Kurzfilme kämpfen um Sichtbarkeit. Das liegt unter anderem daran, dass die Rahmenbedingungen in Bezug auf Entstehung und insbesondere Auswertung eines kurzen audiovisuellen Werks von den Bedürfnissen eines Langfilms abgeleitet werden und für die kurze Form nicht zugeschnitten sind.
Es ist auffällig, dass die öffentliche und brancheninterne Unterstützung des Kurzfilms auf Initiativen basiert, die stark vom persönlichen Engagement Einzelner abhängig sind.
Wenn es um die Auswertungsmöglichkeiten von Kurzfilmen geht, übernehmen spezialisierte Filmfestivals eine tragende Rolle, nicht nur als punktuelle Werkschauen, sondern auch darüber hinaus als Multiplikatoren auf verschiedenen Ebenen. Gemeinsam mit Interessengruppen, Promotionsagenturen und dem Beitrag einzelner Förderstellen loten Festivals die Kanäle aus, die dem Kurzfilm eine Projektionsfläche bieten können, oft auf sehr kreative Weise, immer aber in hartnäckiger Fleissarbeit. Die Digitalisierung des Mediums und seines Konsums hat dabei eine ambivalente Stellung.
Die Festivalkarriere
Auch bei Kurzfilmen ist der Wunsch verbreitet, zumindest mit ihrer Premiere an einem der grössten internationalen Festivals vertreten zu sein. Welche Bedeutung das Festival letzterer widmet und wie gross die Aufmerksamkeit des breiteren und Fachpublikums ist, die den Werken aus dieser Kategorie zukommt, variiert stark.
Das Filmfestival in Locarno gehört zu den Institutionen, die die kurze Form besonders ernst nehmen, indem es ihr gleich mehrere Wettbewerbe widmet. Die Sektionen der Pardi di domani richten sich an Nachwuchstalente, aber seit 2021 bekommen auch spezifisch erfahrene Filmschaffende ihr eigenes Schaufenster (Corti d’autore).
«Die Kurzfilme sind bei der Berlinale kein Rahmenprogramm wie etwa in Cannes», sagt Maike Mia Höhne, die von 2007 bis 2019 die Sektion Berlinale Shorts kuratiert hat. Fachleute aus den Bereichen Verleih, Vertrieb und der Programmkuration erreiche man in Berlin. Seit 2019 leitet Höhne, selbst Filmemacherin, das Kurzfilmfestival in Hamburg. Für ihre Filmauswahl lasse sie sich auch von der Auswahl anderer Festivals inspirieren.
Dass man diese Arbeit der Vorselektion zu schätzen weiss, erstaunt nicht, wenn man sich bewusst macht, dass die Festivals jährlich tausende von Einreichungen erhalten. «Es gibt zu viele Kurzfilme», sagt Anne Gaschütz, die Leiterin des auf Kurzfilme spezialisierten Filmfest Dresden. Sie bekommt jährlich rund 3’400 Filme eingereicht, aus Clermont-Ferrand weiss sie, dass es dort 10’000 Filme sind und bei Locarno, wo sie als Programmberaterin aktiv ist, ungefähr 4’000. In Winterthur muss man mit 5’000 Werken rechnen, bestätigt Festivalleiter John Canciani und ergänzt: «Wir haben eine Filterfunktion».
Festivals sind auf ihre Weise zu Kompetenzzentren für diese Filmform herangewachsen. Filme, die in Winterthur gezeigt werden, qualifizieren sich nicht nur für den Schweizer und Europäischen Filmpreis, sondern auch für die Oscars- und BAFTA-Nominierungen. Die Vernetzungsarbeit sehen die Festivals als wesentliche Aufgabe an. In Winterthur gehört der Industrieteil des Festivals zu einem der wichtigsten für Kurzfilmfachleute.
