wird mit Fokus auf Dokumentarisches selbst produziert, wie mit dem neuen Format «SRF Kids Inside», das sogar einen Sendeplatz auf SRF1 bekommt. Man ist sich einig, es könnte - müsste - mehr sein. Beim Kids Film Forum kam unter anderem der Wunsch auf, im Alltag der Kinder präsenter sein zu wollen, indem man sie in Inhalte integriert, die sich an sie richten. Die SRG steht vor vielen Baustellen. Jetzt ergibt sich die Gelegenheit, Prioritäten neu zu schärfen.
Als Teil des Service public ist die SRG der Vielfalt verpflichtet, sie muss «alle Bevölkerungsgruppen» in ihr Angebot einbeziehen. Dazu gehören auch die Jungen, also die bis 18-Jährigen, die zurzeit 27 Prozent der Schweizer Bevölkerung ausmachen. «Ein Angebot für ein junges Publikum ist kein einfaches Plus, es bedeutet Zukunft», so Andrea Fehr von SRF Kids. «Sie werden einmal entscheiden, ob es überhaupt irgendwann noch einen öffentlich-rechtlichen Fernsehdienst geben wird». Was für sie gemacht wird, definiert auch sonst, welche Stellung man Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft zumessen will. Man kann entschieden dazu beitragen, dass sie zu mündigen Bürgern heranwachsen.

Dazu gehört es, ihnen die Techniken der Informationsproduktion beizubringen. Das macht SRF mit den Medienworkshops, mit denen es in Schulklassen geht und ein Segment für die wöchentliche Nachrichtensendung von SRF Kids produziert. Für Jugendliche ab etwa 13 Jahren fehlt es bisher an ähnlichen Instrumenten. Das Beispiel des lettischen Fernsehens mit seiner «Media Academy», die Jugendlichen ein monatelanges Durchlaufen aller Stationen und Abteilungen im Sender ermöglicht, wirkt inspirierend. Die Verantwortliche Agnese Štrause-Kubliņa schwärmt: «Wir bilden die nächsten Talente des öffentlich-rechtlichen Fernsehens aus.»
Diese Teilhabe steht im Zentrum auch der Bemühungen von Annemie Gulickx für das flämischsprachige Fernsehen in Belgien. Ketnet ist zu einem eigenen Untersender von VRT herangewachsen, der sein Budget unabhängig verwaltet und den grössten Teil seines Angebots, fiktionale Geschichten, Reportagen, Spiele, Podcasts und mehr, für Kinder ab 1 bis 18 Jahren selbst produziert. «Wir wollen, dass sich jedes Kind, ganz egal welchen Alters und Hintergrunds, mit unseren Inhalten identifiziert».