Cineworx schaut auf 20 Jahre Verleih zurück
Filmstill aus «Gegen die Wand» von Fatih Akin © Cineworx

Cineworx schaut auf 20 Jahre Verleih zurück

Teresa Vena 16. Januar 2025

Der Schweizer Filmverleih feiert sein 20. Jubiläum. Im Basel beheimatet, schlägt das Herz von Cineworx für Autorenfilm. Der Gründer Pascal Trächslin spricht über die Anfänge, die aktuellen Herausforderungen und die Zukunftsperspektiven.

copy linkshare facebookshare linkedinshare instagram

Wie gross war die Konkurrenz im Moment der Gründung von Cineworx? Wie wollten Sie sich ihr gegenüber positionieren?

Vor 20 Jahren gab es weniger Verleihfirmen, aber auch weniger Filme. Wir sind mit Cineworx noch im analogen Zeitalter gestartet. Aber da ich ja schon sieben Jahre Verleiherfahrung auf dem Buckel hatte, verfügte ich über ein funktionierendes Netzwerk mit den notwendigen Kontakten. Wir wollten vornehmlich internationale Arthaus- und Kinderfilme sowie asiatisches Kino herausbringen. Unser Glück war, dass wir an unserer ersten Berlinale 2004 mit «Gegen die Wand» von Fatih Akin und «Samaria» von Kim-Ki Duk gleich zwei Filme gekauft hatten, die den Goldenen respektive Silbernen Bären gewannen. Das war ein Traumstart und trug dazu bei, dass wir uns sofort in der Schweizer Verleihlandschaft etablieren konnten.

Wie sieht es heute aus?

Die Situation hat sich komplett verändert. Im Zuge der Digitalisierung sind heutzutage viel mehr Filme auf dem Markt und die grossen Filme starten mit viel mehr Kopien. So sind die prominenten Zeitfenster in den Kinos um einiges umkämpfter als vor 20 Jahren. Zudem hat sich die Laufzeit der Filme drastisch verkürzt, was dazu führt, dass wir in unser Publikum in viel kürzerer Zeit erreichen müssen. Die Bedeutung der früher essentiellen Mund-zu-Mund-Propaganda kommt heutzutage leider weniger zum Tragen. Gute Kampagnen im Vorfeld sind dafür umso wichtiger.

Welche Kriterien setzen Sie bei der Filmauswahl an? Wie viel eigener Geschmack hat darin Platz?

Die Filmauswahl verantworte ich gemeinsam mit Stefanie Kuchler, mit der ich den Verleih führe. Damit es ein Film in unser Verleihprogramm schafft, muss er uns in erster Linie inhaltlich und formal überzeugen. Aber er muss natürlich eine Perspektive bieten, dass er die Kosten, die für ein Herausbringen anfallen, wieder einspielen kann.

Welche sind die grössten Herausforderungen eines Filmverleihs in der Schweiz?

Einerseits ist es wichtig, die richtigen und wichtigen Filme zu finden. Wir sind nicht der einzige Schweizer Verleih der im Teich der internationalen Arthaus-Filme die Perlen an Land zu ziehen versucht. Anderseits braucht man eine gute Beziehung zu den Kinobetreibern, um gute Startdaten mit guten Spielzeiten zu bekommen und eine gute Equipe fürs Marketing, damit das Publikum auch von den Filmstarts erfährt. Filmverleih ist also ein Teamsport. Aber zum Glück sind wir in dieser Hinsicht gut aufgestellt.

Wie vereinbart man die Bedürfnisse der verschiedenen Sprachregionen?

Ich glaube nicht, dass man die Bedürfnisse der Sprachregionen vereinbaren kann. Die Kulturen sind zu unterschiedlich. Man muss jede Sprachregion für sich betrachten und sich nach den jeweiligen Bedürfnissen richten. Wenn wir dann einen Film haben, der in allen Sprachregionen funktioniert, ist das natürlich ideal. Aber das ist für uns von untergeordneter Bedeutung, vor allem bei der Auswertung von Schweizer Filmen.