Der Verleih von Kurzfilmen
Ohne Eigeninitiative lässt sich mehr Sichtbarkeit für Kurzfilme nicht erzielen. Aus dieser Überlegung heraus hat sich aus dem Kurzfilm Festival Hamburg Anfang der 1990er Jahre die Kurzfilm Agentur gegründet. Unter diesem Dach betreibt die Agentur das Festival, einen Verleih und einen Vertrieb für kurze Filme. Eine ähnliche Struktur hat auch das Kurzfilmfestival Interfilm in Berlin. Beide vermitteln Kurzfilme mehrheitlich an Kinobetriebe und pädagogische Einrichtungen. Dabei bieten sie sowohl kuratierte Programme als auch Einzelfilme an. Am meisten gefragt sind thematisch ausgerichtete Filmblöcke und Filmempfehlungen. «Wichtig ist für uns der Vorfilm: Wir bieten zum Beispiel jährliche Abos an, über die ein Kino jede Woche einen Film im Werbeblock unterbringen kann», so Matthias Groll von Interfilm. Mit einem solchen etablierten System lasse sich auf allen Seiten eine willkommene Kontinuität garantieren.
In der Schweiz sind aktuell nur sehr wenige Verleiher tätig, die sich um Kurzfilme kümmern. Outside the Box aus Lausanne bietet zusätzlich zu seinem Langfilmrepertoire eine Auswahl an Kurzfilmprogrammen, die insgesamt 15 Prozent des Gesamtangebots ausmachen. Dabei handelt es sich ausschliesslich um Werke für ein ganz junges Publikum aus Kleinkindern. Einzelne Filme können nicht ausgewählt werden, nur vollständige Kurzfilmblöcke. Dieses Angebot trägt dazu bei, den erforderlichen Eigeneinsatz für die Programmierung von Kurzfilmen aufseiten der Kinos zu minimieren.
«Uns fehlen die Ressourcen, um regelmässig ein kuratiertes Kurzfilmprogramm anzubieten», sagt Frank Braun, Co-Programmleiter der Neugass Kino AG, zu der Spielstätten in Zürich und Luzern gehören. Er bedauert zwar, dass Kurzfilme zu wenig präsent seien in den Kinos in der Schweiz, doch sich über die verfügbaren Titel auf dem Laufenden zu halten, zum einen, und zum anderen, daraus thematisch oder künstlerisch anspruchsvolle Kompilationen zu erstellen, sei nicht in den normalen Betrieb einzugliedern. Vor etwa sechs Jahren habe seine Firma begonnen, einen eigenen Verleih aufzubauen, genau mit dem Grundgedanken, die Zirkulation von Kurzfilmen zu verstärken.
Aktuell laufen in den Kinos von Braun Kurzfilme nur noch selten als Vorfilme. «Ich sehe sie als Vorspeise in Kurzform, als Überraschung für das Publikum», so Braun. Der Vorfilm sei kaum die eigentliche Motivation, ins Kino zu gehen. Daher gehe man damit auch ein gewisses Risiko ein. Einen Kurzfilm zwischen die Werbung vor dem Langfilm zu platzieren, verlängert die Zeit vor dem eigentlichen Film. Das teste die Geduld des Publikums, stelle an den Film aber auch hohe Erwartungen, da er sich entsprechend abheben müsse. Ideal sei eine sich ergänzende Kombination zwischen Haupt- und Vorfilm. Wenn sie die Verleiher nicht direkt anbieten, brauche es den bereits beschriebenen zusätzlichen Aufwand und das Fachwissen seitens des Kinobetriebs.
Über diese Expertise verfügt Filmkurator Bruno Quiblier. Er leitet den Verein Base-court, der sich in der französischsprachigen Schweiz für die Sichtbarkeit des Kurzfilms einsetzt. Er gesteht ein, dass der Kurzfilm ein Nischenprodukt ist, doch der Mangel an Bewusstsein darüber erregt ihn im einzelnen doch. Die Presse habe auf die Nachricht hin, dass der Schweizer Animationsfilmemacher Marcel Barelli am renommierten Festival in Annecy seinen ersten Langfilm gezeigt habe, diesen als Nachwuchstalent von überraschender Erscheinung bezeichnet. «Nein, Barelli macht bereits seit 15 Jahren Filme», so Quiblier. Kurze Filme eben.
