Aus welcher Motivation heraus entstand die Europäische Filmakademie?
Die ursprünglichen Ziele der 1989 von Ingmar Bergman und 40 Filmschaffenden gegründeten Organisation bestehen bis heute. Es ging darum, die Vielfalt des europäischen Kinos zu fördern und seine kulturelle Bedeutung zu bewahren. Bergman fürchtete die kulturelle Homogenisierung des «globalen Dorfes» und wollte die nationalen Identitäten schützen.
Wie reagierte die Branche anfänglich?
Die europäischen Filmschaffenden wandten sich rasch der Akademie zu, die heute nahezu 5000 Fachmitglieder zählt. Die Institution wurde von Anfang an unterstützt, sowohl von den Filmschaffenden der Länder des Europarats (sowie Israel und Palästina) als auch vom Senat von Berlin und anderen nationalen und lokalen Geldgebern.
Welche wichtigen Änderungen gab es unter den Präsidentschaften von Wim Wenders und Agnieszka Holland?
Ich hatte das Privileg, unter Ingmar Bergman Mitglied zu sein und zwei Jahrzehnte lang im Vorstand zu sitzen. Wim und Agnieszka haben sich für die Förderung des europäischen Filmschaffens und zur Verteidigung der Meinungsfreiheit eingesetzt. Die Vorstandsvorsitzenden Nik Powell, Humbert Balsam und Yves Marmion spielten ebenso Schlüsselrollen. Aina Bellis, Marion Doering und Matthijs Wouter Knol, die die Geschäftsführung übernahmen, trugen massgeblich dazu bei, aus der Akademie weit mehr als nur eine Preisverleihung zu machen. Juliette Binoche setzt als Präsidentin das Erbe Ingmar Bergmans fort und wird das internationale Ansehen der Akademie weiter stärken.
Wo liegen zurzeit die grössten Herausforderungen?
Nach der Pandemie bauen wir das Publikum und den Vertrieb der europäischen Filme wieder auf. Ihre weltweite Präsenz gegenüber der Vorherrschaft der englischen Sprache zu verteidigen ist essenziell. Wir müssen das Wachstum der nationalen Filmindustrien fördern und zugleich den europäischen Markt vereinheitlichen. Zudem müssen wir unsere Finanzierungsmodelle überdenken, um sicherzustellen, dass die Produktion den weltweiten Vertrieb und Erfolg der Filme nicht gefährdet.
Was sind die Prioritäten für die kommenden Jahre?
Es gibt verschiedene Massnahmen, die für unseren Einfluss auf das europäische Kino wichtig sind. So verlegen wir die Preisverleihung auf Mitte Januar, um unsere Position innerhalb der Filmpreise zu stärken und die Nominierungen für Oscars, Golden Globes und BAFTA zu beeinflussen. Auch werden wir weiterhin Filmschaffende gegen Zensur und Repression verteidigen und die Nachhaltigkeit in der Branche fördern.
Können Sie uns Beispiele nennen für aktuelle Themen der Akademie und deren Einfluss auf die Politik in Europa?
Wir leisten über den LUX Audience Award, den wir in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Parlament, Europa Cinemas und Creative Europe ausrichten, einen wesentlichen Beitrag, um, beispielsweise vor den Europawahlen, für mehr Bürgerbeteiligung zu werben. Das europäische Kino behandelt komplexe gesellschaftliche Themen wie Krieg, Migration, Umwelt, Menschenrechte und kulturelle Diversität. Unabhängige Filme sind starke Instrumente, um für die Grundrechte einzustehen und Ungerechtigkeit zu bekämpfen.