“Während es auf Stufe Kino von Vorteil ist, dass es viele lokale, unabhängige Kinobetreiber gibt, ist dies im Bereich VOD ein Nachteil.”
Pascal Trächslin

Wie haben sich Entwicklungen in der nationalen Filmpolitik darauf ausgewirkt?

Im Vergleich zur Produktion wird die Auswertungsbranche immer noch zu stiefmütterlich behandelt. Die Auswertungsbranche, ich schliesse hier die Kinos explizit mit ein, steht dank digitaler Konkurrenz internationaler Anbieter und dem veränderten Konsumverhalten des Publikums vor grossen Herausforderungen. Damit Filme wahrgenommen werden, braucht es innovative und überzeugende Kampagnen und attraktive Spielstellen. Darum ist es wichtig, dass Verleiher und Kinos genügend Mittel zur Verfügung gestellt bekommen, um in diesem Kampf erfolgreich bestehen zu können. Auch in Zeiten sinkender Budgets und nationaler Sparrunden würde ich mir vom BAK in diesem Punkt eine stärkere Unterstützung wünschen.

Wie wollen Sie gegenüber neuer Vertriebsmöglichkeiten im audiovisuellen Bereich ausserhalb des Kinos aktiv sein?

Leider vermochten die neuen Vertriebsmöglichkeiten, sprich VOD, die alte gute DVD nur in kleinster Weise zu ersetzen. Mit VOD erreichen wir nicht die gleichen Umsätze wie mit DVDs. Einerseits interessieren sich die grossen kommerziellen Anbieter kaum für Arthausfilme, von denen keine Version in einer Landessprache existiert, anderseits gibt es viele kleine Arthausplattformen, die aber eher eine geringe Reichweite aufweisen. Es fehlt eine grosse und starke nationale Arthaus-VOD-Plattform. Während es auf Stufe Kino von Vorteil ist, dass es viele lokale, unabhängige Kinobetreiber gibt, ist dies im Bereich VOD ein Nachteil.

Gibt es Filme aus Ihrem Repertoire, auf die Sie besonders stolz sind?

Es ist immer schwierig, einzelne Filme hervorzuheben. Mir liegt jeder Film auf seine Art am Herzen. Aber wenn ich Filme nennen muss, dann diese drei: «Gegen die Wand» von Fatih Akin, den ich schon oben erwähnt habe, «Searching for Sugar Man» von Malik Bendjelloul, der 2013 einen Oscar als bester Dokumentarfilm gewann und mir bei jeder Visionierung ein Lächeln ins Gesicht zaubert und «Portrait de la jeune fille en feu» von Céline Sciamma, bei dem ich am Ende der Vorführung in Cannes Gänsehaut bekam, weil mich der Film so berührt hat.

Gibt es Promotionskampagnen, die sie als besonders innovativ oder auch besonders markant in Erinnerung haben?

Da kommt mir unsere Kampagne für «Shoplifters» von Hirokazu Kore-eda, den Gewinner der Goldenen Palme von Cannes 2018, in den Sinn. Wir lancierten mit eine überaus effiziente Promotionsaktion mit einer bekannte Sushi-Kette. Und im Bundeshaus stellten wir den Film dem Dachverband Pro Familia vor, was dann dazu führte, dass wir eine schweizweite Aktion mit SRF, RTS und RSI im Rahmen der jeweiligen «Jede Rappen zählt»-Kampagnen auf die Beine stellen konnten, im Rahmen derer wir einen Prozentsatz eines jedes Kinoeintrittes für soziale Projekte gespendet haben. Aber auch die Zusammenarbeit mit Betty Bossi für unseren aktuellen iranischen Film «My Favourite Cake» die das Rezept zum titelgebenden Kuchen veröffentlichen werden, ist sicherlich ein Höhepunkt.

Slider image 0
«Portrait de la jeune fille en feu», Céline Sciamma ©Lilies Films
Slider image 1
«Searching for Sugar Man», Malik Bendjelloul ©Cineworx
Slider image 2
«Samaria», Kim Ki-duk © Cineworx
Slider image 3
«Gegen die Wand», Fatih Akin © Cineworx
Slider image 4
«Shoplifters», Kore-eda Hirokazu © Cineworx

Lesen Sie auch