Quiblier ist an mehreren Initiativen beteiligt, die die Stellung der kurzen Form stärken sollen. Eine davon ist der «Court du mois»: Einmal im Monat wurde Kinos ein Schweizer Kurzfilm als Vorfilm angeboten. Über vier Jahre lang konnten dank der Teilnahme von 160 Kinosälen der Westschweiz auf diese Weise rund 360’000 Personen erreicht werden. Die Filme waren maximal vier Minuten lang und wurden nach dem Werbeblock eingespielt. «Die Finanzierung war von Anfang an ein harter Kampf», erklärt Quiblier. Sponsoren seien kaum interessiert, Förderung aus offizieller Stelle könne man auch nicht erwarten. Quiblier hat den Kinos fast die komplette Arbeit von der Zusammenstellung des Programms über die Rechteklärung bis zur Kommunikation abgenommen, Widerstände bestanden dennoch. «Technische Herausforderungen gab es immer. Dass es in den Kinos immer weniger Personen gibt, die Filme vorführen, macht die Sache dabei nicht leichter», ergänzt er. Das Eigenengagement war in diesem Projekt entscheidend, aber auch aufreibend, weswegen Quiblier erstmals auch wieder neue Energie tanken muss, bevor er an eine Neuauflage denken kann.
Wenn man den Kurzfilm im Kino sehen will, dann muss man auf Sonderveranstaltungen setzen. Quiblier ist an der Kurzfilmnachttour beteiligt, die Base-court gemeinsam mit den Kurzfilmtagen Winterthur in der ganzen Schweiz organisiert. «Damit erreichen wir ein breites und auch junges Publikum», sagen Quiblier und John Canciani.
Eine besondere Gelegenheit sei eine Initiative wie der Kurzfilmtag am 21. Dezember. Die AG Kurzfilm, ein Interessenverband, der sich für die Stärkung und Promotion des Kurzfilms in Deutschland einsetzt, zählt über 500 Einzelveranstaltungen an diesem Tag. «Diese finden an allen möglichen Orten statt, in Kinos, wie aber auch in Heimen, Schulen und sonstigen Einrichtungen», sagt Geschäftsführerin der AG Kurzfilm Jutta Wille.
Onlineplattformen
Grosse Onlineplattformen wie Netflix und andere, haben zwar ein bescheidenes Angebot an Kurzfilmen, werbetechnisch richten sie aber kein besonderes Augenmerk darauf.
Die Kurzfilmauswahl bei Mubi hat im Vergleich dazu einen guten Ruf. «Sie ist limitiert und nicht beliebig», sagt Jutta Wille. Ein kuratiertes Programm sei entscheidend. Das Filmfestival von Locarno, beispielsweise, bietet unter der Initiative «Shorts» auf seiner Internetseite und ausserhalb des Festivals kostenlos ausgewählte Kurzfilme an. Mit ThisIsShort.filmchief.com unterhalten sechs europäische Filmfestivals seit 2021 eine gemeinsame Onlineplattform, die mit Geldern aus dem EU MEDIA-Programm gefördert wird.
An eine breit angelegte Plattform, an ein «Netflix für Kurzfilme» sozusagen, die sich selbst tragen würde, glaubt Quiblier nicht: «Dafür gibt es kein Publikum». Stattdessen hat er für die Westschweiz Korto.ch entwickelt. Über die Mitgliedschaft bei einer Bibliothek der Region kann die Nutzerin auch, ohne zusätzliche Kosten, auf die Plattform zugreifen. Schulen der Region bekommen ebenfalls kostenlosen Zugang.
Für Fernsehsender ist die Digitalisierung eine grosse Herausforderung. Sie treibt eine neue Hierarchisierung der Inhalte hervor und bietet damit die Gelegenheit, Nischenprogramme anders als im linearen Sendeformat hervorzuheben. Das kann für den Kurzfilm eine Chance sein.
«Beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF stehen den Kurzfilmen verschiedene Sendeplätze zur Verfügung und zwar am Sonntag, Dienstag und Mittwoch im Spätabend», sagt Eva Schweizer, Programmplanerin beim SRF 1. Kurzfilme werden in Blöcken und fast nie einzeln gezeigt. Pro Jahr werden so ungefähr fünf Programme mit neuen Kurzfilmen und etwa zehn Blöcke mit Wiederholungen ausgestrahlt. Im Sommer und während der Feiertage im Vormittag sind vereinzelt auch Kurzfilmprogramme für Kinder geplant. Es kommen regelmässig mit der SRG koproduzierte Kurzfilme im Rahmen des Pacte de l’audiovisuel zum Einsatz. «Diese senden wir im Schnitt zwei bis drei Mal. Und wir erwerben Online-Rechte.» So können die Filme auch auf der Mediathek des Senders Play SRF und auf Play Suisse veröffentlicht werden.
