Der Verleih als Bindeglied zwischen Produzent und Konsument
«Bagger Drama» von Piet Baumgartner ist im Verleih von Filmcoopi. ©️ Dschoint Ventschr

Der Verleih als Bindeglied zwischen Produzent und Konsument

Teresa Vena 3. April 2026

Der Filmverleih vereint in sich logistische und kreative Aufgaben. Bei der Auswertung eines Films spielt er eine zentrale Rolle und steht in einer Mittlerstellung zwischen Produktion und Kinobetrieb. Häufig trägt er ein erhebliches finanzielles Risiko.

copy linkshare facebookshare linkedinshare instagram

Der Beruf des Verleihers entstand als Dienstleistung, die das kommerzielle Verhältnis zwischen Filmproduktionen und Kinobetrieben regeln sollte. Mit dem Übergang vom Wanderkino zu festen ortsansässigen Filmvorführhäusern veränderten sich die Bedürfnisse. Es genügte nicht mehr, jeweils nur eine Filmrolle zu beschaffen und diese zu spielen, solange sie vorführbar war. Das Angebot musste vielfältiger werden: Erst tauschte man unter Kinobetreibern, dann übernahm der Verleiher die Vermittlung. Die Geschichte des Filmverleihs ist also fast so alt wie die des Kinos selbst.

Bis heute gilt, dass man sich den Beruf «erarbeitet», da es keine spezifische Ausbildung zum Verleiher oder zur Verleiherin gibt. Für seine Ausübung benötigt man eine Vielzahl von Fähigkeiten, die zum Teil auf einzelne Mitarbeitende zusammenfallen müssen. Selbst Fachleute unterschätzen manchmal den Umfang dieser Tätigkeit, da er nicht gänzlich beziffer- und messbar ist.

Gespür für die richtigen Stoffe

Die Arbeit eines Verleihs beginnt mit der Titelauswahl. An die gewünschten Filme kommt man auf verschiedene Wege. «Wir begutachten Projekte bereits im Drehbuchstadium», erklärt Corinne Rossi, die Geschäftsführerin von Praesens. Das gilt sowohl für Schweizer Stoffe als auch für ausländische. Mit dieser frühen Sicherung der Werke begegne man den zahlreichen lokalen und globalen Mitbewerbern.

Nach geeigneten Werken in allen Entwicklungsstufen sucht Rossi auf den jeweiligen Filmmärkten wie in Cannes, Berlin, Venedig und Toronto oder im Austausch mit den bekannten Produktionsfirmen. Zum Repertoire kommen zusätzlich die Filme, die Praesens selbst produziert. Der Katalog von Ascot Elite setzt sich nach einem ähnlichen Prinzip zusammen, und auch Dschoint Ventschr übernimmt die Doppelfunktion von Produzent und Verleiher in den letzten Jahren vermehrt.

Diese Vermischung der Aufgaben schafft Synergien, schärft aber auch das Profil. So ähneln sich Ascot Elite und Praesens insofern, dass sie eine Vielzahl ausländischer Grossproduktionen in der Schweiz vertreten, Ascot Elite mehr im Hinblick auf die USA, Praesens etwas breiter gefächert und mit einem guten Gespür für Filme aus Deutschland, während Dschoint Ventschr sich in erster Line dem Schweizer Autorenfilm widmet.

Ein möglichst klares Profil ist für einen Verleih von grosser Bedeutung, sowohl für den heimischen Markt als auch für das Geschäft mit dem Ausland. Trigon-Film zum Beispiel konzentriert sich im engen Sinn auf nicht-westliche Produktionsräume. «Die Konkurrenz ist in diesem Bereich in den letzten Jahren immer grösser geworden», sagt Meret Ruggle, Co-Leiterin des Verleihs. Gerade Länder wie Südkorea, Japan und Iran seien bei Festivals immer präsenter und erreichten zunehmend ein breiteres Publikum. Das wachsende Interesse an aussereuropäischen Filmen erklärt sich Ruggle auch dadurch, dass diese Werke mittlerweile fast immer einen europäischen Koproduktionspartner haben. Damit kann man sich für Veleihförderprogramme qualifizieren, die spezifisch die europäische Filmvielfalt unterstützen (wie über Media Desk Schweiz).

In der Regel sichert sich Trigon die Verleihrechte für die Schweiz, bei älteren Filmen und Klassikern kommt es vor, dass die Auswertung in Deutschland und Österreich dazukommt, und zwar meist aus mangelndem Interesse aus den Nachbarländern. Bei Ascot Elite hängt es von den Verhandlungen ab, während es bei Praesens eher selten ist, dass über die Schweiz hinaus Rechte gesichert werden, wenn es sich nicht um Koproduktionen handelt. Vom abgedeckten Gebiet errechnen sich nämlich auch die Lizenzkosten. In den Lizenzverträgen zwischen Verleih und Produktionsfirma wird zudem die Laufzeit für die Rechte festgelegt, die sich bis über Jahrzehnte erstrecken kann. Die Lizenzgebühr, die der Verleih der Produktion entrichtet, deckt einen Teil der Herstellungskosten des Films, manchmal ist der Lizenzvertrag entscheidend für die Sicherung der restlichen Finanzierung des Films, sofern er vor Fertigstellung geschlossen werden kann.

