Den Gipfel erklimmen
Filmstill aus der Pilotfolge von «$hare» mit Viktoria Trauttmansdorff. © Zenka Films

Den Gipfel erklimmen

Selina Hangartner 19. September 2025

«$hare» soll eine ungewohnte Geschichte erzählen. Die Serienschöpferin Katja Meier bewegt sich für ihr Projekt darum auf neuem Gebiet.

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Anfangs Jahr war im «The Guardian» ein interessanter Beitrag über die Schweizerin Katja Meier zu lesen. Die britische Tageszeitung berichtete, dass Meier während des Entwicklungsprozesses ihrer Serie «$hare» mehrfach den Rat erhalten habe, ihre Protagonistin deutlich jünger zu machen. Denn eine 59-jährige Hauptfigur könnte – so die Befürchtung erfahrener Branchenkollegen und -kolleginnen – potenzielle Geldgeber abschrecken.

Neue Geschichten, neue Plattformen

Zum Glück zeigt sich Meier von solchen Meinungen unbeirrt. Mit ihrem Projekt ist sie nämlich nicht nur auf die konservative Vorsicht einer Industrie gestossen, die Serien mit Protagonistinnen über 50 nach wie vor für ein mutiges Vorhaben hält, sondern vor allem auch auf viel Enthusiasmus. Bei der britischen Edition des «Writer’s Lab» etwa, eine 2015 in den USA gegründete, globale Non-Profit-Organisation, die weibliche und non-binäre Drehbuchautoren und -autorinnen unterstützt, die über 40 sind und englischsprachige Stoffe entwickeln wollen. Meiers «$hare» passte bestens ins Förderbild – die geplante Serie spielt in den Schweizer Alpen, darin will eine britisch-schweizerische Unternehmerin frischen Wind in den Bergbau und Rohstoffhandel bringen. Das «The Writers Lab» unterstützte auch die Entwicklung des Drehbuchs und zu einem Teil die Produktion einer ersten Pilotfolge, die 2024 in Graubünden gedreht wurde.

Die Suche nach Partnern und Partnerinnen, an deren Seite nun der Dreh der gesamten ersten Staffel bewerkstelligt werden kann, führt Meier, die ursprünglich aus dem Aargau stammt und nach einigen Zwischenstationen nun mehrheitlich in Italien wohnt, gerade durch die internationale Welt der Serienproduktion. Denn das Projekt zwingt sie, traditionelle Schweizer Produktionswege neu zu denken. Weil sie «$hare» für ein internationales Publikum geplant hat, mit englischen Dialogen, ist die Beteiligung etwa des SRF als Produktionspartner unwahrscheinlich.

Gleichzeitig zweifelt Meier, dass die Koproduktion mit einer der grossen Onlineplattformen realistisch wäre, «auch wenn ich natürlich keine Türe ganz schliessen möchte», wie Meier erzählt. Für sie und ihr Team sei etwa auch klar, dass auf ihrem Set faire Arbeitsbedingungen, darunter etwa Lohntransparenz herrschen müsse – nicht immer hat sie die Erfahrung gemacht, dass das auch ein Selbstverständnis innerhalb der Industrie sei. Transparenz sei aber wichtig, weil jahrzehntelang gerade bei Fernsehen und Film Männer oft mehr verdient haben als ihre Kolleginnen. Meier hat eine eigene Produktionsfirma, Zenka Films, gegründet, um ihr Projekt zu verwirklichen – wichtige Mitstreiterinnen bei «$hare» sind etwa Delia Mayer, die für die Pilotserie Regie führte, und Isabelle Simmen, die für die Kamera verantwortlich war, und die polnische Schnittmeisterin Kamila Gazda.

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© Zenka Films

Ein steiler Pfad

Hört man Meiers Erzählungen, fallen sofort die persönlichen Verbindungen zum Inhalt ihrer Serie auf, in der sich die Protagonistin ebenfalls in einer Industrie behaupten muss, die entlang alteingesessener Muster verläuft. Und tatsächlich entdeckte Meier beim Dreh der ersten «$hare»-Episode immer wieder solche Parallelen zur Situation ihrer Figur. Aber auch jener der Dreharbeiten, die sich in den Berghängen der Alpen anstrengend, aber lohnend gestalteten. «Es passt irgendwie, dass wir da drehen, auf diesem Gelände, das so schön ist, aber so steil und unwirtlich», erzählt Meier. Das erscheint ihr eine Metapher für ihre Arbeit am Projekt, das sie mit eigenen Vorstellungen, unter selbst gesetzten Bedingungen durchführen will, «als müssten wir unsere Wanderwege erst selber erschaffen.» Das sei ein steiniger Weg, dafür komme ihr das Projekt wie ein Abenteuer vor.

Denn mit ihrer Einstellung konnte Meier bisher schon mehrfach Zuspruch gewinnen, etwa beim «Migros Story Lab», das zu Beginn die Ideenentwicklung der Serie unterstützte, beim «The Writers Lab» und nun auch auf Tour mit ihrer Pilotepisode. Diese Tour hat sie im Frühjahr 2025 unter anderem an ein Festival in New York und dann nach Denver gebracht, wo das renommierte SeriesFest die Gelegenheit bot, wertvolle Kontakte in den USA zu knüpfen. Das Exposé der ersten Staffel sei geschrieben, es könnte eigentlich gedreht werden, sobald alles organisiert sei, erzählt Meier. Und gerade wurde «$hare» als Förderprojekt von «One Planet Lab» ausgewählt, einer Initiative des WWF Schweiz, die neue Narrative und Projekte zur Förderung ökologischer Nachhaltigkeit unterstützt.

Meier ist hoffnungsvoll, dass sie die Serie mit ihrer 50+-Protagonistin wie geplant verwirklichen kann. Laut Tendenzen innerhalb der Fernseh- und Filmbranche könnte sie recht behalten. Aktuellen Daten zufolge wie sie das Bundesamt für Kultur seit einigen Jahren sammelt, zeigt sich eine allmählich steigende Anzahl an Protagonistinnen und Sprechrollen für weibliche Figuren, die über 50 sind. Doch diese Figuren sind im Vergleich zu jüngeren Frauen und gleichaltrigen männlichen Figuren trotz allem noch untervertreten. Das könne sich erst ändern, so Meier, wenn man gute Vorbilder habe. Daran arbeitet sie.

Was das BAK auch feststellt, ist, dass Filme- und Serienmacherinnen wie Meier, oder ihre Mitstreiterinnen Mayer, Gazda und Simmen, für diesen Wandel besonders entscheidend sind: Es sind nämlich Frauen hinter der Kamera, die überdurchschnittlich für Repräsentation der gleichen Geschlechts- und Altersgruppe vor der Kamera sorgen. «$hare» – einmal verwirklicht – wäre ein vielversprechender Beitrag.

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