Der RTS koproduziert rund zehn Kurzfilme im Jahr. Diesen ist eine systematische lineare und digitale Ausstrahlung im Rahmen von spezifisch zusammengestellten Programmen garantiert. «Mit Hilfe des Pacte audiovisuel setzen wir auf eine Koproduktionspolitik zur Förderung des Nachwuchses und unabhängiger Produzenten und Produzentinnen», erklärt Celya Larré, redaktionelle Produzentin beim RTS. Auch beim RTS sind Kurzfilme ein paar Tage vor und nach der Ausstrahlung auf der Mediathek des Senders Play RTS sowie derjenigen der SRG Play Suisse verfügbar.
«Einst gab es bei RTS eine Radiosendung, Brazil, in der ich einmal im Monat einen Kurzfilm vorstellen durfte», erinnert sich Bruno Quiblier. Nach rund zwei Jahren ist diese eingestellt worden. Grösserer Kontinuität erfreut sich das Kurzfilm-Magazin «Unicato», das seit 2006 im regionalen deutschen öffentlich-rechtlichen Sender MDR läuft. Noch älter ist «Kurzschluss», das seit 2001 bei Arte ausgestrahlt wird. Neben den Filmen selbst zeichnet das Magazin ebenfalls Gespräche mit Filmschaffenden und Fachpersonen auf. Diese werden linear ausgestrahlt, aber dann auch online zugänglich gemacht.
Auch wenn die Möglichkeiten der Auswertung von Kurzfilmen durchaus vielseitig sein können, sind die Wirkungen erfahrungsgemäss bescheiden, zumindest fallen sie gegenüber denen von Langfilmen oder auch Serien deutlich zurück. Lobbystrukturen wie Pro Short in der Schweiz setzen sich dafür ein, diese Rahmenbedingungen zu verbessern. In Deutschland profitieren Kinos beispielsweise bisher (Reformen kündigen sich an) über eine Abspielförderung, das heisst, dass sie eine Prämie bekommen, wenn sie Kurzfilme zeigen. Ein solches Modell könnte auch in der Schweiz als Anreiz dienen.
Für Jenna Hasse, Präsidentin von Pro Short, ist das nur ein Aspekt von vielen. So gelte es, die Erfolgsbeteiligung an den Festivals (Succès Festival) auszubauen. Am Erfolg bei Ausstrahlungen auf den SRG-Fernsehkanälen wiederum sind Kurzfilme gar nicht beteiligt.
Hilfreich ist es, wenn Förderinstitutionen spezifisch für das Kurzfilmformat konzipierte Auswertungsunterstützung bieten, so wie das bei Sodec (Société de développement des entreprises culturelles) in Québec der Fall ist. Mit den Sodec Labs hat sie zudem ein Instrument aufgebaut, das sich an Verleiher von Kurzfilmen richtet und man hat erkannt, dass die Auswertung von Anfang an mitgedacht werden muss. «Auf Festivals wie Clermont-Ferrand präsentieren wir einzelne Projekte und ermöglichen den Filmschaffenden wichtige Vernetzung», erklärt Valérie Ascah, Verantwortliche für Internationale Belange bei Sodec. Dieses Engagement zeugt von einem Verständnis für die Herausforderungen der Filmschaffenden. «Einreichungen bei Festivals sind sehr aufwendig», sagt John Canciani. «Die Kosten dafür sollten auf jeden Fall mit ins Budget einer Auswertungsstrategie».
«Es ist finanziell nicht rentabel, Kurzfilme zu produzieren», gesteht Jenna Hasse ein. Preisgelder bei Festivals lohnen sich nicht, Onlineplattformen zahlen wenig, Lizenzgebühren sind tief oder nicht existent. «Doch der Kurzfilm zeigt Künstlern und Filmschaffenden, dass er ein starker Ort des Erschaffens, der Entdeckungen, des Experimentierens und der Vielfalt ist.»
Um der kurzen Form zu einer angemessenen Bedeutung in der Filmkultur und darüber hinaus zu verhelfen, braucht es mehr Sichtbarkeit, die ohne eine wesentlich stärkere institutionelle Förderung als bisher nicht zu erreichen ist.
Eine längere Version dieses Artikels erscheint im CINEMA Jahrbuch 2026.