Für jeden Film eine Strategie

Der Verleih entwickelt in Zusammenarbeit mit der Produktion ein Auswertungskonzept, das auf den jeweiligen Film angepasst werden muss. Dafür entsteht ein umfangreiches Promotionsmaterial. Nicht nur im Fall von ausländischen Filmen muss alles auf die Schweiz angepasst werden, auch für Schweizer Filme übersetzt man in drei Sprachen, manchmal eignen sich andere Bildmotive für andere Regionen. Und nicht nur Filmtitel können variieren, sondern auch Starttermine. Bei ausländischen Produktionen sind die Verleiher, so der Sonderfall Schweiz, von den Verleihern in Frankreich, Deutschland und Italien abhängig: Ein Film darf in der Schweiz normalerweise nicht vor diesen Nachbarländern veröffentlicht werden. «Das hat auch Vorteile, da man beispielsweise von ausländischer Presse oder von bereits hergestellten Sprachfassungen und Untertiteln, die wir für unsere Auswertung benötigen, profitieren kann», so Rossi.

Den richtigen Starttermin zu finden, ist ein heikler Punkt, bei dem sich Verleih und Produktion auch uneins sein können. Während der Verleih mehrere Filme im Blick hat, fokussiert sich eine Produktionsfirma auf den Kinostart weniger Filme. Und auch der Umfang der Auswertungsstrategie kann unterschiedlich beurteilt werden. Damit begründet Samir unter anderem den Wunsch, zumindest für manche Filme aus seiner Produktion den Verleih selbst zu übernehmen: «Wir beginnen schon weit vor der Fertigstellung eines Werks mit der Promotionsarbeit. Filme mit zivilgesellschaftlich komplexen Stoffen brauchen neben einer klassischen Kinokampagne Promotionsmassnahmen auf den sozialen Medien sowie Überzeugungsarbeit bei politischen Organisationen. Das ist ein grosser Aufwand, da für jedes Werk entsprechende Netzwerke aufgebaut werden müssen. Das leisten Verleiher heute nicht mehr».

Von einer ähnlichen Erfahrung erzählt auch Gregor Frei von Mythenfilm, der für den Dokumentarfilm «Asphalte Public» als Produzent auch den Verleih übernommen hatte. «Bei unserem Nischenthema war es schwierig, überregionale Abnehmer zu finden. Wir haben eine Vielzahl von Veranstaltungen organisiert und uns auf besonders günstige Konditionen für die Austragungsorte eingelassen.» Dem Produzenten entstehe in so einem Umfeld genauso viel Aufwand wie einem externen Verleih. Man müsse sich aber den Erlös nicht mehr teilen.

Die Unverzichtbarkeit des Verleihs

Es gibt gute Gründe, um nicht auf einen Verleih zu verzichten. Merklich anspruchsvoller wird es zum Beispiel für ein Kino, wenn ein Film keinen Verleih in der Schweiz hat oder die Rechte abgelaufen sind. Die Werke müssen temporär aus dem Ausland «eingeführt» werden und dürfen innerhalb eines Zeitfensters nur zwanzigmal gezeigt werden. Diese Koordinationsarbeit müssen die Kinobetreiber selbst leisten. Mangels an Verleihern finden zudem nur wenige Kurzfilme ins Kino. «Wir arbeiten mit ausländischen Verleihern zusammen, die vor allem Festivals und verschiedene Plattformen bedienen», sagt Produzentin Ursula Ulmi, die sich im Segment spezialisiert hat.

Auch kleinere, selbstständige Kinos anerkennen den Wert des Verleihs. «Die Verleiher kennen die Szene», sagt Martina Amrein, Co-Leiterin des Kino Rex in Bern, «sie wissen auch, wie mit der Konkurrenz im gleichen Einzugsgebiet umzugehen ist.» Für sie ist klar, dass die Verleiher einen beträchtlichen logistischen Aufwand und aufwendige Promotionsarbeit leisteten, die nicht vom Kino aufgefangen werden könne. Auch Yann Petignat, Programmleiter im Ciné2520 in La Neuveville berichtet von einem durchweg kollegialen Verhältnis zu Verleihern jeder Grösse. Im Vergleich zu den grösseren Städten der Region müsse La Neuveville als Premieren-Kino bei der Filmauswahl manchmal Kompromisse eingehen. Petignat behilft sich damit, dass er manche Filme erst ein paar Wochen nach dem offiziellen Start programmiert. Für andere kleinere Kinos kann eine solche Abstimmung zu einer aufwendigeren Herausforderung werden. Hier treten die Verleiher als Vermittler auf, wenn sie auch meist die Interessen der grossen Kinoketten durchzusetzen versuchen.

Für das Erzeugen des Promotionsmaterials und der Filmkopien geht der Verleih in Vorleistung. Diese Kosten muss er mit dem Einspielergebnis und der Miete, die die Kinos für die Filme zahlen, einholen. Erst danach teilt er den Erlös mit der Produktion. Wenn ein Film sein Kinopublikum nicht findet, so trifft das den Verleiher aber mehr als den Produzenten und mehr als den Kinobetreiber.

Eine gewisse finanzielle Unterstützung des Verleihs ist bei den regionalen Förderstellen sowie beim Bundesamt für Kultur vorgesehen. Erfolgreiche Auswertungen werden beispielsweise besonders belohnt (Siehe auch Gespräch mit Matthias Bürcher vom BAK). Suissimage hat zudem neu eine Massnahme lanciert. Mit ihr sollen unmittelbar an der Produktion Beteiligte, die Promotionsarbeit für den Schweizer Markt übernehmen, für ihren Aufwand entschädigt werden. Roger Kaufmann von Ascot Elite begrüsst das: «Wir können meist nur die Spesen übernehmen, ein Honorar auszuzahlen ist schwierig.»

Lesen Sie auch