Im letzten Sommer wurde bekannt, dass das Unispital Basel, die Produktion seines neuen Präsentationsvideos an eine Berliner Firma vergab. Auftragsfilmemacher aus Basel zeigten sich darüber konsterniert: Es sei essenziell für die Schweizer Film- und Medienlandschaft, dass öffentliche Institutionen heimische Agenturen und Produktionen berücksichtigten, um Fachwissen und Arbeitsplätze nachhaltig im Land zu halten, so beispielsweise Tizian Gruner von Grunerfilms.
Nun, da die Gesetzgebung dies nicht vorschreibt, obliegt ein solches gefordertes Verhalten einerseits der Eigenverantwortung des Betriebs und ist andererseits auch nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Die Schweiz verpflichtet sich als Mitglied der WTO, staatliche Beschaffungen von Gütern, Baumassnahmen und Dienstleistungen auf Ebene des Bundes, der Kantone und Gemeinden einem geregelten Vergabeverfahren zu unterziehen. Aufträge ab einer Summe von 250'000 Franken müssen zwingend öffentlich ausgeschrieben werden. Der Zuschlag muss an das «günstigste» (seit 2012 ist der Preis nicht alleinig ausschlaggebend) Angebot gehen, ob im Inland oder Ausland. Aus diesem Grund kann die SBB einen Auftrag zum Beispiel an die deutsche Siemens vergeben – oder sie muss eben auch.
Der Umfang der staatlichen Beschaffungen wird in der Schweiz auf jährlich 42 Milliarden Franken geschätzt, dazu kommt die Privatwirtschaft. Eine Studie der Swissfilm Association ermittelte, dass die Schweizer Auftragsfilmbranche eine Wertschöpfung von etwa 230 Millionen Franken jährlich erzielt, wobei auf jeden investierten Franken ein Franken Wertschöpfung fällt.
Soll man von einem Unternehmen, das seinen Umsatz mehrheitlich in der Schweiz generiert, erwarten, dass es mit seinen Aufträgen eine Wertschöpfung hauptsächlich in der Schweiz garantiert, um die Schweizer Kreativwirtschaft zu erhalten? Das ist offenbar ein heikles Thema. Das Unispital Basel lässt sich, auch auf Anfrage dieser Zeitschrift, nicht auf eine Diskussion dazu ein. Anfragen an Unternehmen wie Migros, TCS, Axpo, Biosuisse, Watson oder etwa Postfinance wurden abgelehnt oder blieben unbeantwortet.
«Swissness»
Swissfilm Association zeichnet mit den Edi-Preisen jährlich die besten Arbeiten aus der Schweizer Auftragsfilmbranche aus. «Seit 2025 müssen bei den Einreichungen mindestens 50 Prozent der Wertschöpfung in der Schweiz erfolgt sein», so Roger Zürcher, Vorstandsmitglied des Verbands und Mitgründer und Inhaber der Animationsfilmproduktion Vaudeville Studios. Das «Swissness»-Manifest formuliert Grundsätze, die «die Schweizer Produktionslandschaft nachhaltig fördern» sollen. Die Mitglieder treten dafür ein, Produktionen nur bei sachlicher Notwendigkeit auszulagern. «Das ermöglicht faire Löhne und Arbeitsbedingungen und sichert dem Nachwuchs eine Zukunftsperspektive.» Das Manifest unterstreicht auch den identitätsstiftenden Faktor: «Unsere Werke tragen dazu bei, die Mehrsprachigkeit und Vielfalt der Schweizer Kultur, Landschaft und Identität sowie die Kreativität unserer Branche sichtbar und national wie international erlebbar zu machen.»
Die Entscheidung, einen Auftrag ins Ausland zu vergeben, wird meist mit einem Kostendruck begründet. Sie kann auf verschiedenen Ebenen getroffen werden: Beim Auftraggeber, bei der Agentur oder bei der Produktion. Die Verantwortung teilt oder schiebt man sich gegenseitig zu. Um nur ein prominentes Beispiel zu nennen: Die kultige Schadenskizzen-Werbekampagne der Mobiliar wurde zwar bei der Zürcher Agentur Jung von Matt konzipiert, die Animation aber von einem Studio in Buenos Aires ausgeführt (Siehe CB 539). Swissfilm Association hat eine Liste ähnlicher Fälle, bei denen Schweizer Unternehmen Auftraggeber sind, gesammelt. Auffällig ist dabei, dass einige der figurierenden Produktionsfirmen einen Sitz in der Schweiz, aber auch im Ausland haben. Auch hier war es vielfach unmöglich, entsprechende Gespräche zu führen.
Martin Dreschers Firma Aviaticfilms (Interview online) führe zu 98 Prozent der Arbeiten innerhalb der Schweiz durch. Er zeichnet ein grundsätzlich positives Bild: «Schweizer Unternehmen legen grossen Wert darauf, mit Schweizer Produktionen zusammenzuarbeiten», ergänzt aber: «Der Schweizer Markt besitzt enorm viele Talente. Die Schweiz ist jedoch teuer und manche Ideen lassen sich mit dem vorhandenen Budget schlicht nicht umsetzen».
Dass es im Ausland aber nicht immer günstiger sei, zeigt Tizian Gruners (Interview online) Überlegung zu einem Dreh in Lettland: «Wir hätten vielleicht mehr Mitarbeiter vor Ort bekommen, die Qualität hätte aber gelitten.» In der Schweiz arbeite man zwar oft mit kleineren Teams, doch deren Agilität, Vielseitigkeit und Effizienz seien wertvoller als die reine Masse im Ausland. Daniel Vila von Haushaltsgeräte V-ZUG bestätigt: «Die Schweizer Auftragsfilm- und Agenturlandschaft schätzen wir als sehr professionell, qualitativ hochwertig und breit aufgestellt ein».
«Die überwiegende Mehrheit aller Aufträge vergeben wir in der Schweiz», sagt Caspar Frey von Coop. «Schweizer Herkunft hat nicht nur beim Sortiment oberste Priorität, sondern auch bei der Wahl von Partnern, mit denen wir zusammenarbeiten. Wir schätzen die Nähe und die Qualität, die wir mit hier ansässigen Unternehmen verbinden.», so René Emmerich, Marketingleiter bei Denner AG (Interview online).
Philipp Steiner von Oslo Studios, der wie Grunerfilms ebenfalls fast ausschliesslich in der Schweiz produziert, sieht die Nachwuchssituation kritisch. Der Markt und damit die Ansprüche an die Qualität hätten sich massiv verändert. «Kompetenzen gehen verloren», so Steiner, und Drescher ergänzt, dass meist nur noch «Content Creator» heranwüchsen: «Viele Mediamatiker arbeiten direkt bei Unternehmen. Die Unternehmen setzen auf günstige Social-Media-Inhalte, anstatt sich gezielt mit hochwertigen Produktionen zu positionieren». Dazu passen im übrigen die Bemühungen von Swissfilm Association, die den neuen eidgenössisch anerkannten Studiengang «Multimedia Content Creator» begründet hat.
Rückmeldung von TCS
«Grundsätzlich arbeitet der TCS für Filmproduktionen mit Schweizer Anbietern zusammen. Neuestes Beispiel ist die Kampagne für den Reiseschutz, bei dem Addictive Films aus Zürich zum Zug kam. Der Jubiläumsfilm zum 125 Jahre-Jubiläum wurde von freestudios aus Genf realisiert.» Marco Wölfli, Pressesprecher TCS