Was mithilfe von KI-basierten Programmen im Bereich von Bild- und Videogestaltung erzeugt werden kann, nutzt die Techniken der Animation und simuliert ihre Ästhetiken. Steht eine Revolution dieser filmischen Form bevor?
Für die einen ist es des Teufels, für die anderen verheissungsvolles Werkzeug für einen Produktivitäts- und Kreativitätsschub. Es ist nichts Neues, die Reaktionen der Filmschaffenden auf die Verwendung von KI-unterstützten Programmen gehen auseinander – so auch im Bereich der Animation.
Mitte Januar verfasste Marcel Barelli einen offenen Brief, in dem er vor der Entwertung der kreativen Leistung des Menschen warnt: «Die neue Technologie stellt ein Grundprinzip infrage. Eines der menschlichsten Rechte ist es, Fehler zu machen, etwas Unerwartetes und Unvollkommenes zu schaffen». Die neuen Werkzeuge hätten das Ziel, Prozesse zu perfektionieren. Sie führten aber vor allem zu Automatisierung und Standardisierung, nicht nur der eigentlichen Arbeitsprozesse, sondern eben auch der kreativen Resultate. Barelli fordert, dass Werke, die mit KI-basierten Programmen entstehen, klar als solche deklariert würden. Für ihn gehören sie im Zweifel nicht an Filmfestivals.
Betroffene Arbeitsfelder
Omar El Araby hat sich im Rahmen der Programmierung der Lugano Animation Days mit der Festivalpräsenz von KI-Produkten beschäftigt: «Was eingereicht wurde, war nicht gut genug». El Araby ist Mitglied des Vorstands des Berufsverbands der professionellen Animationsfilmschaffenden Schweiz GSFA. Innerhalb des Verbands wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, die eine offizielle Stellungnahme zum Umgang mit KI vorbereitet. Den Animationsfilmemacher überzeugen mit KI generierte Werke in Bezug auf ihre Qualität bisher nicht. Die Technologie werde allerdings zweifellos Arbeitsprofile innerhalb der Animation überflüssig machen: «Wiederholende und mechanische Aufgaben werden wegfallen».
he Korrektur von Hintergründen oder das Ausradieren von verschiedenen Hilfsmitteln wie Fäden, die animierte Puppen zusammenhalten, Tätigkeiten, die bisher von grossen Mitarbeiterstäben in einer minutiösen Arbeit von Einzelbild zu Einzelbild ausgeführt wurden. Bei einer solchen «Reinigung der Bilder» sieht auch Nicolas Burlet, Produzent bei Nadasdy, perspektivisch den Einsatz von KI. Aus ethischen und qualitativen Gründen verzichtet er bisher aber auf eine Verwendung bei kreativen Aufgaben. Auch Sereina Gabathuler, Produzentin bei Roundabout Film, kann noch keinen Nutzen für sich und ihrer sich in der Produktion befindenden Animationsserie erkennen.
Fred Guillaume, organisiert im April im Rahmen von Focal einen zweitägigen Kurs zu «Animation und KI»: «Wir sind noch weit von einem 100-prozentigen Einsatz entfernt», sagt er, da es rechtliche Risiken in Bezug auf das Urheberrecht gebe und es schwierig sei, das endgültige Bild zu kontrollieren. «Die Produktion wird aber effizienter und günstiger». Die grössten Auswirkungen sieht er bei Auftragsfilmen. Der Autorenfilm werde sich seine Freiheiten bewahren, ist er sich sicher. Damit ist er sich mit El Araby und dem ebenfalls befragten Desto Geima einig. Alle drei Animationsfilmemacher glauben, dass KI-basierte Programme aber auch zu neuen kreativen Ideen anregen werden können.
Kreativität bewahren
«Junge Menschen kommen hierher, weil sie neue Geschichten erzählen und neue Welten erfinden wollen - das ist ein angeborenes Bedürfnis. Warum sollten sie sich das nehmen lassen?», sagt Jürg Haas, Animation-Dozent bei der HSLU, in der schulinternen Publikation «Nummer». «Der Umgang mit KI ist sehr wichtig für die Ausbildung. Es geht um Berufsvorbereitung», ergänzt aber Vize-Dekan Orlando Budelacci. Die Hochschulen sind auch darin gefragt, die ethischen Aspekte, die mit der Benutzung von KI einhergehen, nicht auszuklammern. Dieser Forderung aus Barellis Brief muss man uneingeschränkt nachkommen. Auf den Nachwuchs kommt so eine grosse Verantwortung zu.
“Manche glauben, man könne Kindern jeden Mist vorsetzen.” Desto Geima
In der Zwischenzeit hat zum zweiten Mal der Online-Wettbewerb «Project Odyssey» für mithilfe von KI generierten Kurzfilmen stattgefunden. Diese wie ähnliche Initiativen sind vor allem deswegen interessant, weil sie zeigen, was technisch bisher möglich ist. Davon kann man sich auch bei mit den Kurzserien «D'autres que moi» von Anna Apter (Canal +) und «Prompt» von Jocelyn Collages (Arte) überzeugen. Sie machen aber auch ganz unmissverständlich klar, dass diese Werke nur in Kombination mit der menschlichen Kreativität entstehen können. Mit den bisherigen Resultaten bleiben unterschiedliche Meinungen bestehen: Während sich Desto Geima ärgert, dass manche glaubten, dass man Kindern jeden Mist vorsetzen könne, findet Annegret Richter, die Leiterin des Internationalen Trickfilm-Festivals in Stuttgart, KI dann interessant, wenn sie «künstlerischen Visionen und Ideen eine andere Ebene ermöglichen».