Eine Gruppe engagierter Filmschaffender folgte Anfang November der Einladung, am ersten «Kids Film Forum» an der Hochschule Luzern – Design Film Kunst teilzunehmen. Der vom Verein und der Vermittlungsplattform Zoomz initiierte «Industry Day» widmete sich einem erstaunlich wenig beachteten Arbeitsfeld: dem Dokumentarfilm für Kinder und Jugendliche. In zwei Vorträgen von Expertinnen, einer Fallstudie und einem abschliessenden Podiumsgesprächs wurde das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven angegangen.
Für die Umsetzung des «Kids Film Forum» schloss der in Luzern ansässige Verein sich mit dem Schweizer Kinder- und Jugendfilmfestivals Castellinaria sowie dem Festival Cinéma Jeune Public zusammen. Mit dem neuen Format baut Zoomz das eigene Angebot als Plattform für Film- und Medienbildung weiter aus: Während sich das «Zoomz Filmfestival Luzern» und die «Zoomz Filmtage Zentralschweiz» – die als flexibles mehrtägiges Bildungsangebot für Zentralschweizer Schulen konzipiert sind – mit auswählten Filmprogrammen an ein junges Publikum richten, wendet sich das «Kids Film Forum» an die potenziellen Macher und Macherinnen der Filme.
Zielpublikum
Vor dem Sprung in die Praxis unternahm Gudrun Sommer (Leiterin von Doxs Ruhr) in einem ersten Schritt den Versuch einer genaueren Definition. Sie ging anhand von Beispielen der Fragen nach, worin sich Dokumentarfilme für ein junges Zielpublikum unterscheiden und welche Erkenntnisse sich für die Stoffentwicklung ableiten lassen. Kinderdokumentarfilme sind oft Kurzfilme, die in der Länge stark variieren können (zwischen 15 bis 35 Minuten) und sie richten sich an Kinder im Alter zwischen etwa sechs und zwölf Jahren. Als Protagonisten treten oftmals Kinder auf, die von ihren besonderen Herausforderungen im Alltag erzählen. Die Filme behandeln globale Themen wie Inklusion und Migration («Waking up in silence» von Daniel Asadi Faezi und Mila Zhluktenko) oder geben private Einblicke in Familiengeschichten («From that moment on, everything changed» von Eef Hilgers).
Formal handelt es sich oftmals um klassische Dokumentarfilme, wobei der Einsatz von Animationen («Alienation» von Laura Lehmus) helfen kann, schwere Themen spielerisch zu vermitteln. Die grundlegendste Herausforderung sieht Gudrun Sommers aber in den falschen Vorstellungen von kindergerechten Filmformaten und bezieht sich auf den im Rahmen des IDFA-Festivals (Internationale Dokumentarfilmfestiva in Amsterdam) publizierten Artikel «The 15-minute miracle» der Regisseurin Niki Padidar: Ein gelungener Kinderdokumentarfilm nimmt nach Padidar seine Protagonisten ernst, beschneidet die Realität nicht durch Vereinfachungen oder aufgesetzte Heiterkeit und lässt auch das Scheitern zu.
Vertriebswege
Viola Gabrielli (Programmleitung Young Horizon’s Industry) bestätigte diese Einschätzung in ihrem Vortrag und teilte dazu Ergebnisse einer dänischen Marktforschungsgruppe, die in internationalen Testgruppengesprächen die Filmrezeption von Kindern und Jugendlichen evaluierte. Hauptsächlich aber konzentriert sich ihr Einfluss auf einen Rundumschlag bestehender Distributionsmöglichkeiten und Netzwerke. Sie ermutigt interessierte Filmschaffende, sich mit ihren Stoffen an Weiterbildungs- und Trainingsprogrammen (zum Beispiel «Cinekid Script Lab») zu beteiligen und an spezialisierten Co-Produktionsmärkten mit Fokus auf Kinder und Jugendfilme (zum Beispiel «Young Horizons Industry») aufzutreten. Darüber hinaus riet Gabrielli, sich mit existierenden Netzwerken (zum Beispiel Förderverein Deutscher Kinderfilm) bekannt zu machen und sich einen Überblick über existierende Formate und Plattformen zu verschaffen.
Mit Spannung darf man auf zukünftige Ergebnisse des unter Beteiligung von Viola Gabrielli und Gudrun Sommer neu gegründeten Austauschpools «D4K – Documentary Alliance for Young Audiences» erwarten. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von acht europäischen Akteueren, die gemeinsam die Produktion von Dokumentarfilmen für Kinder und Jugendliche vorantreiben wollen.
In den praxisbezogenen Präsentationen kamen drei Filmschaffende zu Wort, die konkret auf ihre Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie ihre Produktionsbedingungen eingingen. In einer ausführlichen Fallstudie stellte die kenianische Regisseurin Dina Mwende ihr mit norwegischen Partnern koproduzierten Film «With Grace» vor. In ihm blickt die 13-jährige Grace auf ihre Kindheit in ihrem Dorf zurück, einen Ort, an dem die Auswirkungen des globalen Klimawandels früh spürbar wurden. Das Projekt verdeutlichte die enorme Bedeutung persönlicher Bezüge der Filmschaffenden zu ihren Protagonisten und steht exemplarisch für eine lokale Geschichte von globaler Bedeutung.
Das Potenzial für die Schweiz
Mit dem abschliessenden Podiumsgespräch kehrte man inhaltlich in die Schweiz zurück: Die Regisseure Ralph Etter und Luzius Wespe begleiten ihre Protagonisten über einen längeren Zeitraum in richtungsentscheidenden Lebensphasen. Luzius Wespe («Mein Leben und der Notenschnitt») dokumentiert auf klassische Art Kinder, die vor dem Übertritt in die Sekundarschule standen, Ralph Etter begleitete in einer 35-teiligen Dok-Serie für die sozialen Medien («Lost in paradise») junge Erwachsene bei ihrer Suche nach einem Ausbildungsplatz.
Beide Projekte überzeugen durch ihren reflektierten Zugang zu den Themen Zukunftsängste und Chancengleichheit, wodurch sie ein breites Publikum ansprechen. Abschliessend wurde deutlich, dass auch in der Schweiz eine gezielte Förderung und eine intensivere Beteiligung von Medienanstalten an Dokumentarfilmeformaten für Kindern und Jugendliche von der Produktion bis zur Distribution gewünscht ist. Eine Herausforderung, die Zoomz in Angriff nehmen will: Das «Kids Film Forum» 2025 wird sich dem Fernsehen widmen.