Am letzten Filmmarkt von Cannes tauschten sich Experten und Expertinnen anlässlich einer Podiumsdiskussion mit dem Titel «Indigenous Storytelling: The Importance of Authenticity» zur authentischen Darstellung indigener Kulturen im Film aus. Anne Lajla Utsi, Leiterin des International Sámi Film Institute (ISFI), sprach von den Herausforderungen der Arbeit mit indigenen Gemeinschaften.
Utsi, die selbst in Kautokeino, einem Sámi-Dorf nördlich des Polarkreises in Norwegen lebt, betonte, dass «die Samen, wie alle 370 Millionen Personen in 70 Ländern, aus indigenen Volksgruppen , eine gemeinsame Geschichte haben, die geprägt ist von Kolonialisierung, Zwangsassimilation und dem Verlust der eigenen Sprache, Kultur, Identität und Lebensgrundlage.»
Sie wies darauf hin, dass die langjährige Praxis sich indigene Erzählungen als exotisches Material anzueignen im Gegensatz zum Ansatz des ISFI stehen, dass danach strebt, die betroffenen Personen ins Zentrum ihrer eigenen Geschichten zu stellen. «Mein Ziel ist es, den indigenen Filmschaffenden zu ermöglichen, ihre eigenen Projekte als Regisseure oder Regisseurinnen, Produzenten oder Produzentinnen, Drehbuchautoren oder -autorinnen zu verwirklichen, anstatt sie in Nebenrollen zu drängen oder nur als Thema zu verwenden», so Utsi.
Wachsen, um zu existieren
Seit der Gründung des ISFI wuchs dessen Budget von einer Million norwegischer Kronen (etwa 84'000 Franken) auf nahezu 25 Millionen norwegischer Kronen. So konnten auch grosse Filmprojekte in samischer Sprache realisiert werden. «Ellos Eatnu» von Ole Giæver, zum Beispiel, das die Geschichte der Samin Ester erzählt, die in Alta, im Norden Norwegens, ihre Identität verbirgt, um Rassismus zu entkommen, oder das finnische Drama «Je’vida» von Katja Gauriloff über das Leben einer Skolt-Samin, die in Finnland mit Zwangsassimilation konfrontiert wird. Zudem lancierte das ISFI die Onlineplattform Sapmifilm.com mit über 100 Filmen, die Geschichten von Sámen und anderen indigenen Völkern erzählen, um die Werke auch ausserhalb der Kinosäle und Festivals zugänglich zu machen.
Das ISFI machte in der internationale Filmszene auf sich aufmerksam auch dank seiner Kooperation mit Streaming-Giganten wie Netflix und Disney+, mit dem es für die Produktion von «Frozen 2» zusammengearbeitet hat. «Das Unternehmen kontaktierte uns, um dieses Projekt mit Respekt und Feingefühl gegenüber der Sámi-Kultur umzusetzen», erklärt Utsi. «Ich leitete die Beratungsgruppe, und die Zusammenarbeit verlief ausgezeichnet. Der Erfolg des Filmes zeigt den wirtschaftlichen Wert unserer Geschichten, doch dieser müsse auch unseren Gemeinschaften zugutekommen. Deshalb haben wir den 'Pathfinder'-Bericht erstellt.» Dieser Richtlinienkatalog stützt sich auf die UN-Erklärung über die Rechte der indigenen Völker und den Grundsatz der freien, vorherigen und informierten Zustimmung.
Seit «Frozen 2» stellt Utsi zunehmendes Interesse der grossen internationalen Produktionsfirmen für Sámi-Geschichten fest. «Was uns beunruhigt, ist, dass sie nur an einem einzigen, spezifischen Themenkreis unseres Volkes interessiert sind. Sie wollen eine Familie von Rentierhirten im Frühling auf ihrer Wanderung vom Landesinneren an die Küste begleiten. Das ist die einzige Geschichte, die alle interessiert, und die haben wir schon so oft gehört. Natürlich ist dieser Aspekt wichtig für uns, denn die Rentierzucht ist eine unserer traditionellen Lebensgrundlagen, und viele von uns sind Rentierzüchter. Doch unsere Kultur ist so viel mehr.»
Während eines Gesprächs am Rand des Festivals ging Utsi näher auf die Rolle des ISFI ein. Das Institut finanziert und unterstützt diverse Filmprojekte und schafft so Arbeitsplätze für samische Filmschaffende aller Sparten, Schauspielende und technische Fachkräfte. «Wir sind glücklich und stolz, Netflix zu unseren Verbündeten zu zählen», fährt sie fort. «Dank dieser Partnerschaft konnten wir Seminare mit den besten Fachleuten der Branche organisieren. In diesem Kontext erhielten die Kunstschaffenden Elle Márjá Eira und Ken Are Bongo die Gelegenheit, als Regisseurin und Kameramann für den Spielfilm «Stolen» tätig zu sein. Der Film war in den ersten Wochen nach seinem Start unter den besten zehn Titeln von Netflix und wurde weltweit über 25 Millionen Mal aufgerufen.