Not macht erfinderisch
Robert Rodriguez mit KI-Programm Midjourney generiert.

Not macht erfinderisch

Teresa Vena 22 mai 2025

Der US-amerikanische Filmemacher Robert Rodriguez sieht sich als Querdenker und Verfechter eines unakademischen Filmemachens. Er will gewinnbringende Actionfilme produzieren und seine Fans von Anfang an daran beteiligen. In der Schweiz hat er mit Andreas Thiel einen Gleichgesinnten.

copy linkshare facebookshare linkedinshare instagram

Er strahlt eine widersprüchliche Mischung aus Grossspurigkeit und Bescheidenheit aus, eine Art kindliche Begeisterungsfähigkeit, der er zweifelsohne seine Anhängerschaft verdankt. Für Robert Rodriguez ist der Auftritt beim South by South West (SXSW) in mehrerer Hinsicht ein Heimspiel. Der Filmemacher stammt selbst aus Austin, wo das multidisziplinäre Festival stattfindet, seine Filme feiern hier oft ihre Uraufführung. Die meisten davon hat er vor Ort in seinem eigenen Studio gedreht, weswegen er als grosser Förderer der lokalen Filmszene gilt. Bewundert wird er auch für seine innovativen Arbeitsmethoden, mit denen er die Strukturen der US-Grossstudios unterläuft. «Wenn man ausserhalb des Systems lebt, denkt man ausserhalb des Systems», so leitete Rodriguez im März die Präsentation seiner frisch gegründeten Firma Brass Knuckle Films ein.

Rodriguez pflegt einen engen Austausch mit seinen Fans. Er holt sich während der Postproduktion Rückmeldungen, und an Statisten fehlt es ihm auch nie: «Immer will jemand in einem meiner Filme getötet werden. Umso ausgefallener die Todesursache, desto besser.» Künftig sollen die Liebhaber seiner Filme von Anfang an an seinen Arbeiten beteiligt werden, zum Beispiel indem sie ihre eigene Filmidee einreichen. Rodriguez verpflichtet sich, innerhalb einer bestimmten Frist eine dieser Ideen umzusetzen. Bereits ab einem vierstelligen Betrag will er die Anhänger zudem zu Investoren machen, die bei Erfolg entsprechend eine Rendite erhalten. Das ist an sich keine neue Idee, verschiedene Produktionsfirmen versuchen sich, insbesondere übers Internet, an dieser alternativen Finanzierungsmethode. Simon Jaquemet hat dafür «electric.film» lanciert, Kevin Smith das Konzept für «Clerks III» getestet (siehe dazu CB 540). Rodriguez glaubt dank seiner Arbeitsweise fest an den kommerziellen Erfolg der Projekte.

Kosteneffizient produzieren

Wichtig sei es, sich auf das mehr denn je gefragte Genre der Actionfilme zu konzentrieren: «Netflix will Action, die Verleiher wollen Action», so Rodriguez. «Doch die grossen Studios wissen nicht, wie man Action kostengünstig herstellt.» Ressourcensparendes Produzieren an sich sei im Hollywoodsystem im speziellen und in der Filmwirtschaft im allgemeinen schwer umzusetzen. «Der Mitarbeiterstab ist viel zu gross. Für jeden kleineren Posten wird eine Fachperson eingesetzt.» In seinem Buch «Rebel without a crew» beschreibt Rodriguez, wie er für seinen ersten Langfilm «El Mariachi» in Personalunion Drehbuch, Produktion, Regie, Kamera, Schnitt und Musik verantwortete. Für den Film gab er 7'000 US-Dollar aus, das meiste für technisches Material.

«Du bist viel vorsichtiger, wohin das Geld geht, wenn du dein eigenes Geld benutzt», sagt er. Technische oder finanzielle Herausforderungen beflügelten seit jeher seine Kreativität. «Wenn man als Regisseur Ahnung von Kameraführung und Schnitt hat, lässt sich nicht nur das Drehbuch genauer anpassen, sondern auch der Dreh effizient organisieren. Nachdrehs fallen weg.» Über die letzten dreissig Jahre hat er über die Troublemaker Studios eine Gemeinschaft aufgebaut, die seinem autodidaktischen Ansatz folgt. So entstanden mit «Sin City» und «Spy Kids 3» bahnbrechende virtuelle Produktionen, sogar im 3D-Format.

“Wenn der eine oder andere Film kein Meisterwerk wird, ist das nicht schlimm. Ich verschreibe mich einem künstlerischen Gesamtwerk. Aus Misserfolgen lernt man und Übung ist alles.”
Robert Rodriguez

Praxis und Hartnäckigkeit

Heute arbeitet Rodriguez längst mit Millionenbudgets, auch wenn sie immer noch viel tiefer sind als im Hollywood-Durchschnitt. Wiederholte Male sind lukrative Filmreihen aus seinen Ideen entstanden. Es handelt sich oft um Publikumserfolge, von der Kritik allerdings eher verschmäht. Zwischendrin erlangen Werke aber auch Kultstatus. «Wenn der eine oder andere Film kein Meisterwerk wird, ist das nicht schlimm. Ich verschreibe mich einem künstlerischen Gesamtwerk. Aus Misserfolgen lernt man und Übung ist alles.»

Diese Autonomie und Hemmungslosigkeit treibt auch den Schweizer Andreas Thiel an, der ohne Anbindung an die Branche oder Erfahrung, mit «Kalbermatten» 2024 seinen ersten Film herstellte. Getragen von den Aktionären seiner dafür spezifisch gegründeten Produktionsfirma kam ein Budget von 6 Millionen Franken zusammen, wovon etwa 3 Millionen in Sachleistungen. «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein motiviertes Team Spezialisten schlagen kann, wenn es Freude daran hat, für komplizierte Dinge selbst Lösungen zu finden.» Um die Kosten für den im Sommer in die Produktion gehenden Nachfolgefilm tiefer zu halten, investiert Thiel gerade in ein eigenes Studio. Aus dieser Aussenseiterenergie kann Inspiration entstehen.

À lire également