Gleichstellung bei Filmfestivals
Anaïs Emery, künstlerische Leiterin des Geneva International Film Festival (GIFF), und Émilie Bujès, künstlerische Leiterin von Visions du Réel, über die Gleichstellung der Geschlechter.
Sarah Stutte 19. September 2025
Die 42-Jährige Reta Guetg ist neue Vize-Direktorin und Mitbesitzerin des Zurich Film Festival. Ein Porträt über eine Frau, die lieber gestaltet als glänzt – und dabei Haltung zeigt.
Sie drängte sich nie ins Rampenlicht. Reta Guetg zog es hinter die Kulissen. Dorthin, wo Fäden gezogen, Teams zusammengeführt und Programme mit Weitsicht gestaltet werden. Nun aber steht sie selbst im Fokus: als neue Vize-Direktorin des Zurich Film Festival (ZFF). «Ich musste lernen, präsenter zu sein», sagt sie. Eine Aussage, die viel über ihren Weg und ihren Führungsstil verrät.
Aufgewachsen in Bern, war Film früh ein wichtiger Teil ihres Lebens. Das erste Kinoerlebnis – Loriot – blieb haften. «Der Humor war nicht gerade kinderleicht», erinnert sie sich. Später brachte die Mutter einen Videorekorder nach Hause – mit «E.T.». «Auch das hat sich mir eingebrannt.» Im Gymnasium wurde ihr klar: Film ist die Kunstform, die alles vereint, was sie fasziniert: visuelle Sprache, Erzählkunst, Musik, gesellschaftliche Fragen.
Das Studium der Filmwissenschaft, Publizistik und Sprachwissenschaft war folgerichtig. Kritik oder Theorie standen dabei nicht im Vordergrund, vielmehr der Wunsch, Diskurse anzustossen. Früh engagierte sie sich beim Aufbau des Kurzfilmfestivals Shnit in Bern. «Ich bin da einfach reingerutscht – typisch für meinen Lebensweg», sagt sie. Neugier, Intuition und Offenheit waren oft ihr Kompass.
Am ZFF prägte sie als Co-Programmleiterin und Leiterin des Industry-Programms die Inhalte, dezent, aber einflussreich. Vieles geschehe hinter den Kulissen, so Guetg. In engem Austausch mit Entscheidungsträgern aus Hollywood bringt sie seit Jahren renommierte Gäste zur Industry-Konferenz, dem Zurich Summit. Mit der neuen Funktion tritt sie nun noch stärker in Erscheinung. «Ich bin nicht jemand, der laut ist», sagt sie. «Aber ich habe gemerkt, dass Sichtbarkeit dazugehört, wenn man mitentscheiden will.»
Die neue Rolle ist nicht nur ein Karriereschritt, sondern auch ein Zeichen. «Führungsrollen können ganz unterschiedlich ausgefüllt werden», sagt sie. «Ich bin, wie ich bin – und genau das soll auch möglich sein.» Eine junge Praktikantin sagte einmal: «Wenn ich älter bin, möchte ich werden wie Du.» Ein Satz, der Guetg berührte, und ihr bewusst machte, dass Vorbildsein auch Verantwortung bedeutet, umso mehr nun auch als Mitbesitzerin des ZFF und als Unternehmerin.
“Viele Entscheidungen werden von Männern getroffen. Das prägt auch, was letztlich auf der Leinwand zu sehen ist.”Reta Guetg
Als Frau in der Filmbranche hat sie gelernt, genau hinzuhören – und öfter das Wort zu ergreifen. «Oft sind es subtile Dinge. Dass ein Vorschlag erst ernst genommen wird, wenn ihn ein Mann wiederholt.» Heute traut sie sich eher, solche Vorurteile anzusprechen, auch wenn es Überwindung kostet.
Ein zentrales Anliegen ist ihr Diversität – auf der Leinwand und dahinter. Sie schätzt die kuratorische Freiheit des ZFF, wo neben grossen Namen auch unbekannte Stimmen Gehör finden. «Film soll ein Spiegel verschiedenster Lebensrealitäten sein.» Dass im Programmbereich des Festivals inzwischen mehrheitlich Frauen arbeiten, ist für sie ein bedeutender Schritt, hin zu neuen Blickwinkeln und Erzählweisen.
Auch ausserhalb des ZFF setzt sie sich dafür ein, etwa im Netzwerk SWAN, das sich für Gleichstellung in der audiovisuellen Branche engagiert. Zwar erkennt Guetg Fortschritte, gerade bei jüngeren Filmschaffenden. Doch bei grossen Budgets oder prestigeträchtigen Positionen sei die Branche noch immer männerdominiert. «Viele Entscheidungen werden von Männern getroffen. Das prägt auch, was letztlich auf der Leinwand zu sehen ist», sagt sie.
Die Verantwortung, ein Vorbild zu sein, nimmt Reta Guetg ernst – auch wenn sie sich selbst nie bewusst in diese Rolle gedrängt hat. Vielleicht wirkt sie gerade deshalb: Weil sie zeigt, dass man nicht laut sein muss, um etwas zu bewegen.