Als Jugendlicher war Elie Chapuis Fan von «Wallace & Gromit»,
«Nightmare Before Christmas»
und «Chicken Run» – lauter Kult-
filme der Stop-Motion-Animation. Doch die
Offenbarung kam schon etwas früher: «Ich war
gerade krank, als Arte eine Themenwoche zum
hundertjährigen Bestehen des Kinos zeigte;
das muss 1994 oder 1995 gewesen sein. Einen
Tag lang ging es um Animationsfilme, und ich
sah tschechische Filme von Jiří Trnka, die mich
zutiefst beeindruckt haben.» Elie beginnt, auf
dem Dachboden seines Elternhauses Knet-
masse und Spielzeugautos zu animieren und
findet so seine Berufung.
Über den Sohn des Künstlerpaares Dominique und Gaspard Delachaux lernt er eher
zufällig Nag Ansorge kennen. Der Gründervater des GSFA zeigt ihm andere, schwerer
zugängliche Filme und ermutigt ihn selber zur
Animation. «Nag sagte zu mir: Du musst es auf
jeden Fall versuchen. Wenn es nicht gelingt, ist
es auch nicht weiter schlimm.» Also absolviert
Elie Chapuis nicht wie geplant die Krankenpfle-
geschule (auch wenn er immer noch überzeugt
ist, dass er ein ausgezeichneter Krankenpfleger
wäre, und wir ihm das durchaus glauben), sondern eine Animationsausbildung.
Von «Max & Co» zu Hélium Films
Seine Familie unterstützt ihn, er macht
die Matura, pausiert danach ein Jahr lang,
um zeichnen zu lernen und sich verschiedene
Schulen anzuschauen, durchläuft einige Aus-
wahlverfahren und tritt schliesslich in die EMCA
in Angoulême ein.
Während seiner Ausbildung lernt er verschiedene Techniken – «Ich war nie gut im Zeichnen und bin es heute noch nicht», – nutzt
jedoch jede Gelegenheit, um sich in 3D-Animation zu üben.
Mit 22 erhält er seinen ersten Job in der
Schweiz, wieder dank dem Ehepaar Delachaux,
das die Brüder Guillaume kennt. Es ist das Projekt, aus dem später «Max & Co» entsteht. Elie
Chapuis macht (mit Ausnahme des Piloten) die
gesamte abenteuerliche Filmproduktion mit,
wird vom Animationsassistenten zum Animator. Das ging schnell, wie er einräumt, zeigt aber
auch, dass sich sein Beruf schnell weiterentwickelt: «Damals durchlief der lange Animations-
film grosse Veränderungen. Filme mit solchen
Ansprüchen, solch grossem Budget und einem
so grossen Team gab es bis dahin nur wenige
neben den Filmen von Tim Burton und Henry
Selick, den Aardman-Produktionen und einigen
Versuche in Osteuropa.» Bei den Freiburger Brüdern begegnet Elie auch dem grossen, phlegmatischen und stets gut gelaunten Claude Bar-
ras. Die beiden arbeiten gemeinsam an «Sainte
Barbe» und werden Partner bei Hélium Films.
Elie Chapuis beteuert, er habe in Bezug auf die
Produktion «alles von ihm gelernt».
Es gibt weltweit gerade einmal 150 Animatoren, die in den letzten zehn Jahren min-
destens zwei lange Animationsfilme mit dem
Anspruch von «Ma Vie de Courgette» geschaffen
haben. Elie Chapuis arbeitet derzeit an seinem
fünften. Er beschreibt die Situation wie folgt:
«Die Welt des Animationsfilms ist eine kleine
Welt, und innerhalb dieser kleinen Welt wird
die winzige Welt der Puppenanimation als eine
Welt von etwas verrückten Leuten betrachtet,
die an einer extrem aufwändigen Technik fest-
halten.» Die zuweilen undankbare Seite des
Berufs schafft eine gewisse Nähe, eine ganz besondere, familiäre Atmosphäre, sagt Elie
Chapuis. Lachend gibt er zu: «Ich mag die dörfliche Atmosphäre, deshalb fühle ich mich auch
in Lausanne so wohl.» Bei jedem Projekt trifft
er wieder auf Leute, die er seit langem nicht
gesehen hat und mit denen ihn etwas Besonderes verbindet, das durch die Akribie der
Arbeit entstand.
Filme von Wes Anderson
So geschah es auch bei «Isle of Dogs», dem
neuen Film von Wes Anderson, der zum Auftakt der Berlinale gezeigt wird. Nach «Fantastic
Mr. Fox», an dem Elie Chapuis bereits mitgearbeitet hatte, kehrte der Filmemacher zum Animationsfilm zurück. Elie stieg auf dem Höhepunkt der Produktion in das Projekt ein und verbrachte sieben Monate in London, begegnete Wes Anderson jedoch nur ein einziges Mal.
«Seine erste Mail kam um sieben Uhr früh und
die letzte um elf Uhr nachts; die ganzen Dreh-
arbeiten wurden rund um seine Abwesenheit
herum organisiert.» Der Amerikaner leitete die
sehr hierarchisch organisierten Dreharbeiten
von zu Hause aus.
Auf dem Papier wirkt Elie Chapuis’ Wer-
degang klar und geradlinig, doch es gab auch
schwierige Phasen. «Ich weiss nicht, ob du das
im Artikel erwähnen willst?» Scheu erzählt er
trotzdem, dass er Mitte der 2000er-Jahre Angebote aus dem Ausland ablehnte, sein Coming-
Out hatte, weniger arbeitete, sogar an seinen
persönlichen Projekten. «Mir ging es damals
nicht besonders gut», so Chapuis. An seiner
Berufung hat er dennoch nie gezweifelt: «Ich
hatte das grosse Glück, mir darüber nie Gedanken machen zu müssen. Ich war mir immer
sicher, dass ich Puppenanimation machen will.
Selbst wenn die Bedingungen schwierig sind,
bin ich heute noch ganz aufgeregt, wenn ich
an einem Film arbeite. Wenn ich mit meinen
Puppen alleine bin, fühle ich mich immer noch
genauso wie damals auf dem Dachboden meiner Eltern.»
Elie ist auch Regisseur, was längst nicht
für alle Animatoren gilt. Der Frage nach
dem Drehbuchschreiben weicht er jedoch
aus. «Es hat mir riesig Spass gemacht, meinen ersten Film ‹Imposteur› zu realisieren, und ich arbeite schon am nächsten.
Doch um selbst Geschichten zu erzählen,
braucht es eine ruhige Kraft à la Claude
Barras, die ich vielleicht noch nicht habe.»
▶ Originaltext: Französisch