Kinder sind ein besonders begeisterungsfähiges und offen kritisches Filmpublikum. Das liess sich gerade wieder am Zurich Film Festival erleben. Die Produktionen, die das junge Publikum bei Festivals begeistern, kommen in der Schweiz jedoch selten ins Kino oder ins Fernsehen. Schweizer Filme sind quasi nicht vertreten.
Wie kann es sein, dass ein so reiches Land mit hohem Bildungsstand seinen Nachwuchs vernachlässigt? Und das, obwohl allgemein bekannt ist, dass der Zugang zur Filmkultur in jungen Jahren gelegt wird, dass audiovisuelle Medien die Weltsicht und Geschichten die emotionale und kognitive Entwicklung prägen, dass Filmerleben Identifikation und ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Kultur schafft.
Wir brauchen für die jungen Zielgruppen dringend ein vielfältiges Angebot an gut verfilmten Geschichten. Das ist nur mit einer gezielten Förderung möglich, die über die bekannten Bestseller-Verfilmungen hinausgeht und die originäre, zeitgemässe und originelle Projekte unterstützt. Kinder- und Jugendfilme können fast alles sein: Komödie, Drama, Science-Fiction, Dokumentarfilme...
Die Projekte, die der Kulturfonds Suissimage in der Entwicklung gefördert hat, scheitern - wie bisher viele andere - in der Herstellung zu oft in den Gremien der Filmförderung. Es scheint noch immer eine gewisse Geringschätzung und auch Ignoranz gegenüber Kinderfilmen zu herrschen, als sei deren Publikum weniger wichtig. Das Gegenteil ist der Fall. Darum brauchen Fördergremien wie Filmschaffende mehr Fachwissen über Filme für ein junges Publikum. Und in den Förderungen braucht es Kontingente für diese Filme, damit sie nicht ewig in Konkurrenz zu anderen hochwertigen Projekten stehen. Sollte sich die Schweiz nicht mindestens einen originären Film pro Jahr für junges Zielpublikum leisten können? Das wäre sicher kein überflüssiger Luxus, sondern die nötige Antwort auf eine Fehlentwicklung – auch im Hinblick auf das zukünftige erwachsene Publikum.
Schon heute gibt es konkrete Möglichkeiten zur Koproduktion mit europäischen Ländern, in denen gezielte Förderung zu viel Erfahrung und Erfolg geführt haben, auch in kleinen Ländern. Filme aus den Niederlanden, Belgien, Dänemark, Schweden und Norwegen sind an den internationalen Festivals regelmässig zu bewundern und erreichen zu Hause Hunderttausende von Kindern und Familien.
Mit der Förderung von Kinderfilmstoffen hat Suissimage einen Anfang gemacht. Die drei Schweizer Kinder- und Jugendfilmfestivals Zoomz (Luzern), Castellinaria (Giubiasco) und Jeune Public (Lausanne) machen im November mit dem Kids Film Forum einen Anfang darin, nationale Filmschaffende mit internationalen Gästen zu vernetzen und weiterzubilden.
Nicht nur Kinder und Jugendliche brauchen vielfältige Geschichten, die spannend oder auch sperrig, ungewöhnlich oder leicht zugänglich inszeniert sind. Auch wir Erwachsenen brauchen sie. Denn was junge Generationen heute auf der Leinwand, vor dem Bildschirm oder am Smartphone sehen und hören, wird ihnen lange im Bewusstsein bleiben. Die belgische Regisseurin Meikeminne Clinckspoor wird oft gefragt, warum sie darauf bestehe, Filme für Kinder zu drehen. Weil Kinder unser wichtigstes Publikum seien, antwortet sie dann jeweils. Kinder sind unsere Zukunft und die Hüter der Welt von morgen. Was sie heute konsumieren, wirkt sich auf die Normen und Werte aus, die sie später leben werden. Wenn es etwas gibt, was wir tun können, um die Welt von morgen zu verändern, dann ist es das Erzählen von Geschichten für die Kinder von heute. Dafür sollten sich alle einsetzen.