Die Kamera zwischen Plan  und Unvorhersehbarem
Meret Madörin. © Clemens Szelies

Die Kamera zwischen Plan und Unvorhersehbarem

Teresa Vena 18. September 2026

Meret Madörin gehört einer Generation von Kamerapersonen an, die verschiedene arbeitstechnische Veränderungen miterlebt hat. Als Vizepräsidentin der Swiss Cinematographers Society vertritt sie die Interessen ihres Berufsfelds und setzt sich gezielt für die Sichtbarkeit von Kamerafrauen ein.

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Die Swiss Cinematographers Society (SCS) feiert dieses Jahr ihr 30. Jubiläum. Meret Madörin teilt sich als Vizepräsidentin mit Stéphane Kuthy als Präsident die Leitung des Verbands, der sich als kulturelle und berufliche Plattform für die Vertretung der Interessen von Kamerapersonen versteht.

Seit der Gründung der SCS hat es viele technische Neuerungen gegeben, sagt Kuthy. «Dank der Digitalisierung und den Möglichkeiten in der Postproduktion ist es viel einfacher geworden, brauchbare Bilder zu liefern. Man kann schneller drehen und gewisse Aspekte der Lichtführung auch nachträglich korrigieren.» Beim Arbeiten auf Film musste man präziser sein. Für einen Kinodokumentarfilm standen oft nur 50 Rollen zur Belichtung zur Verfügung, was knapp 10 Stunden Material entspricht. «Heute landen nicht selten 100 Stunden oder mehr im Schneideraum.» Zudem erlernte man den Beruf hauptsächlich auf dem Set, indem man zum Beispiel mit Kameraassistenz begann. «Heute gibt es zahlreiche Ausbildungsmöglichkeiten an Filmschulen, wodurch es auch deutlich mehr Kameraleute auf dem Markt gibt.»

Zeit- und Kostendruck

Madörin gehörte zum Jahrgang, der auch noch mit analogem Film lernte. In der Arbeitspraxis setzt sich aber seitdem das digitale Prinzip durch. Madörin legt grossen Wert auf eine sorgfältige Vorbereitung, obwohl sie die Arbeit auch am Dokumentarischen lehrte, eine Offenheit gegenüber Unvorhersehbarem zu bewahren. Beim Spielfilm «Serra» bedeutete das, dass sie gemeinsam mit der Regisseurin vor Beginn der Aufnahmen am Drehort im Kosovo genau untersuchte, wie sich die Lichtverhältnisse dort verhalten. Insgesamt hat Madörin für das Projekt drei Monate im Kosovo verbracht. Das sei eine lange Zeit, wenn man bedenke, dass aufgrund knapperer Budgets für Produktion und Dreharbeiten immer weniger Zeit zur Verfügung stehe. Einst waren vierzig Drehtage für einen Kinospielfilm üblich, heute müsse man mit dreissig rechnen.

«Manchmal gilt es, dem Zeit- und Kostendruck entgegenzuwirken.» Bei einem Kinofilm gelang es Kuthy, Produktion und Regie davon zu überzeugen, ihre ursprüngliche Idee eines reinen Handkamerafilms zu überdenken. Für die passende Bildgestaltung kamen schliesslich komplexe Kamerafahrten und Stabilisierungssysteme zum Einsatz, auch wenn das mehr Kosten und Personal bedeutete. Madörin entwickelt für jedes Projekt eine entsprechenden Bildsprache. Der deutsch-vietnamesische Regisseur Duc Ngo Ngoc, den sie während ihres Studiums an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf kennenlernte, sei beispielsweise ein Verfechter der bewegten Kamera. «Wir teilen eine ähnliche Auffassung des Filmemachens. Wir interessieren uns beide für die Integration von Dokumentarischem in die Fiktion», so Madörin. Bald beginnen die Dreharbeiten für das sechste gemeinsame Projekt der beiden. Auch beim Spielfilm «I Spy With My Little Eye», der seine Premiere am Tribeca-Filmfestival in New York hatte, war eine naturalistische, organische Kamera, die nahe an den Figuren bleibt, die beste Wahl, während das Bild bei «Serra» grafischer, komponierter sein musste, weil sie sich mit der Regisseurin eher von der Malerei inspirieren liess.

“Die wichtigsten Positionen möchte ich selbst besetzen.”
Meret Madörin, Kamerafrau und Vizepräsidentin der Swiss Cinematographers Society

Auf die Frage, wie autoritär sie auftreten müsse, meint Madörin, dass dies sicher zu einem gewissen Grad notwendig sei. «Bei mir äussert es sich aber eher in einer ruhigen Präsenz». Mit der Leitung ihres Teams, das bis zu 15 Personen zählen kann, trage sie Verantwortung für den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses bei den Dreharbeiten. «Die wichtigsten Positionen möchte ich selbst besetzen». Das gehe nicht immer, da je nach Produktion spezielle Anforderungen und daher Personen vor Ort berücksichtigt werden müssten. Ihre langjährige Erfahrung als Kameraassistentin habe sie schon früh für die Bedürfnisse am Set sensibilisiert. Da die Kameraassistenz ein eigenständiger Beruf sei, der der Kameraführung, die für die eigentliche Bildgestaltung verantwortlich sei, technisch und logistisch zuarbeite, sei ein automatischer Aufstieg oder Wechsel zwischen den beiden Positionen nicht unbedingt üblich. «Ich wollte mehr kreativ gestalten», sagt Madörin, weswegen sie sich für ein weiterführendes Kamera-Masterstudium in Berlin entschloss, um den Sprung von der Kameraassistenz zur Kamerafrau zu machen.

Frauen hinter der Kamera

In ihrer Funktion beim SCS ist Madörin von der Notwendigkeit der Lobbyarbeit überzeugt. Auch wenn sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland Richtlöhne für die Kameraarbeit bestehen, müsse man das Honorar je nach Projekt aushandeln. «Das übernimmt meine Agentin für mich.» Ihr besonderes Augenmerk gilt der Sichtbarkeit von Frauen in diesem Beruf. So ist sie auch Mitglied des Women Cinematographers-Netzwerks, das aus Kamerafrauen aus dem DACH-Raum besteht.

Von den fünf Kamerastudierenden, die an der ZHdK auf den Masterabschluss hin studieren, sind nur zwei Frauen. Es bewerben sich deutlich mehr Männer. In der Schweiz wie in Deutschland liegt der Anteil an Kamerafrauen weiterhin bei unter 15 Prozent. Auffällig sei es, dass Frauen schwerer Zugang zu Projekten mit grösseren Budgets bekämen. «Man traut es ihnen nicht zu.» Das hänge auch damit zusammen, dass es gerade in der Schweiz an mittelgrossen Formaten fehle, mit denen man sich eine Expertise aufbauen könne. Da sie neben der Schweiz auch in Deutschland tätig ist, hatte sie genau diese Gelegenheit, sich an kleineren Serien und Fernsehproduktionen auszuprobieren. Für den Kinodokumentarfilm «Exile Never Ends» erhielt sie mit dem Grimme-Preis bereits eine bedeutende Auszeichnung. Für Madörin sind solche Erfahrungen entscheidend, um eine vielseitige Filmografie aufzubauen.

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